KULTUR

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Wolfgang Schmidt:
Synagogen-Mahnmal

An der Ecke Breitestraße/Synagogenstraße erinnert ein Mahnmal an die Wittener jüdische Synagoge, die an diesem Ort stand. Zwei 1,80 Meter hohe, mittlerweile angerostete Stahlplatten bilden zusammen einen rechten Winkel, welcher die Ecke des nahegelegenen Wohnhauses aufgreift.

Der in Witten geborene Künstler Wolfgang Schmidt hat das Mahnmal 1994 im Auftrag der Wittener Bürgerschaft errichtet. Auf den Platten wird auf Hebräisch und auf Deutsch der Gründung des Gotteshauses im Jahre 1885 sowie seiner Zerstörung in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 gedacht – das war vor genau 70 Jahren. Mit diesem Datum begann die systematische Verfolgung der Juden in Deutschland und Österreich, die drei Jahre später zum Holocaust führte, der Ermordung von sechs Millionen Juden im Herrschaftsbereich des Nationalsozialismus. In der von den Nazis so genannten ›Reichskristallnacht‹ setzten Männer der SA auch in Witten die Synagoge in Brand, zerstörten jüdisches Eigentum und drangsalierten jüdische Männer, Frauen und Kinder. Paul Safirstein, geboren 1925, konnte die NS-Zeit in Berlin überleben. Der Sohn des Wittener Synagogendieners gab 1988 folgenden erschütternden Bericht: »Es war ein kalter, grauer Novembertag. Die Stimmung war gedrückt, denn grau wie der Tag sah unser Leben aus, und die Zukunft war immer ungewisser, verachtet und verbannt von dem größten Teil der Bevölkerung, wirtschaftlich aus den Berufen oder Geschäften gedrängt. Geschäfte, die noch nicht verkauft waren, waren im Begriff, ›arisiert‹ zu werden. Mein Vater musste im Tiefbau arbeiten, um für unseren Lebensunterhalt zu sorgen. An den meisten Geschäften war ein Schild mit den Worten ›Juden unerwünscht‹. Im Oktober hatte man gerade die Synagoge an der Ecke Breite- und Kurzestraße geschändet und demoliert. Nicht genug, dass man mit Farbe ›Juda verrecke‹ an die Außenmauern schmierte, war man in die Synagoge eingedrungen und hatte die Sitzbänke angefangen zu zerbrechen, die Gebetsbücher zerrissen und auf die Erde geschmissen, die Gebetsschale überall verstreut und die Thorarollen (die fünf Bücher Mose, das Heiligste im jüdischen Gottesdienst) aus ihrem Schrank gerissen und verunreinigt. Zu alldem brachte das Radio die Nachricht, dass in Paris ein Jude den Botschaftssekretär von Rath angeschossen habe, und dass dieses ungeheure Verbrechen nicht ungestraft bleiben konnte.« Auch Anna Maria Kunst, die 1939 zusammen mit ihrem Mann über Marseille nach Peru in Südamerika emigrieren sollte, erinnerte sich 1990 an den Schrecken der staatlich gelenkten Pogrome: »Ja, an der Synagoge waren nur noch Trümmer. Natürlich haben wir uns das angesehen. Man hatte aber auch noch Angst zu gucken. Es standen dort überall Wachen, die aufgepasst haben, wer da guckte. Und dann die verletzten Männer im Marienhospital!... Mir sagte eines Tages eine ältere Frau: ›Du bist die Jüngste hier, die wir zur Verfügung haben. Alle haben Angst, und keiner will auf die Straße. Geh du doch!‹ Sie haben mir nur gesagt, dass dort Männer liegen, die in der Kristallnacht verletzt und dort eingeliefert worden sind. Sie wollten nur wissen, wie es denen ging. Das habe ich dann auch gemacht. Ich konnte aber mit niemandem sprechen. Die Männer hatten einen Schock oder zum Teil sind sie auch operiert worden.« Das Mahnmal erinnert eindrucksvoll an die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Witten, von denen die meisten von den Nazis aus ihrer Heimatstadt vertrieben und zur Emigration gezwungen, oder in die Konzentrationslager verschleppt und ermordet wurden. Ein Vers aus den Klageliedern des Jeremias im Alten Testament drückt Trauer aus: »Darüber weine ich so und mein Auge fließt von Tränen...«
Chast

Artikel von S. 63 in Ausgabe 58 (11.2008)

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