Stadtmagazin Castrop-Rauxel: Dies und Das

Brot und Spiele oder »Noch ein Sack Rodonkuchen!«

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Jule Springwald erzählt

Immer wieder beschwerten wir uns als Kinder über alles Mögliche, besonders über das Essen und die Kleidung. Bei unseren Freunden schien alles immer besser zu sein. Naja, die Kirschen in Nachbars Garten, sag’ ich heute ...

Meine Mama, Ilse Vollenberg, hatte damals begonnen, Geschichten aus ihrer Jugend, die sie überwiegend im Zweiten Weltkrieg erlebt hat, für uns aufzuschreiben. Es waren nicht nur Geschichten von den vielen Bomben, die auf das Ruhrgebiet abgeworfen wurden, von den Schrecken dieser grausamen Zeit, sondern die eine oder andere Anekdote war schon dabei. Die Sicht auf die Dinge mag heute eine andere sein. Eine dieser Anekdoten war die folgende ...

»Sicherlich ist euch aufgefallen, wie wichtig in dieser Zeit Essen und Trinken war. Man war irgendwie immer auf dem Trip in dieser Sache. In punkto Gemüse, Obst und Fleisch waren wir ja nun Selbstversorger. Nur mit Brot war das so eine Sache. ›Unsere‹ Russen (Kriegsgefangene, die uns anstelle der eingezogenen Arbeiter zugeteilt wurden) hatten zwar inzwischen eine Schrotmühle oder so etwas ähnliches konstruiert, und das Getreide, das wir ernteten, wurde auch da durchgeschickt, aber so ganz reichte das alles vorne und hinten noch nicht.

Da tat sich gänzlich unerwartet plötzlich eine Quelle auf. Bei einem Bekannten von Vater, einem Bäcker, war die Backstube von einer Brandbombe getroffen worden. Und ohne funktionierende Backstube ging nun mal nichts. Ich betone das besonders, weil diese Zunft a) sehr auf ihren Produkten saß und b) auch enorm kontrolliert wurde. Und bespitzelt! Doch diese beiden ›Alten‹ schafften das, was sie wollten, vorzüglich – unter dem Motto ›Gibst du mir, geb ich dir‹.

Die Backstube wurde repariert – Vater versorgte den Bäcker mit dem dafür nötigen Holz. Kurz darauf kam er mit einem Kasten Brot nach Hause. Brot! Ein ganzer Kasten Brot! Wir schwelgten in Brot. In Bezug auf den Belag hatte man es übrigens bereits zu raffinierten Zusammenstellungen gebracht. Ich würde mal sagen, alles, was man heute als Gesundheitskost in den Himmel hebt – wir hatten es uns damals auch schon ausgedacht. Nur, dass wir nun mal der Not gehorchten. Ich könnte mich jetzt auslassen über geraspelte Möhren mit Petersilie, Gurkenscheiben mit Dill, Tomaten mit Zwiebeln, Schmalzstullen mit Schnittlauch – alles mit und auf Brot. Ich glaube auch, dass aus dieser Zeit meine Vorliebe für sogenannte Appetitbrote stammt.

Auf jeden Fall hatten wir auf einmal so viel, das konnten wir allein gar nicht schaffen. Also verschenkte meine Mutter es weiter: an Freunde, an Tante und Onkel, an Vetter und Base in Rauxel oder Pöppinghausen. Weggegeben wurden aber nur halbe Brote oder Stücke. Niemals ein ganzes, das wäre zu gefährlich gewesen, da hätte der ein oder andere Nachbar vermutlich nicht an sich halten können und hinter vorgehaltener Hand getuschelt: »Stell dir vor, der Alwis und die Lisbeth haben mir ein ganzes Brot gegeben, wo man doch nirgends was kriegt, da kann doch was nicht stimmen!« Hunger macht eben neidisch. Wenn Mutter aber sagte: »Alwis hat da ein Brot mitgebracht, ich geb’ euch davon was ab«, hielten alle dicht, niemand erzählte es weiter.

Eines Tages aber, Vater hatte wieder mal Äste und Stämme zur Bäckereibaustelle und die unter Holzabfällen versteckten Brotsäcke mit nach Hause gebracht – das machte er immer alles selber mit seinem kleinen Handkarren – kam er in die Küche mit leeren Händen. Mutter guckte etwas unruhig und machte schon den Mund auf, um zu fragen »Hast du heute etwa …«, da meinte Vater: »Tja, heute müssen wir Kuchen essen.«  Und nun waren wir natürlich sehr gespannt.

