Stadtmagazin Castrop-Rauxel: Dies und Das

Sonne, Mond und Sterne …

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Interview mit Dr. Tom Fliege

Seit jeher träumt die Menschheit davon, die Geheimnisse des Universums zu erforschen. Einer, der regelmäßig sein Teleskop in den Nachthimmel richtet, ist VHS-Dozent Dr. Tom Fliege. Wir trafen den Astro-Experten zum Interview.

Was hat das Interesse an den Sternen bei Ihnen geweckt?

»Schon als kleiner Bubi hat es mich fasziniert, im Urlaub den Nachthimmel zu betrachten, diese vielen kleinen hellen Punkte zu sehen. Irgendwann wird man neugierig, man will mehr erkennen als den großen Wagen, aber Papa und Mama wissen auch nicht weiter, also besorgt man sich Bücher und Karten.«
 
Und dann haben Sie Astronomie studiert?

»Nein, eigentlich bin ich promovierter Chemiker, habe mein Geld zehn Jahre lang in der Pharmaindustrie verdient. Aber die Astronomie und auch das Fotografieren waren immer wichtige Interessensgebiete für mich. Schon mit kleinen Mitteln wie Fernglas und Sternenkarte bzw. Digitalkamera kann man in den Weltraum blicken und tolle Fotos machen.«

Wie kam es, dass die Leidenschaft zum Beruf wurde?

»Bald hatte ich einen ganzen Stapel Fotos zu Hause. Doch ich habe schnell gemerkt: Sie zu zeigen, reicht nicht, man muss dazu etwas erzählen. Bei den ersten zwei, drei Bildern rufen die Leute noch ›oh, toll‹, aber spätestens beim fünften, sechsten schlafen sie ein, weil es aus ihrer Sicht doch immer der gleiche schwarze Himmel mit weißen Punkten ist. So sind die Vorträge und Workshops entstanden, die ich heute für Volkshochschulen, Sternwarten und Planetarien im ganzen Ruhrgebiet anbiete.«

Worum genau geht es in diesen Vorträgen? Braucht man Vorwissen?

»Keineswegs. Es werden die Grundlagen der Astronomie und Astrofotografie vermittelt: Wie kann ich Sonne, Mond, Planeten, Sterne, Nebel und Galaxien mit erschwinglichen amateurastronomischen Mitteln am Himmel sehen und fotografieren? Wofür sind all die Knöpfe und Einstellungen an meiner Spiegelreflexkamera überhaupt gut? Wie sammelt ein Teleskop Licht? Aber auch: Wie groß ist unser Sonnensystem? Wie weit ist der nächste Stern entfernt? Was ist die Milchstraße? Ich möchte Begeisterung für die Wissenschaft wecken. Nicht vom Elfenbeinturm aus, sondern in verständlicher Sprache, mit Bildern, Diagrammen und anschaulichen Beispielen.«

Und, können Sie uns die Milchstraße erklären, in einfachen Worten?

»Die Milchstraße ist eine Galaxie: ein sich drehender Knubbel, bestehend aus Milliarden von Sternen, der Spiralarme hinter sich herzieht. Ihre Form – es handelt sich um eine flache Scheibe mit breitem Durchmesser – erinnert an einen Diskus. Die Erde sitzt nun innerhalb dieser Galaxie, auf einem Spiralarm zwischen dem knubbeligen Zentrum und dem Rand. Was wir von unserer Position aus sehen, wenn wir in die ›Diskusebene‹ schauen, ist die Milchstraße: ein helles Band am Nachthimmel. Außer unserer gibt es natürlich noch viele andere Galaxien, aber die meisten sind weit weg und nur schwach erkennbar.«

Haben Sie ein Lieblingssternenbild oder einen Lieblingsplaneten?

»Ich mag den Skorpion, weil der einigermaßen so aussieht, wie er heißt. Er steht mitten in der Sommermilchstraße. Mein Lieblingsplanet ist eindeutig der Saturn, weil er mit dem Ring so wunderschön ist – und der Ring nicht runterfällt. Sein Anblick durch ein Teleskop hat schon bei vielen Leuten das Astronomiefieber ausgelöst.«

Für andere faszinierende Bilder braucht man gar nicht so weit in die Ferne zu schweifen. Auf die nächste einigermaßen sichtbare, partielle Mondfinsternis in Deutschland müssen wir allerdings noch bis zum Morgen des 16. Mai 2022 warten. Warum färbt sich der Mond bei solchen Ereignissen manchmal blutrot? Müssen wir uns Sorgen machen?

