Stadtmagazin Castrop-Rauxel: Historisch

Das traurige Einhorn

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Jule Springwald erzählt

Wie jeder weiß, erscheinen Einhörner immer dort, wo Fantasie in bester Ausprägung lebt. Sie beflügeln uns und lassen Träume lebendig werden. Vor allem Kinder, aber auch Erwachsene, die sich ihre kindliche Seele bewahrt haben, sehen sie und finden – je nach Lebenssituation – Freude, Trost, Hoffnung und Zuversicht in ihrem Erscheinen.

Einhörner sind sanft und freundlich. Ihr Fell ist strahlend weiß und besteht, wenn man genau hinschaut, aus lauter winzigen Sternen. Wenn ein Mensch sehr traurig oder verzweifelt ist, schenkt das Einhorn ihm einen seiner Sterne. Unter diesem Stern ist die Haut goldfarben und das Fell beginnt dort zu glitzern, bis ein neuer Stern gewachsen ist.

In den vergangenen Jahren hat man immer mehr glitzernde Einhörner gesehen, weil immer mehr Menschen einen Stern brauchten. Gleichzeitig werden es immer weniger Einhörner, da ein Einhorn, das alle seine Sterne verschenkt hat, bevor wenigstens ein neuer nachgewachsen ist, für immer verschwindet. So dachte ich jedenfalls, und angesichts der vielen Menschen, die zurzeit die Hilfe eines Einhorns gut gebrauchen könnten, wurde ich ganz traurig.

In der vergangenen Nacht kam endlich eines zu mir. Es glitzerte überall, nur hier und da sah ich noch einen weißen Stern. So traurig ich auch war, so war ich doch auch neugierig und wollte von dem Einhorn wissen, wieso nur so wenige Sterne übrig waren. Da begann das Einhorn zu erzählen.

»Zu allen Zeiten gab es Menschen, die unsere Hilfe benötigten. Viele Jahre waren es mal weniger, mal mehr Menschen, denen wir unsere Sterne schenkten. Und das taten wir ohne Ansehen desjenigen, der Hilfe suchte. In Kriegszeiten oder wenn Naturkatastrophen die Erde heimsuchten, mussten wir sehr oft zur Sternenwiese, um uns zu erholen. Auf der Sternenwiese wachsen unsere Sterne nach. Dann können wir wieder zurückkehren und den Menschen weiterhelfen.

Seit ein paar Jahren gibt es einen Mann, der verzweifelter ist als alle Menschen, denen wir bisher geholfen haben. In seiner Verzweiflung behandelt er seine Mitmenschen schlecht. Nebenbei hält er sich trotzdem für den großartigsten Menschen der Welt.
Wir haben ihm schon so viele Sterne geschenkt, aber es hilft nichts. Und nun hat er viele von uns in seiner Verzweiflung gefangen und will sie erst freilassen, wenn wir ihm das Geheimnis unserer Sterne verraten. Dann würde er den Menschen zeigen, dass er in Wahrheit das großartigste Einhorn ist und damit der einzige Anführer, den sie brauchen. So will er sich die Welt zu eigen machen. Aber das kann nicht funktionieren, weil wir den Zauber nicht weitergeben können. Und so kann er seinen großen Reden natürlich nicht Taten folgen lassen und wird immer verzweifelter.

Wir Einhörner brauchen nun selbst Hilfe von mutigen und zuversichtlichen Menschen, die uns aus dieser Gefangenschaft befreien. Dann können wir uns auf der Sternenwiese erholen und nach einiger Zeit den Menschen, die uns wirklich brauchen, wieder unsere Hilfe bringen.«

Nachdem das Einhorn mir einen Stern geschenkt hatte, versprach ich, diese Geschichte weiterzugeben, damit genügend Menschen zusammenkommen, um die Einhörner zu befreien.

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