Stadtmagazin Castrop-Rauxel: Kunst und Kultur

›Bericht aus Berlin‹

Foto(s) zum Vergrößern anklicken

Quellenangabe in den Vergrößerungen

Im Gespräch mit Synchronsprecherin Henrike Tönnes

Ob im Fernsehen oder auf der großen Kinoleinwand: Gewisse Stimmen begegnen uns immer wieder. Weniger geläufig sind die Gesichter dahinter: Wer würde schon Ronald Nitschke, die deutsche Version von Tommy Lee Jones, auf der Straße erkennen? Oder Irina von Bentheim, die der Schauspielerin Sarah Jessica Parker in ›Sex and the City‹ ihre Stimme leiht? Als ›Synchronsprecher‹ werden sie immer dann gebucht, wenn es Filme oder Serien zu vertonen gibt. Ein ebenso faszinierender wie anspruchsvoller Job, der neben darstellerischem Talent auch höchste Konzentration und hundertprozentige Genauigkeit erfordert. Wir unterhielten uns mit der Castrop-Rauxeler Sprecherin Henrike Tönnes über ihre Ausbildung in Berlin.

Natürliche Rede wird zur hohen Kunst

»Wir Synchronsprecher müssen exakt das kopieren, was die Kollegen auf der Leinwand vormachen«, erzählt sie. »Alles, was beim Reden auf natürliche Weise passiert – Lippenbewegungen, Tonlage, Sprachrhythmus, Pausen, Atmer –, wird dabei zur hohen Kunst. Das ist so schwierig.« Sie strahlt: »Und es macht so viel Spaß!« Als Sängerin, Theaterpädagogin, Referentin und Kommunikationscoach verfügt die 32-Jährige bereits über jede Menge Bühnenerfahrung: »Aber live zählt ›nur‹ der Moment. Texte für Filme, Trickfilme oder auch Hörspiele, Dokumentationen und Radiospots auf Tonspur zu bannen, ist im Vergleich dazu noch einmal eine andere Nummer.«

Im Studio mit Christian Rode

In der International Voice-Schule für Mikrofonsprechen & Synchronschauspiel Berlin sowie bei Praxis-Workshops unter anderem im Studio Berlin Adlershof arbeitete Henrike Tönnes mit den Stars der Branche: Ronald Nitschke, Irina von Bentheim, Nicolas Böll (Owen Wilson, Joaquin Phoenix) und nicht zuletzt ›The Voice of Hörspiel‹ Christian Rode. Seine Stimme kennen wir wohl alle: ob als Hörbuchverkörperung von Sherlock Holmes, als Telly Savalas in der Krimikultserie Kojak oder als Bert in der Sesamstraße. »Das Hörspieltraining mit Christian Rode war für mich ein absolutes Highlight! Der Mann ist über 80, aber er hat so eine Wahnsinnsausstrahlung und Energie – wenn er in den Raum kommt und zu erzählen anfängt, willst du, dass er nie mehr aufhört. Er hat uns alle an diesem Tag ziemlich gefordert. Es war eine einmalige Erfahrung, von jemandem zu lernen, der dir schonungslos sagt, was Sache ist, um das Beste aus dir herausholen, bis aufs letzte i-Tüpfelchen. Und wenn er dich lobt, dann schwebst du drei Zentimeter über dem Boden!«

Vertont wird im Sekundentakt

Im Rahmen der vielseitigen Sprecherausbildung wird die Filmsynchronisation als Königsdisziplin gehandelt. »Das Ganze hat viel mit Schauspiel zu tun: Man muss sich in die Handlung einfühlen, Emotionen stimmlich transportieren. Das ist umso schwieriger, weil man den Film, der zu diesem Zeitpunkt ja noch unter Verschluss ist, in der Regel nicht komplett gesehen hat.« Vertont wird im Sekundentakt in sogenannten ›Takes‹ (= kurze Dialogabschnitte), die sich später zu einer Szene zusammensetzen. »Wenn du Glück hast, sagt dir der Regisseur etwas zu den Rollen, wenn du Pech hast, weißt du nichts, dann liegt nur der Text vor dir. Und im allerschlimmsten Fall ist es nicht einmal eine englische, sondern zum Beispiel eine chinesische Produktion. Du schaust dir die Szene einmal im Original an, dann legst du los. Ratzfatz, denn Zeit ist Geld.«

»Wenn der Schauspieler brüllt, dann brüllst du ebenfalls«

Eigene Rolleninterpretationen oder Improvisationen sind beim Synchronisieren nicht erwünscht. »Unsere Aufgabe ist es, die Bilder zu bedienen: Wenn der Schauspieler brüllt, dann brüllst du ebenfalls, ob es dir gefällt oder nicht.« Etwas anders sieht die Sache bei Trickfilmen aus. »Hier darf man auch mal übertreiben, der Stimme unterschiedliche Chargen geben«, berichtet Henrike Tönnes mit einem Schmunzeln: »Ich dachte immer, meine Begabung liegt im Erzählerischen. Jetzt weiß ich, dass meine Stimme auch ganz anders klingen kann. Diese Seite kannte ich bislang nicht an mir.« Nebengeräusche, die sich im Tonstudio nicht auf authentischem Wege erzeugen lassen, werden von den Sprechern oftmals mit Hilfe kleiner Tricks nachgeahmt: Da dient der kleine Finger auch schon mal als ›Zigarette‹ oder die vorgehaltene Hand imitiert das Gespräch hinter einer geschlossenen Tür.

Zwischen Castrop und Berlin

Obwohl der Trend vor allem bei jüngeren Filmfans verstärkt zur Originalfassung geht, ist und bleibt Deutschland das Synchronland Nummer Eins. Gut für ausgebildete Sprecher wie Henrike Tönnes. Ein Umzug in die Filmstadt Berlin kommt für sie jedoch nicht in Betracht. »Da ich durch meine Familie und Freunde an Castrop-Rauxel gebunden bin, arbeite ich gerne im Ruhrgebiet. Denn auch hier bei uns entstehen viele spannende Produktionen. Und mein Handwerkszeug kann ich hier genauso gut anwenden!«

Facebook Logo  diese Seite auf Facebook teilen0