Stadtmagazin Castrop-Rauxel: Dies und Das

Die Räuberburg

Foto(s) zum Vergrößern anklicken

Quellenangabe in den Vergrößerungen

Jule Springwald erzählt

In Castrop hinter dem Alten Rathaus stand einst ein Haus, ein sehr altes Haus. Man sagt, Räuber hätten dort ihr Hauptquartier gebaut, und genau so sah es auch aus, als man es in den 50er-Jahren endlich entdeckte.

Ihr fragt jetzt vielleicht, wie es sein kann, dass man ein Haus, das schon so lange dort mitten in einer Stadt stand, erst ›entdecken‹ musste. Nun, es war früher in keiner Karte eingetragen – wild gebaut wie viele Gebäude früher, als es noch nicht so unzählige Vorschriften und Gesetze gab. Man machte noch viel in Eigenarbeit, wie man es für richtig und notwendig hielt, und seltsamerweise existieren viele Häuser und Burgen auch heute noch …

Es stand auf einem riesigen Grundstück von dreieinhalb Morgen Größe an einem sanft abfallenden Hang, eine Brombeer- und Weißdornhecke umgab es, viele Obstbäume sprossen auf der ungepflegten Wiese. Ein kleiner Eichenwald, offenbar früher zum Goldschmiedingwald gehörend, befand sich in einer Ecke, eine eigene Siepenquelle an der anderen Seite des Hauses. Das Gebäude selbst war aus Backsteinen gebaut, die wohl aus einer der Ziegeleien am Ort stammten. Die Rückwand stand auf Pfählen, die in den Lehmboden geschlagen worden waren. Im Keller, der einen Boden aus festgetretenem Lehm hatte, befand sich ein Brunnen, und die niedrigen Kellerdecken waren richtige Gewölbe, wie man sie vor langer Zeit kannte.
Rings um dieses Hauptgebäude standen etliche Neben- und Anbauten, die wohl verschiedenen Zwecken gedient hatten. Tatsache ist auch, dass es ein sehr altes Haus war, als der Großvater es damals übernahm. Offensichtlich waren aber die ehemaligen Besitzer schon lange nicht mehr dort gewesen. Es war in einem erbärmlichen Zustand, die Fensterscheiben kaputt, das Dach löchrig und der Putz teilweise abgefallen …

Der Großvater aber wollte genau dieses Anwesen für seine Tochter und ihre Familie vor allem wegen des großen Gartens haben, der Selbstversorgung erlaubte und gleichzeitig so viel Platz für eine ›Räuberbande‹ – wie er die Kinder nannte – und ihre ›Abenteuer‹ bot. Zunächst mussten aber die verschiedenen Mängel beseitigt, die baufälligen Schuppen und Anbauten abgerissen und der Garten in einen bespielbaren Zustand gebracht werden. Die Quelle konnte bleiben, aber Zu- und Abwasser, Elektrizität und Zuwegung mussten gelegt werden.

Es wurde ein schönes Haus mit einem wunderbaren Spielgarten, wie ein verwunschenes Dornröschenschloss, in dem Jule und ihre vier Brüder aufwuchsen. Ein Pfad führte am damaligen Katasteramt entlang zu einem weißen Tor mit Wechselsprechanlage und Nebeneingang für Fußgänger, von dort aus führte ein Fahrweg um ein Rondell herum zum Haus. Viele Freunde waren gern gesehene Gäste in unserem Paradies.

Aber der Kohleabbau hatte üble Mängel in den Tiefen des Bodens hinterlassen, deren Ausmaß erst mit der Zeit sichtbar wurde, und so kam der Tag, an dem die Mitteilung kam, dass die Räuberburg abgerissen werden musste, weil sie wegen erheblicher Bergschäden unbewohnbar geworden war. Zu dem Zeitpunkt war der Vater bereits krank, aber er wollte der Familie natürlich ein schönes, bewohnbares Haus hinterlassen. Er entschloss sich, an die Stelle des alten Bauwerks ein Fertighaus zu setzen, und im Sommer 1976 wurde dieser Plan Wirklichkeit. Im Juli stand das neue Haus in einzelnen Räumen auf Lkws auf der Straße, und im September zogen die ›Räuber‹ in eine Baustelle …

Der Vater hat die endgültige Fertigstellung leider nicht mehr erlebt, und die Familie ist mit dem neuen Haus auch nicht mehr glücklich geworden – es bleibt aber die Erinnerung an eine Kindheit und Jugend, wie sie wohl kaum viele Menschen erlebt haben: in der Räuberburg in Castrop.

Facebook Logo  diese Seite auf Facebook teilen0