Stadtmagazin Castrop-Rauxel: Soziales

Mama dreier ›Sternenkinder‹

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Martina Hosse-Dolega

Ein bisschen mulmig ist mir schon zumute, denn die Frau, die ich gleich zum Interview treffen werde, hat etwas erlebt, an dem viele sicher zerbrochen wären. Martina Hosse-Dolega kommt aus Castrop-Rauxel, ist 48 Jahre alt und Mutter. So weit nichts Ungewöhnliches. Doch 1993/94 brachte sie drei Söhne zur Welt – Nico, Robin und Joshua. Keines der Kinder ist heute noch am Leben. Sie starben nur wenige Tage beziehungsweise Wochen nach ihrer Geburt ...

Erlebnisse, die zutiefst erschüttern, die sprachlos machen, lähmen – aber ebenso die Frage aufwerfen: Warum? Lange wussten Martina Hosse-Dolega und ihr damaliger Mann (Papa ihrer Söhne) darauf keine Antwort. »Die erste Schwangerschaft – Zwillinge – verlief weitgehend normal«, erinnert sie sich. Nichts, das auf einen derart schrecklichen Ausgang hindeutete. Bis Anfang Mai 1993 Nico und Robin per Kaiserschnitt entbunden werden mussten – elf (!) Wochen zu früh. Und obgleich es beiden zunächst recht gut ging, verschlechterte sich ihr Zustand dramatisch. Nur drei Tage nach der Geburt starb der kleine Nico, sein Bruder Robin lebte drei Wochen.

»Ich habe versucht, ›alles richtig zu machen‹«

»Kinder sterben häufiger, als man denkt«, berichtet die ›Sternenkindmama‹, »und das in ganz unterschiedlichen Stadien der Schwangerschaft, aus scheinbar unersichtlichen Gründen. Ich habe auf meine Ernährung geachtet, nicht geraucht und auch keinen Alkohol getrunken. Ich habe gesund gelebt und versucht, ›alles richtig zu machen‹. Doch auch das ist keine Garantie.«

»Manchmal reicht Liebe allein eben nicht aus«

Ganz bewusst entschieden sich Martina Hosse-Dolega und ihr damaliger Mann kurze Zeit später für eine Folgeschwangerschaft. »Der Traum von einer Familie mit Kindern war einfach sehr groß«, erzählt sie. »Wir wollten eine Familie gründen.« Und tatsächlich: Der kleine Joshua erblickte am 17. November 1994 das Licht der Welt – und verstarb am ersten Weihnachtstag desselben Jahres. Diagnose: Multiorganversagen.

»Erst Jahre später stellte sich heraus, dass mein Körper Gerinnungsstörungen aufzeigte, die Infarktplazenten verursachten.« Doch als Antwort war ihr das nicht genug. »Ich wollte nicht nur wissen, woran meine Kinder gestorben waren, sondern warum. Warum durften meine Kinder, die so sehr geliebt wurden, nicht auf dieser Welt bleiben?« Martina Hosse-Dolega verbrachte viel Zeit damit, irgendeine Erklärung zu finden. »Ich wollte das Geschehen einordnen können – eine Schublade öffnen, in die ich das Geschehene einsortieren konnte, damit es für mich verständlicher würde.« Sie konsultierte Experten, besuchte medizinische Fachtagungen. Auch in Religion und Spiritualität suchte sie nach Antworten. Schlussendlich fand sie eine, wenn auch nur für sich: eine Antwort, die sie akzeptieren, mit der sie ihren Trauerweg beschreiten konnte: »Manchmal reicht Liebe allein eben nicht aus«, sagt sie. »Wäre das so, gäbe es viel mehr Kinder auf dieser Welt.«

»Eltern, deren Kind starb, wollen nicht vergessen«

Nach dem Tod ihrer Kinder lebten die Eltern zunächst »wie in einer Luftblase«. Ihr Umfeld nahmen sie nur gedämpft wahr. Man funktionierte – mehr aber auch nicht. »Wen ein solches Schicksal ereilt, der erlebt einen ungeheuren Kontrollverlust. Der lässt sich nicht verhindern – doch ich selbst kann beeinflussen, wie ich mit der Situation umgehe. Und ich wollte meine Handlungskompetenz zurückgewinnen. Also fing ich an, mich mit meiner Trauer auseinanderzusetzen, sie zuzulassen.« Martina Hosse-Dolega schloss sich einer Selbsthilfegruppe in Bochum an und gründete in Castrop-Rauxel eine eigene Zweigstelle. Mittlerweile ist sie Mitarbeiterin eines Bestattungshauses in Castrop-Rauxel und als Trauerbegleiterin, Entspannungs- und Gesundheitspädagogin selbstständig unter anderem für das Palliativnetzwerk Bochum tätig. »Für mich ist es eine Herzensaufgabe, betroffene Eltern und Familien zu unterstützen, sie auf ihrem Trauerweg zu begleiten, ihnen zu helfen, so viele schöne Erinnerungen wie möglich zu bewahren. Denn wenn Eltern, deren Kind starb, eines nicht wollen, dann ist es vergessen. Als Eltern sind wir dankbar, dass wir unsere Kinder im Arm halten und streicheln konnten, dass wir sie lieben können. Es gibt keinen Tag, an dem wir nicht an sie denken. Nico, Robin und Joshua haben einen festen Platz in unserem Leben – in unseren Seelen und in unseren Herzen.«

