IN DER STADT

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Jeder kennt ihn, fast jeder weiß wie er heißt, aber was steckt dahinter, warum, für wen, aus welchem Anlass wurde er gebaut – der Helenenturm?

Der Helenenturm

Jeder kennt ihn, fast jeder weiß wie er heißt, aber was steckt dahinter, warum, für wen, aus welchem Anlass wurde er gebaut – der Helenenturm?

Zu Fuß, vom Zentrum der Stadt aus, ist er in zehn bis fünfzehn Minuten zu erreichen. Wer die 140 Treppen nicht scheut, den erwartet bei schönem Wetter ein imposanter Blick über die Ruhrstadt. Stolze 30 m Meter misst er. Ein paar Runzeln zieren sein Antlitz, aber das dürfen sie auch, denn schließlich ist er bedeutend älter als wir alle: 144 Jahre hat er auf dem Buckel und sicher schon so manch Unverständliches und Merkwürdiges von uns Menschenkindern erlebt.

Weshalb aber wurde er gebaut?

Eine etwas traurige, eine rechtliche, aber vor allem romantische Geschichte steckt dahinter.

Wir schreiben das Jahr 1852. Witten zählt weniger als 7.000 Einwohner. Zwar hatte gerade das industrielle Zeitalter begonnen, aber von Computern, Handys, Fernseher und Autos – Dinge, die aus unserem heutigen Leben nicht mehr wegzudenken sind – wagte noch niemand zu träumen.

Helene Strohn, geb. am 6.4.1818, war die Enkelin des Firmengründers Friedrich Lohmann aus Witten und in Berlin mit Anwalt Strohn, der als scharfsinniger Jurist und Schriftsteller bekannt war, verheiratet. (Der Name Lohmann war und ist in Witten sehr bekannt und bedeutend – s. hierzu auch Stadtmagazin Witten, Ausgabe 9, S. 39–44)

Während das traute Glück in der fernen Großstadt blühte – sieben Kinder waren der Beweis – hatte die Familie in der Heimat mit recht großem Ärger zu kämpfen. Ihr stand das Privileg zu, auf der Ruhrfähre zwischen Witten und Bommern Gebühren zu erheben. So mir nichts dir nichts wurden von staatswegen diese Fährgelder einfach herabgesetzt, was der Familie bzw. der Firma Lohmann nun gar nicht gefiel, denn die Einbuße war nicht unerheblich. Man beauftragte den fachlich versierten Schwiegersohn – Justizrat Strohn – in der Hauptstadt damit, die Rechte und das entgangene Geld vor Gericht zu erstreiten, was ihm nach einem zweijährigen Prozess (1852–1854) auch bestens gelang: Vater Staat musste eine nicht unerhebliche Entschädigung zahlen.

Doch das Glück ist leider selten vollkommen, kurze Zeit später geschah in Berlin sehr Trauriges, denn Helene war bei der Geburt ihres achten Kindes gestorben. (Als Enddreißigerin war sie eine Spätgebärende, heute kein Ding mehr, damals überaus problembehaftet.) Auch das Kind hatte keine Überlebenschancen.

Justizrat Strohn verzichtete daraufhin auf das ihm zustehende Honorar in der beschriebenen Rechtsangelegenheit unter der Bedingung, dass zum Andenken an seine Frau, die er sehr geliebt hatte, aber auch, um die Bedeutung des Prozesses zu verdeutlichen, ein Turm gebaut werden sollte.

Die Familie war einverstanden und stellte zudem die Grundstücke zur Verfügung. Der Turm, dem der Justitiar später den Namen Helenenturm gab, wurde gebaut und dazu noch öffentliche Spazierwege angelegt. Fünfzig Jahre später erwarb die Stadt Witten das Gelände nebst Turm.

Wir – von der Redaktion – können den Helenenturm vom Bürofenster aus sehen und denken etwas wehmütig: Welcher Mann baut wohl heute noch einen Turm für seine Frau?

Im Gespräch:

Frau Lore Plevka; früher war sie in der Buchhaltung und im Sekretariat des Unternehmens Lohmann tätig und ist jetzt seit über zwanzig Jahren mit der Firmen- und Familiengeschichte beschäftigt. Das ehemalige Mühlengebäude wurde zu einem beeindruckenden Denkmal auf vier Etagen umgebaut.

Mir wurde nach unserem Gespräch die Ehre einer Sonderführung zuteil. Frau Plevka kennt sich aus und weiß zu allen Dingen Gescheites zu erzählen und erklären.

Apropos: Die neue Realschule trägt nicht den Namen ,unserer‘ Helene, sondern ist nach ihrer Mutter, auch eine Helene, benannt.

Leider steht das Museum nicht ständig der Öffentlichkeit zur Verfügung. In Abstimmung mit dem KVR können jedoch Führungen beantragt werden.

Von Helene Strohn können wir Ihnen mangels Vorlage bedauerlicherweise kein Bild zeigen.

Artikel von S. 6 in Ausgabe 20 (07.2002)

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