Eine Reise durch die Zeit
›Castrop-Rauxel einst & jetzt‹ erzählt Geschichte
Der Platz mit dem Reiterbrunnen wird von prächtigen Jugendstilfassaden eingerahmt. Im Hintergrund lugt ein Kirchturm über die Dächer. Die nostalgische, in Sepia getauchte Szenerie ist unverkennbar: Wir befinden wir uns im Herzen der Stadt, auf dem Castroper Altstadtmarkt. Bis heute, so scheint es, hat sich kaum etwas verändert – von den vielen parkenden Autos einmal abgesehen.
Zwei Bilder, eine Perspektive
»Um den Wandel der Stadt zu dokumentieren, haben wir historische Aufnahmen gesammelt und ihnen aktuelle Vergleichsfotos gegenübergestellt«, erklärt der Historiker und Buchautor Ludwig Schönefeld. Anlässlich des Jubiläums ›100 Jahre Stadt Castrop-Rauxel‹ hat er sich auf eine Reise in die Vergangenheit begeben – mit journalistischem Spürsinn und in enger Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv. So entstand der Bildband ›Castrop-Rauxel einst & jetzt‹, der archivierte Fotoschätze mit neueren Fotografien und informativen Texten verknüpft. »Wir wollten einen frischen Ansatz finden, um uns von älteren Publikationen abzuheben. Es ist schon spannend, Orte wie den Markt oder den Bahnhof im zeitlichen Kontrast zu sehen.«
Recherche im Stadtarchiv
In Gelsenkirchen geboren, in Bochum aufgewachsen, kennt er das Ruhrgebiet wie seine Westentasche: Als freier Mitarbeiter und Volontär der Ruhr Nachrichten reiste er schon in jungen Jahren quer durch das Revier. Privat forschte er zur Stadt- und Verkehrsgeschichte des Ruhrgebiets, veröffentlichte mehrere Bücher und Websites zu diesem Thema. 2021 suchte er für eine seiner Recherchen den Kontakt zum Stadtarchiv. »Als der Archivar Thomas Jasper sich zum Jubiläum ein Buch über Castrop-Rauxel wünschte, reifte die Idee, mit Unterstützung einiger Heimatfreunde eine neue Chronik zu schreiben.«
Versteckte Kleinode
Das Werk richtet seinen Blick in alle Stadtteile und nimmt gezielt auch jene Schauplätze in Augenschein, die in früheren Veröffentlichungen weniger Aufmerksamkeit fanden: von versteckten Kleinoden wie der Pöppinghausener Dorfkirche über die zahlreichen Hinterlassenschaften der Bergbau-Ära bis hin zu den ›grünen Oasen‹ in Deininghausen oder dem Frohlinder Mühlenteich. Aber auch lokale ›Leuchttürme‹ wie Schloss Bladenhorst oder Haus Goldschmieding dürfen hier natürlich nicht fehlen. »Der Untertitel ›einst und jetzt‹ bedeutet nicht, dass wir historische Bilder aus dem Stadtgründungsjahr mit heutigen Stadtansichten vergleichen«, stellt Ludwig Schönefeld klar. »Einerseits gehen wir zurück bis zur ersten urkundlichen Erwähnung der ›Villa Castorpe‹ um 834. Andererseits zeigen wir spannende Fotos aus den 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren und vergleichen diese mit der Gegenwart.«
Erinnerungen und Lokalkolorit
Bei der Sichtung und Auswahl der historischen Fotografien und Postkarten standen ihm der Leiter des Stadtarchivs, Thomas Jasper, und Martin Lochert vom Förderverein Bergbauhistorischer Stätten zur Seite. Die aktuellen Vergleichsfotos wurden von den Castrop-Rauxeler Fotografinnen und Fotografen Jutta Hardt, Dr. Peter Hoffmann, Ludger Staudinger, Georg Wand und Rüdiger Wendt angefertigt. »Es ist mir wichtig, Geschichte von unten zu zeigen, das heißt aus der Perspektive der Menschen«, sagt Ludwig Schönefeld. »Deshalb enthalten die Texte viele Erinnerungen und Lokalkolorit.« So habe er als Außenstehender manches dazugelernt. »Ich habe anfangs nicht gewusst, dass die Pflasterung der Straße ›Im Ort‹ die Kohleflöze der Zeche Erin nachbildet, was man erst aus der Vogelperspektive erkennt. Ebenso habe ich gelernt – und bei einem Besuch vor Ort gehört –, dass die Lambertuskirche eine herausragende Kirchenorgel besitzt, auf der mitunter auch international renommierte Organisten Konzerte geben.«
Neues Zuhause für tausende Menschen
Was den Wattenscheider an Castrop-Rauxel am meisten fasziniert? »Das bürgerschaftliche Engagement, das in vielen Lebensbereichen anklingt, von der legendären Abstimmung für ein vereintes Europa über die Sportvereine und das Castroper Pferderennen bis hin zu den Errungenschaften im Bereich Migration, über die ich bei meinen Nachforschungen für das Kapitel über Schwerin gestolpert bin. Wer hätte gedacht, dass Castrop-Rauxel in den Vierziger- und Fünfzigerjahren wie keine andere Stadt Flüchtlinge aufgenommen hat? Rund 16.000 Menschen fanden dadurch ein neues Zuhause – etwa ein Viertel der damaligen Bevölkerung. Eine unglaubliche Integrationsleistung!« Einen Lieblingsort hat er auch schon ausgemacht: »Der Marktplatz im Sommer! Ich habe hier unter den Sonnenschirmen einige gute Gespräche geführt und nette Menschen kennengelernt. Deshalb hat es auch so viel Spaß gemacht, das Buch zu schreiben.«
Signierstunde beim Familienfest
Der 128 Seiten umfassende Text- und Bildband soll pünktlich zum Westfälischen Archivtag in Castrop-Rauxel Mitte März in den Buchhandlungen liegen. Bei der offiziellen Buchvorstellung am Freitag, 20. März, um 19 Uhr im Bürgerhaus sowie beim Familienfest zum 100-jährigen Stadtjubiläum am 30. Mai am Forum haben interessierte Bürgerinnen und Bürger zudem die Chance, ein vom Autor signiertes Exemplar zu ergattern. Im Sommer erscheint dann auch ein weiteres Buch, mit dem Ludwig Schönefeld als Historiker mit dem Forschungsschwerpunkt Verkehrsgeschichte zu seinen Wurzeln zurückkehrt: ›Die Straßenbahn in Castrop-Rauxel – Unterwegs zwischen Rennbahn und Zechen seit 1901‹.
Ludwig Schönefeld:
›Castrop-Rauxel einst & jetzt‹
Hardcover · 24,99 Euro
Sutton Verlag
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