Stadtmagazin Castrop-Rauxel: Dies und Das

Marktschreier

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Jule Springwald erzählt

Ihr kennt doch sicher den Begriff ›Marktschreier‹. »Klar«, werdet ihr sagen, »da gibt es doch regelmäßig diesen Wettstreit in Ickern.« Aber wisst ihr auch, wo das Wort und das Ereignis ihre Wurzeln haben? Nicht? Dann hört gut zu …

In Ickern lebten einst zwei junge Frauen. Sie waren allerbeste Freundinnen seit ihrer frühesten Kindheit, machten alles zusammen und teilten jedes Geheimnis miteinander, sei es, wo man die meisten Walderdbeeren findet oder was die Jungen in der Nachbarschaft schon wieder angestellt hatten oder auch wo die Großmutter die schönsten Äpfel hingelegt hatte, damit sie bis zum Nikolaustag nicht heimlich einer stibitzte. Sie wohnten mit ihren Eltern und Geschwistern nebeneinander an der Ickerner Straße. Zwar hatten sie auch noch viele andere Freundinnen, aber während sie diese nur in der Schule oder mal nachmittags trafen, waren die zwei unzertrennlich.

Nun war es üblich, dass die Töchter des Hauses heirateten und ihrer Wege gingen. Vor diesem Moment hatten die beiden einigermaßen Angst – würde es doch bedeuten, dass sie schlimmstenfalls ohneeinander auskommen müssten. So beschlossen sie, möglichst zwei Freunde zu heiraten, am besten in einer Doppelhochzeit, und was soll ich sagen, sogar dieser Plan ging auf. Die beiden Freunde wohnten an der Kirchstraße in gegenüberliegenden Häusern, und die jungen Frauen konnten sich weiterhin jeden Tag sehen. Sie bekamen sogar ihre Kinder zur selben Zeit, die eine erst einen Jungen und dann ein Mädchen, die andere in der umgekehrten Reihenfolge. Jeden Tag, trafen sie sich, mal bei der einen, mal bei der anderen, aber das war nun nicht mehr ganz so gut, denn mit Mann und Kindern und Haus als Aufgabe hatten sie nun eigentlich nicht mehr so viel Zeit, wie sie zum Besprechen aller wichtigen Themen gebraucht hätten. So blieb schon mal das eine oder andere im Haushalt liegen, und die Männer beobachteten das Ganze mit Argwohn. Sie arbeiteten den ganzen Tag auf der Zeche und wollten ihre Bütterkes mitnehmen und auch abends gerne etwas zu essen haben. Leider passierte es aber, dass mal das Essen nicht gar war, kurz darauf es angebrannt und dann wieder der Einkauf vergessen worden war, so dass die Männer mit leeren Butterdosen zur Arbeit mussten. Die beiden Frauen fanden das nicht weiter schlimm, für sie war die Hauptsache, dass sie weiter jedes nur erdenkliche Thema gemeinsam wälzen konnten.

Eines Tages nun kauften beide Männer von dem hart erarbeiteten Geld jeder ein Zechenhäuschen, der eine an der Zechenstraße, der andere an der Recklinghauser Straße. Nun wurde das Quatschen wirklich zum Problem, denn die Frauen konnten nun nicht nur kurz zur Haustür raus und über die Straße laufen, sondern mussten andere Wege finden, um sich täglich unterhalten zu können. Ein Telefon gab es noch nicht, und Briefe waren den beiden einfach zu lange unterwegs. Also begannen sie, täglich zusammen einkaufen zu gehen. Mal beim Metzger, mal beim Bäcker, mal bei der Gärtnerei … Aber niemals zwei Besorgungen an einem Tag, so dass sie sich eben jeden Tag treffen konnten. Allerdings hatten sie damals ja auch keine Autos und mussten alle Wege zu Fuß und mit den Kindern erledigen, so dass sie fast gar nicht mehr zu Hause waren.

Eines Tages kamen die Männer von der Arbeit, die Wäsche lag im Waschfass, der Ofen war aus, kein Essen fertig und die Frauen waren auch nicht daheim. So fragten sie bei den Nachbarn nach, ob diese die Frauen gesehen hatten, und die sagten: »Heute ist Mittwoch, da sind sie wohl beim Gärtner. Da sind sie mittwochs immer.« Die Männer fragten weiter nach und erfuhren, dass ihre Frauen einen regelmäßigen Einkaufsplan hatten. Samstags gingen sie immer zum Markt. Am folgenden Markttag hatten die Männer frei und freuten sich auf ein gemeinsames Frühstück mit der Familie, aber die Frauen waren schon aufgebrochen.

Verärgert liefen die Männer los und trafen sich auf dem Markt. Mitten auf dem Platz, wo gar kein Händler seine Waren anbot, standen die Frauen und unterhielten sich. Ihre Körbe waren noch leer, sie hatten sich getroffen und über den wichtigen Sachen, die seit dem Vortag passiert waren und dringend besprochen werden mussten, das Einkaufen total vergessen. Die Männer gingen zu ihnen und nahmen sie bei der Hand, um den Einkauf mit ihnen gemeinsam zu erledigen. Sie zogen ihre Frauen in unterschiedliche Richtungen, damit der Einkauf schneller erledigt werden konnte, weil die Händler bereits anfingen, ihre Stände abzubauen. Aber die Frauen redeten trotzdem weiter. Hatten sie zunächst sich leise unterhalten, so wurden sie nun immer lauter, je größer der Abstand zwischen ihnen wurde. Mittlerweile wurden alle aufmerksam und hörten nun, wie sich die Frauen quer über den Merkt zuschrien, dass die kleine schwarze Katze fünf Junge bekommen habe und Tante Luise am Freitag die ganze Küche eingesaut habe, als ihr die Schüssel mit heißem Pudding runtergefallen sei und ähnlich wichtige Nachrichten. Ein Markthändler fand die Idee aber gar nicht schlecht …

Am nächsten Markttag fing er, nachdem er seinen Obst- und Gemüsestand aufgebaut hatte, direkt an zu brüllen: »Leute, kommt her. Hier bekommt ihr die leckersten Äpfel und die saftigsten Kirschen im ganzen Land zum besten Preis. Hallo junge Frau, wie wäre es mit einer Tüte Kirschen für die Kinder? Der Salat ist heute wieder besonders knackig. Leute, kommt und kauft!!!« Zunächst waren die Leute verwirrt. Da schrie schon der nächste: »Kartoffeln frisch vom Feld, nur die gute Hansa!« Und aus einer anderen Ecke tönte: »Und heute eingelegte Heringe … Probieren Sie ruhig mal!«

So versuchten die Händler die Kunden anzulocken und sich dabei gegenseitig zu übertreffen, und tatsächlich war ihr Marktgeschäft an diesem Tag so gut wie lange nicht mehr.

So, nun wisst ihr, woher die Marktschreier ihr Geschrei haben.

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