Stadtmagazin Castrop-Rauxel: Dies und Das

Der K.O.-Schlag

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Jule Springwald erzählt: »Aus den Kriegserinnerungen meiner Mutter«

Eine Zeitlang konnte man die Uhr danach stellen: Abends um acht gab es Alarm. Es geschah meistens nichts besonders Aufregendes, nur halt Alarm. Der Weg zum Stollen, einem selbst gebauten Erdbunker, war nicht lang. Eventuell lief man noch einmal zurück, um Strickzeug zu holen oder Ähnliches. So saß man seine Stunden ab und zeitweise wurde sogar aus alten Zeiten erzählt. Dabei ruhte keine Hand. Es wurde gestrickt, geribbelt und zusammengenäht. Man tauschte Muster aus oder auch Rezepte: Möhrenkuchen auf dem Blech, Kartoffelpuffer ohne Fett gebacken, Marzipan aus Bohnen und so fort. Ich kann heute gar nicht mehr sagen, wieso es so war. Aber fast war es irgendwie friedlich. Möglicherweise gab es dafür einen strategischen Hintergrund. Aber davon wussten wir nichts.

Bei uns, und nicht nur bei den Kindern, war eine gewisse Gleichgültigkeit zu bemerken. Das konnte man auch daran feststellen, dass die Stollentüren nicht mehr so streng geschlossen wurden. Die ›Aufseher‹ standen dann vor dem Stollen, wir Kinder liefen auch manchmal hinaus und stellten uns dazu, um mit offenem Mund zu hören, was da erzählt wurde.
Vater war nicht immer bei uns. Er behauptete immer, er müsse auf das Haus aufpassen und den Betrieb; ich glaube aber, es war ihm zu eng in diesem Erdloch. Dabei hatte er es doch selber mitgebaut und machte uns auch immer klar, wie sicher wir dort untergebracht seien.

An diesem Abend nun erschien er plötzlich und stellte sich zu den Männern, die dort vor dem Stollen standen. Und bald war man auch bei dem sehr wichtigen Thema des Tabakanbaus und dem noch wichtigeren des Behandelns. In Bezug auf das Fermentieren hatte jeder sein eigenes Rezept, auf das er sehr stolz war. Und wie es bei solchen Gesprächen meistens war, es wurde eine Zigarre gezogen, angezündet, dem Nachbarn der Rauch ins Gesicht blasend in angestrengter Erwartung eines wohlwollenden Nickens als Zeichen der Anerkennung. Wenn das nichts half, durfte der Nachbar auch mal einen Zug tun. Meistens äußerte er sich dann auch lobend oder, je nach Anlage, pries sein Kraut als das Bessere an.
Und da geschah es. Einer der Männer – Fritz, ein Freund von Vater – zog eine Zigarre aus der Tasche, aus der anderen eine Schachtel Streichhölzer. Vater wurde sofort aufmerksam und sagte: »Kerl, lot dat sin!« Da war es auch schon passiert, das Streichholz flammte auf, Vater schlug zu – eigentlich wollte er wohl die Hand mit dem Streichholz erwischen, aber der Schlag landete am Kinn seines Gegenübers, und der ging Parterre: K.O.! Einen Moment war man sprachlos. Alle bemühten sich um den am Boden Liegenden. Der kam langsam wieder zu sich und wollte sofort auf Vater losgehen. Er wurde sehr schnell von den Umstehenden über sein Vergehen aufgeklärt. Man malte tiefschwarz: von Gefährdung der Frauen und Kinder im Stollen und bis zu ›vor ein Kriegsgericht stellen‹ gingen die Vorstellungen. Langsam glätteten sich die Wogen, und das Thema wurde gewechselt. Aber ein hässlicher Ton blieb in der Luft hängen.

Später, als man dazu übergehen musste, die Fenster mangels Glasscheiben zu vernageln, kam auch der ›Zigarrenraucher‹ mit seiner Karre und holte sich Bretter ab – umsonst natürlich. Was sollte man mit dem Geld? Und Vater gab: eine Schiffsladung nordischen Fußboden zum Vernageln der Fenster. Fritz belud seinen Handwagen, brachte das Holz weg, kam wieder und lud von neuem auf, wortlos. Ohne ein einziges Wort ging er ab mit seiner Karre. Ein Dankeschön war ihm nicht möglich. Auf der Straße grüßte er uns nicht, in der Kneipe ging er vom Tresen, wenn Vater kam.
Es waren schon einige Jahre nach dem Krieg vergangen, als Vater eines Abends nach Hause kam und ganz fröhlich fragte: »Was glaubst du, wer heute mit mir gesprochen hat? Fritz!« Mutter fand das gar nicht lustig. Sie hatte sich sowieso schon genug wegen der Sache geärgert. Und darum schloss sie dieses Thema ab: »Der olle, dumme Kerl!«

In der Folgezeit entwickelte sich etwas Eigentümliches. Wenn Vater in die Stadt oder zurück fuhr und seinen Freund Fritz traf, hielt er an, öffnete die Beifahrertür und sagte: »Fritz, stieg in!« Und Fritz stieg ein und schmunzelte: »Schlägst du mich auch nicht k.o.?«

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