Der Transport ins Haus zog sich etwas hin, es war noch zu hell. Doch dann kam der große Augenblick. Vater ging in den Garten und kam zurück mit einer Karre Kohl. Unter dem Kohl aus dem Garten ein Sack. Fenster zu, Türen zu! Ein Sack voll Kuchen! Ein Rodonkuchen nach dem anderen verließ den Sack. Während Mutter noch überlegte, wohin mit dem Zeug, füllte sich langsam die Küche. Wir waren inzwischen zehn: die Geschwister, ›unsere‹ beiden Russen und eine Nachbarin, die bei uns Unterschlupf gefunden hatte. Mutter räumte schnell noch einiges weg von dieser Fracht. Aber Vater war da anderer Meinung – wie so oft. Jeder bekam einen Rodonkuchen, und bald saßen alle in Eintracht am Tisch und aßen still vor sich hin: Rodonkuchen! Was soll ich euch sagen? Jeder aß einen ganzen Rodonkuchen.

Am nächsten Tag musste Vater wieder los und brachte prompt wieder einen Sack mit Kuchen mit. Inzwischen hatte man sich, der Mensch ist ja nie zufrieden, überlegt, dass man vielleicht … Ja, das war’s doch: Marmelade auf den Kuchen! Und so saßen wir am zweiten Tag wieder am Tisch, in der Mitte eine Schüssel mit Erdbeermarmelade, selbst gemacht natürlich. Diesmal schaffte jeder nur noch einen halben Kuchen. Der Rest wurde sorgfältig weggepackt, denn jeden Tag einen Sack Kuchen, das war etwas viel und wohl auch zu auffällig.

Nach einigen Tagen kam Vater plötzlich und wollte die Säcke wiederhaben. Man hatte schon danach gefragt. Nur, die Säcke waren weg! Vater verstand das überhaupt nicht; Mutter schimpfte: »Stell dich nicht so an um die  dummen Säcke!« Aber vor Vater ließ sich schlecht etwas verbergen. Und so mussten wir gestehen, dass wir die Säcke aufgeribbelt hatten und schon fleißig mit dem Garn Pullover und Jacken strickten. Ich weiß heute gar nicht mehr, aus welchem Material dieses Garn war, jedenfalls war es weiß und gab eine Menge ab.

Vater musste nun bei seinem Bäckerkumpel bekennen, die Säcke seien weg, aber er wolle noch mal nachsehen. Ab da brachte er nur noch Papiersäcke mit – natürlich mit Inhalt. Wir guckten schon immer, wenn er kam. Nicht nach Kuchen, nach Säcken, denn das Garn ging zur Neige. Vorsichtig wurde darauf hingearbeitet, dass wir noch welche bräuchten. Vater schimpfte fürchterlich. Für so was hatte er wenig Verständnis. Aber mit Mutters Hilfe brachten wir ihn schließlich dazu, nach den echten Mehlsäcken zu fragen. Er brachte schließlich auch einen mit und hin und wieder noch einen. Aber jedes Mal knurrte er herum: »Die blöden Säcke sind teurer als der ganze Kuchen und das Brot«, worauf Mutter erwiderte: »Sollen sie sich Brot umbinden oder vielleicht Holz?«

Das hätte sie nicht sagen dürfen, denn plötzlich hatte Vater eine Idee: Schuhe aus Holz! Längst eine alte Jacke. Aber die Kunst des Holzschuhmachens war wohl etwas für Holzschuster. Das sah Vater natürlich ein und so wurde folgendermaßen verfahren: Jeder stellte seine Füße auf ein Blatt Papier, zeichnete drum herum und schnitt das Muster aus. Vater ging damit los; wir waren schon etwas skeptisch. Nach einiger Zeit kam er wieder – mit ›Holzsandaletten‹. Es war gelungen: Holzsandaletten mit angenagelten Riemen. Wir probierten an. Na, was soll ich euch sagen? Überzeugt war niemand so ganz, es war schon eine recht steife Angelegenheit. Auch Vater musste das wohl einsehen. Er ließ uns die Dinger wieder ausziehen, in den nächsten Tagen versuchten wir es mit verschiedentlich veränderten Modellen. Aber so richtig klappen tat es nicht. Dieses war nicht unser Metier. Und so unterließen wir diese Versuche bis auf Weiteres.

Viel später, als man beim Essen neuerdings auf seine Linie achtete, hielt Vater manchmal mitten im Essen ein und fragte: »Wisst ihr noch, damals, die Rodonkuchengeschichte?« Und Mutter fügte hinzu: »Und die Sache mit den Mehlsäcken?« Ja, so war es. Brot und Spiele. Aber was für Spiele …«

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