Stadtmagazin Castrop-Rauxel: Dies und Das

Die Nebelgeister im Emschertal

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Jule Springwald erzählt

Es lebten einmal im Tal der Emscher ein Schuster und seine Familie. Die Menschen lebten gerne im Emscherbruch, sie liebten die kalten Winter an ihrem gemütlichen Herdfeuer, die hellen Frühlingstage in der erwachenden Natur, die warmen Sommer mit der Gartenbestellung … Besonders aber mochten sie den Herbst, wenn in der Dämmerung die Nebelschwaden über den Auen lagen und die Wesen aus den umliegenden Wäldern auf den Wiesen tanzten.

Nun könnt ihr euch vorstellen, dass ein sesshafter Schuster nicht viel verdiente, denn die Menschen in den dörflichen Gegenden trugen alltags Holzschuhe und nur an Sonn- und Feiertagen Lederschuhe, die sehr gepflegt wurden – und das waren auch nur die Wohlhabenden, denn für arme Leute waren teure Treter nicht zu bezahlen.

Die Familie des Schusters – seine Frau, seine alte Mutter und vier Kinder – lebten in einer kleinen Kate mit einem winzigen Gärtchen, das ihnen der Ritter von Düngelen, dem das Schloss Bladenhorst zu jener Zeit gehörte, zur Pacht gegeben hatte. Er bekam dafür 12 Groschen im Jahr, das sind 120 Pfennige! Heute hört sich das wenig an, aber der Schuster hatte seine liebe Mühe, das Geld an jedem Monatsersten abzuliefern …

Dann verheiratete der Herr von Düngelen seine Tochter mit dem Grafen Philipp von Viermundt, und nun wurde das Leben des Schusters noch schwerer. Der Graf war ein Mann, der sich gut darauf verstand, Besitz zu wahren und zu vermehren, und er verlangte von den Schustersleuten die doppelte Pacht. Der Schuster wusste nicht ein noch aus und bot dem Schlossherrn seine Dienste an, um die Pacht abzuarbeiten. Nun lebten auch nicht allzu viele Menschen auf dem prachtvollen Anwesen, so dass er auch nicht viel mehr Schuhe zum Flicken bekam, von Neuanfertigungen ganz zu schweigen. Weil der Schuster sah, dass ihm alles nicht half, verließ er mit seiner Familie das Haus und ward nie mehr gesehen.

Beim Schlossherrn aber machte sich Unruhe breit, da er die Einnahmen für die Kate schon mit verplant hatte für die nötigen Ausgaben. Aber so sehr er sich auch bemühte, er fand keine neuen Pächter für das Haus der Schusterfamilie. Die Menschen in der Umgegend behaupteten, es spuke dort. So suchte der Graf einen mutigen Knappen aus, der eine Zeit in dem Haus wohnen sollte. Der junge Mann zog dort ein. Tagsüber war noch alles gut, aber am Abend, als es dämmerig wurde, hörte er seltsame Geräusche, es knackte hier und zischte dort, die Türen und Balken knarrten. Mitten in der Nacht wurde der Knappe durch Stimmen geweckt, die Stimme eines Mannes, zweier Frauen und mehrerer Kinder. Er hörte Klappern in der Küche wie von Töpfen und Pfannen, Hämmern wie von einem Schusterhammer und Geräusche wie vom Gerben und Walken des Leders, es wurde geredet und gelacht … Dann sangen Kinder ein Gute-Nacht-Lied – und der Spuk war vorbei.

Der Knappe berichtete am nächsten Tag dem Burgherrn, was sich zugetragen hatte. Spöttisch meinte dieser, er müsse wohl einen mutigeren Gesellen finden, der in das Schusterhaus ziehen wolle.  Aber dem erging es nicht anders! So zog der Graf, der ein gestandener Mann war, selbst für eine Nacht in die Kate. Als um Mitternacht wieder das Treiben begann, stand er – wenn auch mit zittrigen Knien – auf und wollte nachsehen, was dort vor sich ging. In der Küche huschten durchsichtige Gestalten herum und an der Werkbank des Schusters saß ein Wesen und hämmerte. Der Graf räusperte sich und die Wesen begannen, um ihn herumzutanzen und ihn aus dem Haus zu ziehen. Erst wollte er nicht, dachte dann aber, dass er so dem Spuk ein Ende setzen könnte. Also folgte er den Nebelgeistern hinaus in die Emscherauen. Er war schon einige Zeit gegangen, als er über einen Zweig, wie er dachte, stolperte. Er tastete herum und stellte fest, dass es ein Knochen sein müsste. In dem Moment, wo er diesen vom Boden aufhob, verschwanden die Gestalten. Da sich der Graf nicht genau in den Auen auskannte, war er gezwungen, dort, wo er gerade war, zu warten bis es hell wurde. In der Morgendämmerung begann er umherzuschauen und entdeckte dort die Knochen von sieben Menschen: drei Erwachsenen und vier Kindern. Offenbar war der Schuster mit seiner Familie in den Auen umgekommen, als er sich ohne Essen und Trinken dort verirrt hatte. Da sie nicht beerdigt waren, kamen die Geister der Verstorbenen jede Nacht in das alte Haus zurück.

Der Graf sorgte am nächsten Tag dafür, dass die Gebeine beerdigt wurden und so die Familie ihre letzte Ruhe fand. Das Schusterhaus aber ließ er leerstehen, bis es irgendwann in den Kriegen der folgenden Jahrhunderte zerstört wurde.

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