KULTUR

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Das Mahnmal zum Gedenken der Gefallenen im zweiten Weltkrieg am Luther-Park
Mahnmale in Witten

Im November werden die Tage langsam kürzer. Die Früchte sind abgeerntet, das Getreide eingebracht. Die Sonne scheint weniger. Graue Wolken bedecken den Himmel. Die zeitweise trübe Stimmung nach den vergangenen schönen Herbsttagen verweist auf das Ende des Jahres. Und so ist es nicht verwunderlich, dass gerade dieser Monat dem Totengedächtnis geweiht ist. In vielen Religionen, vor allem aber im Judentum und in den christlichen Kirchen ist es ein verbreiteter Brauch, an bestimmten Tagen der Verstorbenen zu gedenken. Und diese Tage wie Allerseelen, Buß- und Bettag, Volkstrauertag und Totensonntag fallen bei uns in den November. Man gedenkt hier jedoch nicht nur derjenigen Toten, die nach Krankheit oder nach einem erfüllten Leben verstorben sind, sondern auch derer, die in sinnlosen Kriegen gefallen sind oder von Diktatoren und Gewaltherrschaften dahingemordet wurden. Ihnen zu Ehren wurden und werden auch heute immer wieder äußere sichtbare Zeichen gesetzt, um der Trauer und der Erinnerung Ausdruck zu verleihen. Und so entstanden und entstehen zu jeder Zeit Kriegsdenkmäler für die Kriegshelden, Gedenkstätten für Gefallene oder Mahnmale für die ermordeten Juden. Solche Denkmäler sind Ausdruck einer öffentlichen Sinnstiftung. Sie sind ein Identitätsangebot, sie spiegeln das öffentlich herrschende Geschichtsbewusstsein wider und sollen die Erinnerung aufrechterhalten. Man könnte so Mahnmale auch als Materialisierung oder Inszenierung von Erinnerung verstehen. Zumindest sind sie Ausdruck bestimmter Wahrnehmungen aus der jungen oder jüngsten Vergangenheit. Die künstlerische Interpretation, die sich in Denkmälern darstellt, spiegelt die Geschichtsauffassung eines Volkes, einer Stadt, einer Gruppe wider und wird so in der Installation zu einer Ästhetik des Erinnerns. In Witten findet man an verschiedenen Plätzen und Orten Gedenksteine – Tafeln, Denkmäler, die an die Opfer der Weltkriege oder die Verfolgten des Naziregimes erinnern. In Form und Gestaltung unterscheiden sie sich erheblich. Sie sind Ausdruck des jeweiligen Zeitgeistes auch dieser Stadt. Immer aber dienen sie der Erinnerung.
So das Kriegerdenkmal auf dem ,Dreieck‘, das von der Breiten Straße, der Gartenstraße und der Karl Marx Straße gebildet wird. Zum Gedenken an die Gefallenen des Deutsch-Dänischen Krieges, des Deutsch-Österreichischen Krieges (1864–1866) und des Deutsch-Französischen Krieges (1870–1871). Stolz, markant steht es in der Mitte des Platzes, für jedermann und von allen Seiten gut sichtbar. Stufen, die zu den Epitaphen (Gedenktafeln) mit den Namen der Gefallenen führen, verleihen dem Denkmal etwas Erhabenes, etwas Heroisches. Halbreliefs von den Spitzen des Preußischen Staates. Darüber die Kampfstätten, Sedan, Düppel, Königgrätz. Die Krieger, derer hier gedacht wird, waren Helden. Helden, die für das Vaterland gefallen sind. So denn auch die Inschrift: ,Den gefallenen Helden‘. Und über allem als ,Krönung‘ des Denkmals die Germania. Zeitgeist!

Ganz anders das Mahnmal zum Gedenken der Gefallenen im zweiten Weltkrieg am Luther-Park, ein Werk des Bildhauers Fritz Theilmann (1965). Drei konkav gebogene, aus gebrannten Lehmziegeln gemauerte Wände bilden eine dreieckige Säulenstruktur. An der Vorderfront sind eine weibliche und zwei männliche Bronzefiguren angebracht. Körper- und Gesichtshaltung dieser Figuren drücken Leid, Verzweiflung und Trauer aus. Auf den beiden anderen Mauerseiten aus Stacheldraht geformte lateinische Kreuze. Nicht die Helden stehen im Mittelpunkt, sondern die Opfer. Opfer eines grauenvollen Krieges. Und dies sind nicht nur die Gefallenen und Verstorbenen, auch die Vermissten, Flüchtlinge und Vertriebenen. Die schlichte Inschrift ,Wir mahnen‘ soll den an dieser Stelle Verweilenden an den sinnlosen Krieg erinnern. Auf einer Tafel neben dem Denkmal die Inschrift: Das Vermächtnis dieser Toten und Verschollenen aber darf im menschlichen Bewusstsein nicht in Vergessenheit geraten und verpflichtet die Überlebenden, dem Mahnruf Friede und Freiheit in aller Welt Gestaltung und Geltung zu verschaffen.

Die Gedenksäule, zur Ermahnung an die abgebrannte Synagoge, wirkt dagegen eher zurückhaltend und unaufdringlich. Zwei schlichte, in der Zwischenzeit mit rostiger Patina überzogene, im Rechtenwinkel aneinander stoßende Stahlplatten. Ein Entwurf des Dortmunder Künstlers Wolfgang Schmidt. Unauffällig, nahezu bescheiden, dennoch markant an der Ecke Breite Straße/Synagogenstraße, aufgestellt an dem Ort, wo vormals die jüdische Synagoge stand. Die Inschrift in Deutsch und Hebräisch erinnert an die ,Reichskristallnacht‘ vom 9. auf den 10. November 1938, in der durch die SS-Kommandos jüdisches Eigentum und jüdische Männer, Frauen und Kinder drangsaliert wurden. ,Darüber weine ich so und mein Auge fließt von Tränen‘ wird aus dem alten Testament in dem Klagelied 1.16 zitiert.

Obwohl in ihrer Erscheinung sowie dem künstlerischen Design sehr verschieden, dem jeweiligen Zeitgeist entsprechend, sind alle drei hier beschriebenen Mahnmale Erinnerungen an düstere und schreckliche Zeiten und sollen jeden daran ermahnen so Geschehenes nie wieder zuzulassen.

Lupuss

Artikel von S. 86 in Ausgabe 22 (12.2002)

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