»Bei einer Mondfinsternis steht die Erde so zwischen Sonne und Mond, dass der Mond vom Kernschatten der Erde bedeckt wird. Ein wenig Sonnenlicht wird aber durch die Erdatmosphäre abgelenkt und fällt als schwacher Schein auf den Mond. Gleichzeitig schluckt die Atmosphäre den blauen Lichtanteil, beim restlichen Licht überwiegt der rote Lichtanteil. Daher wirkt der Mond rötlich.«

Das klingt alles super spannend. Ihre Veranstaltungen sind bestimmt immer rappelvoll  …

»Tatsächlich ist die Astronomie eine absolute ›Randsportart‹. Dabei bieten die Sterne so viel Schönheit im hektischen Alltag. Doch diese Schönheit wird oft übersehen. Erwachsene sind übrigens leichter zu begeistern, da Kinder heute durch Computer, Filme und Handys nur Zehn-Sekunden-Aufmerksamkeitsspannen haben. In der Astronomie gibt es aber keine Bang-Bumm-Knall-Effekte. Das ist eher Slow-Food fürs Auge. Wenn ich in Teneriffa auf meiner Isomatte liege, denke ich immer wieder: ›Boah!‹. Man schaut in die Vergangenheit, in diese riesigen Weiten, und wird sich bewusst, wie klein und nichtig wir Menschen mit unseren alltäglichen Sorgen und Kriegen eigentlich sind: nicht mehr als ein Haufen Ameisen. Diese Erhabenheit ist wirklich beeindruckend.«

Glauben Sie eigentlich an Außerirdische?

»Ich vertraue da eher auf wissenschaftliche Beweise als auf Glauben. Die Wahrscheinlichkeit, dass fremdes Leben irgendwo da draußen existiert, ist gering, aber sie ist da. Vor allem, wenn man von der Unendlichkeit des Universums und der unglaublich großen Anzahl von Galaxien und Sternen ausgeht. Damit meine ich nicht unbedingt intelligentes Leben, sondern vielmehr Leben in Form von Einzellern, Viren, Bakterien oder Lebensformen, die wir uns gar nicht vorstellen können. Bisher haben wir aber selbst vor unserer Haustür, in unserem Sonnensystem, noch nichts gefunden, lediglich einige Orte mit den notwendigen Voraussetzungen. Von den extrem weiter entfernten Sternensystemen werden wir es wohl nie erfahren, außer vielleicht in Science-Fiction Filmen.«

Können Sie Science-Fiction Filme genießen oder guckt der Wissenschaftler immer mit?

»Ja, der guckt tatsächlich immer mit. Einige Filme sind wirklich haarsträubend. Andere, insbesondere die neueren wie ›Der Marsianer‹ oder ›Gravity‹ sind ziemlich gut gemacht. Kleinigkeiten fallen einem trotzdem immer auf.«

Können Sie uns zum Abschluss noch einen Tipp geben, wo in der Umgebung man die Sterne mit bloßem Auge am besten beobachten kann?

»Schwierig. Möglichst dunkel sollte es sein. Hier im Ruhrgebiet mögen es die Leute leider, ihre Häuser und Gärten bei Nacht zu beleuchten, was zu einer hohen Lichtverschmutzung führt. Darüber ärgern sich die Astronomen und die Fledermäuse. Ich persönlich reise gerne nach Teneriffa. Dort sieht man viel mehr Sterne und natürlich auch die Milchstraße. In der Nähe empfehle ich das Sauerland, die Haard oder die Eifel. Da kann man zumindest einen Eindruck von den unfassbar riesigen Dimensionen bekommen.«

Termintipp

Von der Erde bis in die Tiefen des Weltalls

Dieser reich bebilderte ›Reisebericht‹ erklärt Ihnen, wie man Sonne, Mond, Planeten, Sterne, Nebel und Galaxien mit erschwinglichen amateurastronomischen Mitteln am Himmel sehen und fotografieren kann. Modelle, Bilder und Animationen machen die faszinierende Naturwissenschaft auch für den Laien verständlich. Die kosmischen Kreisläufe, die unfassbar riesigen Dimensionen und die Position des Menschen als winziger Teil des Kosmos werden erläutert.

›Mein Himmel – Eine astronomische Reise von der Erde bis in die Tiefen des Weltalls‹

Bildvortrag mit Dr. Tom Fliege
14.01.2019 · 19 Uhr · Bürgerhaus

Die Wissenschaft von den Sternen ist nicht das einzige Fachgebiet von Dr. Tom Fliege. Auf seinem ›Planeten‹ existieren vier ›Kontinente‹: Astronomie, Fotografie, Leben und Musik. Mehr erfahren Sie unter www.Planet-Fliege.de

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