Stadtmagazin Castrop-Rauxel: In der Stadt

Christstollen

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Jule Springwald erzählt

Endlich, nach vielen Jahren Pause, habe ich in diesem Jahr mal wieder Christstollen gebacken, so richtig mit Zitronat, Orangeat und Rosinen und was sonst noch alles so hineingehört … Und vor allem: mit Hefe, und zwar frischer Hefe, nicht etwa der aus der Tüte. Und wie ich dann so knetete – natürlich mit der Hand, nicht mit der Maschine –, fiel mir folgende Geschichte wieder ein.

Meine Mutter und ich wollten in einem Jahr alle Weihnachtsgebäcke selber machen. Also kauften wir ein, alles, was man sich so vorstellen kann: 20 Kilogramm Mehl, 20 Kilogramm Zucker, sechs Gläser Honig, 20 Kilogramm Margarine und in passenden Mengen Rosinen, gehackte gemahlene und gehobelte Mandeln und Haselnüsse, Marzipan, Nougat, Zitronat und Orangeat, Blockschokolade hell und dunkel, Rosenwasser, Vanille- und Zimtstangen, Anis, Kardamom, Backpulver, Lebkuchengewürz, Kokosflocken, Oblaten, Rum, Schokostreusel, Eier und natürlich frische Hefe.

Mit dem Stollen verhält es sich ja so: Damit er zu Weihnachten richtig gut schmeckt, muss er mindestens vier Wochen liegen. Da wir eine große Familie waren und zur Weihnachtszeit immer viele Gäste hatten, reichte ein Stollen nicht aus. Wir rechneten durch und kamen zu dem Ergebnis, dass wir mit sieben Stollen einigermaßen gut im Rennen lagen, und fingen Allerheiligen mit der Backerei an. Natürlich wollten wir den ganzen Teig auf einmal zubereiten, damit wir ein gleichbleibendes Geschmackserlebnis erzielen konnten.

Nun passten nicht alle Zutaten in eine normale Schüssel, deshalb nahmen wir die Babybadewanne zum Kneten. Es war natürlich nicht so ein Modell wie heute, einfach eine kleine rosa Plastikwanne. Sieben Kilogramm Mehl und entsprechend viel von den anderen Zutaten wurden zu einem Hefeteig verknetet und inzwischen der Backofen vorgeheizt. Durch die Menge der Zutaten und das entsprechend anstrengende Kneten dauerte alles ein bisschen länger als geplant.

Als der Teig endlich zum Backen bereit war, nahm meine Mutter ein Siebtel der Teigmasse, formte einen Stollen und legte ihn auf ein Backblech, ebenso das zweite und dritte Siebtel. Das erste Blech wurde in den Ofen geschoben und kam nach der Backzeit duftend heraus. Sofort wurde der zweite Stollen in den Backofen geschoben, der Teig für den vierten Stollen auf das nächste Blech gepackt. Der vierte Stollen sollte ja genauso groß werden wie die anderen, aber als wir die entsprechende Menge aus der Badewanne nahmen, kam uns das ein wenig merkwürdig vor. Noch dachten wir nicht viel dabei. Aber schon nach dem nächsten Stollen, der den Backofen verließ, wurden wir doch sehr stutzig. Es schien so, als ob sich die Wanne wieder füllte.

Nach fünf Stollen, die fertig gebacken waren, beschlossen wir, die restlichen ›beiden‹ am nächsten Tag zu backen. Am folgenden Tag nahm meine Mutter das Leinentuch, mit dem der Teig über Nacht bedeckt gewesen war, weg und staunte nicht schlecht. In der Schüssel beziehungsweise Wanne war mindestens genau so viel Teig wie am Anfang. Also backten wir, was das Zeug hielt, und staunten nur immer wieder über die wundersame Vermehrung. Am Ende hatten wir 21 Stollen – na gut, der letzte war ein bisschen kleiner als die anderen. Aber mit der Stollenmenge waren wir dann den ganzen Winter versorgt. Im nächsten Jahr wollten wir das gerne wiederholen, aber wir versuchten es mit Trockenhefe. Sei es nun, dass wir nicht genau nach Anleitung gearbeitet hatten oder dass die Trockenhefe nicht so gut ging … Am Ende des Teigs waren es diesmal nur vier Stollen geworden, und die waren lange nicht so leicht und lecker wie die im Vorjahr, sondern ziemlich fest und eher trocken.
Aus dem Teig für zwei Stollen in diesem Jahr sind vier geworden.

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