Stadtmagazin Castrop-Rauxel: Kunst und Kultur

Irish Folk unterm Förderturm

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The Bocs bringen irische Lebensfreude nach Castrop-Rauxel

Manchmal reichen ein paar Takte, um den Kopf auf Reisen zu schicken: Plötzlich befinden wir uns an einer windigen Küste oder in einem gut gefüllten Pub, wo Gläser klirren und Männer mit Schiebermützen frisch gezapftes Guinness schlürfen. Irish Folk hat diesen Effekt, selbst wenn man sich gerade in Castrop-Rauxel befindet und die Jungs auf der Bühne keine Iren, sondern waschechte Ruhrpottler sind.

Mit Banjo und Akkordeon

»Das mit dem Guinness ist allerdings ein Klischee«, lachen Nils, Torben und Molle von der Castrop-Rauxeler Band ›The Bocs‹, die in diesem Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum feiert. »Zum Trinken haben wir bei unseren Konzerten keine Zeit. Es wäre bei den vielen Instrumentenwechseln und der Bewegung auf der Bühne auch gar nicht so einfach.« Seit einigen Jahren tourt die sechsköpfige Kombo mit mehrstimmigem Gesang und typisch irischen Instrumenten wie Banjo, Mandoline, Geige und Akkordeon durch die Region. Was viele Fans nicht ahnen: Begonnen hat alles ganz anders – mit ein paar Schulfreunden und Spaß-Punk in der WG-Küche.

»Lasst die Finger von den Schallplatten!«

Es war Anfang der Neunziger, Eurodance eroberte die deutschen Charts. »Damit konnten wir nichts anfangen«, erzählt Nils, Bassist und Band-Mitbegründer. »Wir haben uns lieber heimlich durch die Plattensammlung des Bruders eines Kollegen gehört. Die beiden teilten sich ein Zimmer, und der Bruder ermahnte uns ständig: ›Lasst die Finger von den Schallplatten!‹ Wir haben natürlich nicht auf ihn gehört und so Gruppen wie the Pogues oder The Cure entdeckt.« Neben eigenen Punk-Songs mit deutschen Quatsch-Texten wurden auch die Songs der großen Vorbilder ins Repertoire aufgenommen.

Von belegten Brötchen und leeren Aschenbechern

Der Bandname lautete anfangs noch ›Los Bocadillos‹ – weil im Moment der Namensfindung die Mutter eines Freundes mit einem Teller belegter Brötchen hereinkam. Gespielt wurde zunächst nur im privaten Kreis. 2002 dann der erste offizielle Gig, an den sich Nils und Torben gut erinnern. »Ein Bekannter hat es später so formuliert: ›Ihr konntet nichts, aber ihr habt einfach nicht aufgehört.‹ Er hatte sich zwischendurch einen Burger geholt, und bei seiner Rückkehr waren wir immer noch zugange. Wir haben damals alles mitgenommen, was wir kriegen konnten. Oft waren das gar keine richtigen Bühnen, sondern irgendwelche abbruchreifen Häuser oder Getränkekisten mit einem Brett obendrauf.« Nach wie vor legendär: das Konzert, bei der die Lokalmatadore als ihre eigene Vorband aufmarschierten. »Wir haben uns Schnurrbärte angeklebt und als ›Empty Ashtrays‹ eine Hasstirade auf uns selbst losgelassen. Nicht alle Freunde im Publikum haben uns erkannt.«

»Man geht in den Pub, auf einmal schlägt jemand einen Takt …«

Aber wie wurden ›Los Bocadillos‹ denn nun zu ›The Bocs‹? »Wir haben uns gefragt: Worauf können wir uns einigen, um unser Profil zu schärfen? An welchen Liedern hängt unser Herz?« Die Antwort fiel leicht, da alle Bandmitglieder zugleich Irlandfans waren – allen voran Torben (Gesang, Akkordeon), der die Grüne Insel seit seinem 16. Lebensjahr regelmäßig bereist. »Eigentlich wollte ich nach Lloret de Mar, aber die Busreise war ausgebucht. Es standen nur noch Irland und Bulgarien zur Wahl.« Er schmunzelt. »Gut, dass ich mich für Ersteres entschieden habe – sonst würden wir heute bulgarische Folklore machen.« Was ihn an Irland fasziniert? »Die Gastfreundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Lebensfreude der Menschen.« Diese Lebensfreude hat auch Nils bei seiner Radtour am Ring of Kerry erlebt: »Man geht in den Pub, auf einmal schlägt jemand einen Takt mit seinem Kaffeelöffel, ein zweiter holt seine Klampfe raus, und man denkt: Das kann doch nur eine Show für Touristen sein. Aber nein, der Ort ist kein Touri-Hotspot, es ist das echte Leben!«

Von traditionell bis rockig

Seit nunmehr zehn Jahren bringen The Bocs das authentisch irische Lebensgefühl auf die Bühne: in Kneipen und Cafés, auf Pfarrfesten oder bei Whiskey-Tastings. Traditionelle Lieder wie ›Dirty Old Town‹ oder ›Wild Rover‹ stehen ebenso auf der Playlist wie Coverversionen modernerer Stücke – hier kann es mit Interpreten wie Flogging Molly oder Dropkick Murphys auch mal etwas rauer werden. Hinzu kommen immer wieder eigene Songs. »Das ist das Coole an Irish Folk«, findet Molle (Schlagzeug). »Es ist für jeden Rahmen etwas dabei, von gediegen bis rockig. Ältere Leute schunkeln, Kinder tanzen, Jüngere geben richtig Gas. Und selbst wenn jemand lauthals schief mitsingt, heizt das noch die Stimmung an.«

»Mehr, als wir uns je erträumt haben«

Eine Nachwuchsband sind The Bocs schon lange nicht mehr. Doch wenn sie von ihrer Musik erzählen, leuchten ihre Augen wie damals in der WG-Küche. Dass sich der lange Atem lohnt, zeigen die wachsenden Zuschauerzahlen in jüngster Zeit: sei es beim Konzert im ­Yahoo in Waltrop, beim ALS-Benefizevent im Parkbad Süd oder beim Nightshopping auf dem Marktplatz. Für den
6. März ist ein irischer Abend mit Livemusik, Speisen und Whiskey-Tasting im Globus in Castrop-Rauxel geplant. Danach geht es ab ins Aufnahmestudio. Und mit etwas Glück wartet dann noch eine kleine Deutschland-Tour im Gefolge eines ­bekannteren Headliners. »Wir können kaum fassen, dass gerade so viel passiert. Das ist mehr, als wir uns je erträumt haben! Aber der Spaß steht für uns auch nach 25 Jahren an erster Stelle!«

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