Stadtmagazin Castrop-Rauxel: In der Stadt

Interview mit dem ›Ex‹

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»Was ich gemacht habe, habe ich gerne gemacht«

In diesem Jahr wird Castrop-Rauxel 100 Jahre alt. Wir sprechen mit Menschen, die das Schicksal der Stadt geprägt und begleitet haben. Den Anfang macht: Johannes Beisenherz. Zwar war er nicht 100 Jahre Bürgermeister, aber man kann ihn durchaus als Jahrhundertbürgermeister bezeichnen. Jedenfalls sorgte er mit seinem legendären Auftritt als Queen Elizabeth für ein echtes Highlight in der Stadtgeschichte smiley

Name: Johannes Beisenherz
Alter: 76
Geburtsort: Castrop-Rauxel
Beruf: Bürgermeister im Ruhestand
Familienstand: verheiratet, zwei erwachsene Söhne
 
Erinnern Sie sich noch daran, was Sie als Kind werden wollten?
Nö. Meine Eltern hätten gerne gehabt, wenn ich nach der Zehnten abgegangen wäre, um bei der Sparkasse anzufangen. Ich hatte sogar schon den Einstellungstest bestanden und musste nur noch den Lehrvertrag unterschreiben. In letzter Minute überzeugte uns eine Lehrperson vom ASG, dass ich auf der Schule bleiben und Abi machen soll. Danach schwankte ich zwischen zwei Berufen: Lehrer und Journalist. Mir wurde aber schnell klar, dass man als Journalist Vitamin B braucht, um in bestimmte größere Redaktionen zu kommen. Also schrieb ich mich gemeinsam mit meiner jetzigen Frau, die ich schon zur Oberstufenzeit kennengelernt hatte, für ein Lehramtsstudium an der Ruhruni Bochum ein. Sie wählte Französisch und Theologie, ich Deutsch und Theologie. Und ich war mit dieser Entscheidung überhaupt nicht unglücklich.

Was hat Sie im Erwachsenenalter dazu bewogen, sich politisch zu engagieren?
Das kann ich konkret beantworten: der Bundestagswahlkampf von Willy Brandt 1969. So kam ich zur SPD. Auch das Geschehen rund um die APO, die außerparlamentarische Opposition, hat mich sehr gefesselt: zu sehen, dass man durch Protest etwas bewegen kann. Wir haben damals auch an Demos im Umfeld der Universität teilgenommen.

Welchen Rat würden Sie Ihrem jüngeren Ich vor dem ersten Amtstag geben?
Nimm dir die Zeit, in deine Rolle hineinzuwachsen! Und lass dich von guten Leuten beraten, die lange im Geschäft sind! Das Bürgermeisteramt ist ein Amt, das große Freude bereitet und Verbindung zu den Menschen herstellt. Es strahlt aber auch eine gewisse Bürde aus und fordert Entscheidungen ein. Als ich anfing, hatte ich eine erfahrene Sekretärin an meiner Seite, die mich sehr unterstützt hat.

Ihr witzigstes Erlebnis als Bürgermeister:
Mein Auftritt als Queen Elizabeth im Zuge einer WDR-Aktion! Wir sollten eine historische Szene aus den 50ern nachspielen. Damals waren Schwäne von der Themse als Geschenk in den Stadtpark gebracht worden. Das WLT hat mich also als Queen verkleidet. Begleitet von einer königlichen Garde mit Fellmützen wurde ich vom Bürgerhaus zum Marktplatz kutschiert, wo ich eine Ansprache hielt. Mir hat es einen Riesenspaß gemacht – und die Leute hatten noch wochenlang danach ihre Freude.

Was war das absurdeste Anliegen, das je auf Ihrem Schreibtisch gelandet ist?
Einmal kam eine verzweifelte Frau in meine Sprechstunde, die mich darum bat, ihr einen Partner zu besorgen. Ernsthaft!

Wie ruhig gestaltet sich Ihr Ruhestand?
Nach elf Jahren als Bürgermeister kann man nicht von Hundert auf Null gehen. Da verblödet man. Ich wollte mich engagieren. Und das habe ich dann auch getan – im Rahmen von Sprachkursen für Migranten, Jobcoachings, in der Bürgerstiftung AGORA, im Tierschutz und beim DRK. Als Standesbeamter führe ich nach wie vor sporadisch Trauungen durch. Den Rest der Zeit verbringe ich mit Gartenarbeit oder mit unserem Hund Willy, der mir beigebracht hat, dass man unterwegs nicht mit dem Handy telefoniert.

Das klingt ja fast schon ein bisschen stressig. Haben Sie denn nie frei?
Oh doch, ich spiele jeden Sonntag mit meinem Bruder Tennis. Einmal im Jahr steht ein großer Familienurlaub auf dem Programm, dann treffen wir uns alle in Holland oder im Allgäu. Zusammen mit meiner Frau habe ich u. a. drei schöne Kreuzfahrten und einige Fernreisen unternommen. Außerdem besuchen wir regelmäßig Theaterstücke des WLT, Kabarettveranstaltungen im Spiegelzelt Dortmund und Konzerte.

Haben Sie eine Lieblingsband?
Ich mag alles im Rock- und Popbereich, am besten aus den 60ern, 70ern und 80ern, und habe schon viele große Künstler live gesehen, von Lionel Richie über Bryan Adams, Phil Collins und Sting bis hin zu Jennifer Rush.

Lieblingsfilm: ›Dirty Dancing‹ fand ich toll. Oder ›Zur Sache, Schätzchen‹ mit der jungen Uschi Glas. Ansonsten bin ich ein Krimi-Fan.

Lieblingsessen: Taxi-Teller

Das Ruhrgebiet ist ...
… ein Schmelztiegel, wo Menschen unterschiedlichster Kulturen zusammen viel geschaffen haben. Durch den Wandel von Industrie und Umwelt wird das Ruhrgebiet heute nicht mehr als Kohlerevier wahrgenommen, sondern als Anziehungspunkt für Touristen. Es ist wirklich meine Heimat – ich habe mich nie veranlasst gesehen, woanders hinzuziehen.

Was macht Ihnen Angst?
Angst habe ich nicht. Es gibt jedoch Dinge, die mir Sorge bereiten, gerade im Hinblick auf meine Kinder und Enkelkinder. Ich meine nicht nur die AfD, sondern die gesamte geopolitische Situation. Wenn ich in die USA schaue, packt mich das kalte Grausen. Ähnliche Entwicklungen, wenn auch in abgeschwächter Form, sind in Ländern wie Italien und Frankreich zu beobachten. Ein weiteres Ärgernis ist der Umgang in den sozialen Medien. Da entwickelt sich eine Art der verbalen Unkultur bis hin zu Pöbelei und Hetze, die mich sehr besorgt.

Was macht Sie glücklich?
Meine Familie mit Frau und Kindern. Und dass ich in der Lage bin, meinen Interessen und Hobbys nachzugehen.

Mit welchem Promi würden Sie gern mal einen Kaffee trinken gehen?
Meinen Neffen Micky treffe ich regelmäßig, da brauche ich keinen Kaffee. Wenn er noch leben würde: Uwe Seeler.

Gibt es etwas, das Sie bereuen?
Kann ich nicht sagen. Was ich gemacht habe, habe ich gerne gemacht. Vielleicht war nicht alles perfekt – aber wenn ich einen Fehler bemerkt habe, habe ich immer versucht, ihn wieder auszubügeln.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten …
… würde ich mir wünschen, noch einige Jahre gesund und munter und agil zu sein. Und dass mir meine Familie erhalten bleibt!

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