»Mapapus berühren und treffen genau ins Herz«

Seelentröster der besonderen Art – und für Erwachsene ebenso geeignet wie für Kinder – sind sogenannte Mapapus, personalisierte Kuscheltiere, die, ursprünglich ­ersonnen für Trennungskinder (›Mama-Papa-Puppe‹), aus Lieblingskleidungsstücken der Eltern zusammengenäht werden. Der bekannte Stoff sowie die darin enthaltenen Gerüche schaffen familiäres Vertrauen und Geborgenheit. Doch auch beim Trauerprozess um einen Verstorbenen entpuppen sich Mapapus als echte Zaubermittel. »Es ist tröstlich für die Hinterbliebenen – Kinder wie Erwachsene –, wenn sie ein T-Shirt, eine Jacke oder eine Decke ihrer Liebsten zu einer solchen Puppe verarbeiten lassen können, zu einer greifbaren Erinnerung zum in den Arm nehmen, die auch noch nach ihnen riecht. Sie sind wundervolle Begleiter in den unterschiedlichsten Lebenszeiten: in guten wie auch in schlechten, in denen das Herz und die Seele Halt brauchen, Zuversicht, Hoffnung, Nähe – Erinnerung. Mapapus sind wundervoll und voller Wunder.«
Martina Hosse-Dolega selbst hat ihren Mapapu vor gut einem Jahr erhalten. »Hätte es sie vor 20 Jahren schon gegeben, ich weiß nicht, ob ich es übers Herz gebracht hätte, die Kleidung meiner Babys aus der Hand zu geben«, verrät sie. »Wir hatten ja nur wenige Sachen, sorgsam aufbewahrt in einer Vitrine. Doch es gibt für alles eine Zeit, und die war nun gekommen.« Als sie das fertige Ergebnis sah, war sie überwältigt. »Tränen liefen mir über die Wangen, die Gefühle explodierten. Die Puppe, gefertigt aus Kleidungsstücken meiner Söhne, eroberte mein Herz im Sturm. Ich umarmte sie und damit auch meine ›Himmelskinder‹. Mapapus berühren und treffen genau ins Herz.«

Genauso wie ›Sternleins Reise‹, ein einfühlsames, von Martina Hosse-Dolega verfasstes Bilderbuch für große und kleine Leser, das von großer Trauer erzählt, von immerwährender Liebe, vom Schatz der Erinnerung. Es geht um ein kleines Mädchen, das viel zu früh die irdische Welt verlassen muss, aber als Engel zu seiner Familie zurückkommt. Es berichtet von seiner Reise und spendet gleichzeitig Trost, indem es verspricht, als ›Sternlein‹ immer am Himmel zu leuchten. »Die Geschichte von ›Sternlein‹ erschien irgendwann in meinen Träumen«, verrät die Autorin, »und ließ mich danach nicht mehr los. Sie hatte etwas in mir verändert – ich musste sie einfach aufschreiben.« Danach weilte ›Sternleins Reise‹ lange verborgen in einer Schublade. Doch dann war die Zeit gekommen. »Sabine Marie Körfgen gelang es, ›Sternlein‹ genau so darzustellen, wie ich es in meinem Kopf gesehen hatte. Ich bin so glücklich mit dem Ergebnis, ein echtes Herzensbuch.«

Als ›Sternenkinder‹ ...

... werden im engeren und ursprünglichen Sinne Kinder bezeichnet, die mit einem Gewicht von weniger als 500 Gramm vor, während oder nach der Geburt versterben. Dem Begriff liegt die Idee zugrunde, Kindern einen Namen zu geben, die ›den Himmel‹ (poetisch: die Sterne) ›erreicht haben, noch bevor sie das Licht der Welt erblicken durften‹. Alternative Bezeichnungen sind ›Schmetterlingskind‹ oder ›Engelskind‹. Alle drei Begriffe werden im weiteren Sinne auch generell für verstorbene Kinder verwendet.

Martina Hosse-Dolega / Sabine Marie Körfgen
›Sternleins Reise‹
18,60 Euro
Erhältlich in der Buchhandlung Leselust.
Weitere Informationen und Bestellmöglichkeiten unter sternleins-reise.de und
mail [at] trauerbegleitung-vergissmeinnicht.de

Wenn Sie Fragen zum Thema oder Kontakt zu Martina Hosse-Dolega aufnehmen möchten:
www.trauerbegleitung-vergissmeinnicht.de