Stadtmagazin Castrop-Rauxel: In der Stadt

Eine nostalgische Reise

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Zwischen Rennbahn und Zeche

Mit quietschenden Bremsen und Geläut kommt der schwere Wagen auf den Schienen zum Stehen. Trauben von Menschen strömen durch die geöffneten Holztüren auf den Marktplatz. Solche und ähnliche Szenen spielten sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch bei uns in Castrop-Rauxel ab. Damals gab es im Stadtgebiet noch eine Straßenbahn. Der Buchautor und Verkehrshistoriker Ludwig Schönefeld lässt die alten Zeiten in seinem neuesten Werk lebendig werden: Auf über 150 Seiten laden informative Kurztexte, Schwarz-Weiß-Fotos, Postkartenmotive und Fahrpläne zu einer nostalgischen Reise ein.

Wettrennen mit der Straßenbahn

In gemächlichem Tempo zuckelte die ›Bimmelbahn‹ durch den Ort. Glaubt man den Zeitzeugenberichten, gab es jedoch auch Ausreißer, denn längst nicht alle Triebwagenführer hielten sich an das vorgeschriebene Geschwindigkeitslimit. »Am Eselsberg zwischen Gerthe und Obercastrop waren wegen des starken Gefälles maximal 25 km/h erlaubt«, erzählt Ludwig Schönefeld. »Hier wurde häufig schneller gefahren, um Fahrzeit aufzuholen. Am Castroper Ortseingang gingen die Fahrer dann mit viel Bremssand in die Eisen, was große Staubwolken aufwirbelte.« Ähnliches berichtet Straßenbahn-Fan Bernd Grode. Er radelte Anfang der 60er-Jahre im Alter von 15 Jahren mit dem Fahrrad von Dortmund nach Schwerin, wo er eine Lehre als Isolierklempner absolvierte – das Geld für das teure Tramticket konnte er so sparen: »Am Schweriner Berg begegnete mir die Bahn, mit der ich mir ein Wettrennen bis zur Zeche lieferte.«

»Entlang der Gleise florierten Geschäfte und Wohngebiete«

Um die Geschichte der Straßenbahn zu verstehen, lohnt es sich, auch ein wenig ins politische Zeitgeschehen einzutauchen. Vor 125 Jahren verfügte das Revier über das größte zusammenhängende Schienennetz Europas, und das Gebiet des heutigen Castrop-Rauxels lag wie ein Mosaikstein mittendrin. 1901 nahm die Märkische Straßenbahn zwischen Castrop und Witten den Betrieb auf. 1907 eröffnete die Elektrische Straßenbahn des Landkreises Dortmund ihre Strecke in Rauxel. Es folgten drei weitere Gesellschaften, die Anbindungen an Bochum, Herne sowie – von Henrichenburg – nach Recklinghausen und Datteln herstellten. »Entlang der Gleise florierten Geschäfte und Wohngebiete«, erklärt Ludwig Schönefeld. »Darüber hinaus waren die Straßenbahnnetze für die damaligen Landkreise, Ämter, Städte und Gemeinden eine Gelegenheit, die Claims für die anstehende Kommunalreform abzustecken, durch die 1926 ja auch die Stadt Castrop-Rauxel entstand.«

Romanze im Wartesaal

Der neue Personennahverkehr brachte aber nicht nur die Wirtschaft in Schwung – er sorgte auch für Verbindungen menschlicher Natur. Wartehäuschen und Waggons wurden plötzlich zum Schauplatz für filmreife Dramen und Romanzen. Im Oktober 1913 geriet der Straßenbahn-Kiosk an der Emschertalbahn in die Schlagzeilen: Eine Schülerin der evangelischen Schule an der Kriegerdenkmalstraße hatte im Warteraum einen geladenen Revolver entdeckt und damit in ihrer Klasse hantiert. Unvergessen bleibt auch die Geschichte des Soldaten, der per Zeitungsannonce nach den zwei jungen Damen suchte, die sein Herz beim Warten an der Haltestelle erobert hatten – ob seine Suche von Erfolg gekrönt war, ist nicht überliefert.

»Anekdoten und Erinnerungen«

Ludwig Schönefeld (Jahrgang 1964) hat diese und andere ­Ereignisse nicht selbst miterlebt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Castrop-Rauxeler Straßenbahnen nach und nach durch Omnibusse ersetzt. Als 1967 die letzte Linie der BOGESTRA im Stadtgebiet den Betrieb einstellte, war der Verkehrsexperte noch im Kinderwagen unterwegs. »Aber ich bin jahrelang in Bochum Straßenbahn gefahren: jeden Tag zur Schule und zurück«, verrät er. »Die Technik hat mich schon damals fasziniert. Und auch die Unterhaltung mit anderen Fahrgästen war sehr bereichernd. Man hat immer wieder dieselben Leute getroffen, Freundschaften geschlossen, Gespräche geführt. Die Geschichte der Straßenbahn besteht nicht nur aus Daten und Fakten. Sie beinhaltet viele Anekdoten und Erinnerungen.«

Ludwig Schönefeld
›Die Straßenbahn in Castrop-Rauxel – Unterwegs zwischen Rennbahn und Zechen seit 1901‹
GeraMond · Hardcover · 29,99 Euro

Termintipp
Ludwig Schönfeld · ›Castrop-Rauxel einst und jetzt‹
Vortrag in Kooperation mit der VHS · 24.11., 18 Uhr · Bürgerhaus

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