Stadtmagazin Castrop-Rauxel: Dies und Das

Kater Carlo

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von Jule Springwald

Der Tag fing gut an… Schon in aller Hergottsfrühe hörte man das Zwitschern der Vögel im Fliederstrauch, und der Wind trug den betörenden Duft der Blüten durch das Fenster ins Schlafzimmer. Leise stahl sich ein Sonnenstrahl nach dem anderen durch die Spalten in den Klappläden.

Mit einem Satz sprang Liesel aus dem Bett und verfehlte nur um Millimeter den kleinen Kater, der es sich auf ihren Pantoffeln bequem gemacht hatte. Vor Schreck fauchte er und flitzte unter die Kommode, um direkt wieder umzudrehen und auf den Schrank zu flüchten. Liesel musste lachen. Wie schön, dass sie Carlo hatte behalten dürfen. Noch gestern Mittag hatte es anders ausgesehen. Die ganze Woche hatte Mama geräumt und eingepackt, sie sollten ausziehen, weil die Wohnung nun zu teuer war und die Bank ihnen (wegen rückständiger Zinsen) die Zwangsversteigerung angedroht hatte. Dabei hätten sie die Rückstände längst gezahlt, wenn die Versicherung sich nicht so lange quergestellt hätte.

Wie Dominosteine waren die Bausteine ihres Lebens umgefallen im letzten halben Jahr: der Papa, der nach einem Arbeitsunfall zumindest vorübergehend im Rollstuhl saß und nicht arbeiten konnte, die Mama, die ihre Arbeit aufgeben musste, weil sie den Papa pflegen musste, die Freundinnen, die plötzlich keine Zeit mehr hatten, weil Liesel nicht mehr zum Reiten und zum Schlittschuhlaufen mitgehen konnte, weil das Geld dafür fehlte… Nur Anna, die sie früher kaum angesehen hatte, weil die anderen Mädchen sie nicht in ihren Club aufgenommen hatten, Anna war jeden Tag bei ihr, obwohl sie ihren ganzen Kummer an ihr ausgelassen hatte. Dabei konnte Anna doch gar nichts dafür. Und gestern Mittag war sie mit dem kleinen schwarz-weißen Kater angekommen und suchte ein Zuhause für ihn, weil sie selbst schon eine Katze hatte.

Entsetzt hielt Mama die Hände vor den Mund und sagte dann, dass das nicht gehe, man könne kein Tier aufnehmen, wenn man selber kein Zuhause habe. Liesel schmeichelte und bettelte, rannte wütend in ihr Zimmer und verkroch sich im Bett, flüchtete trotzig mit dem Kater in das kleine Baumhaus, das Papa ihr zum Geburtstag gebaut hatte. Doch Mama blieb hart, abends sollte der Kater weg.

Aber dann! Papa sah den Kleinen und sagte: »Carlo, da bist du ja, das freut mich aber!« Und lächelte, zum ersten Mal seit langem. Er erzählte, dass er als Kind einen Kater gehabt habe, der genauso aussah wie dieser jetzt, er hätte Carlo geheißen, aber als seine Familie umgezogen sei, hätte er ihn weggeben müssen. Mama lächelte auch, und so hatte Carlo schon fast gewonnen. Dann kam der Anruf des Versicherungsbüros, die Leistungen seien komplett ausgezahlt, das Geld müsste eigentlich schon auf dem Konto sein. Papa nahm seinen Laptop zur Hand und überprüfte die Angaben der Versicherung. Tatsächlich, die ganze geforderte Summe, der Verdienstausfall, das Krankengeld, die Behandlungskosten, sogar der Verdienstausfall von Mama, die Taxifahrten und die Kosten für den rollstuhlgerechten Umbau des Hauses war auf dem Konto gutgeschrieben. Sofort überwies Papa die Zinsrückstände auf das Baudarlehnskonto, quasi in letzter Minute, denn abends wäre die Frist abgelaufen. Er rief bei der Bank an und ließ sich den zuständigen Sachbearbeiter geben, um die neue Situation zu klären.

Und Carlo durfte natürlich bleiben, weil er das Glück zurückgebracht hatte.

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