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oben: Am Markt 24, 25 von Spenhoff und Schunck
unten: Marktplatz mit Wochenmarkt 1969 -darunter Am Markt 11, 12, 14 von Spenhoff und Schunc






Quellen:
Materna, Johannes u.a., Denkmale in Castrop-Rauxel, 2001
Denkmalbegründung des Westfälischen Amtes für Denkmalpflege
Bildmaterial des Stadtarchivs
Castrop-Rauxel
Bücholdt, Historisches
Architektenverzeichnis
www.kmkbuecholdt.de

Architektur in Castrop-Rauxel
›Reformstil‹ prägt den Altstadtmarkt

Marktrechte erhielt das Dorf Castrop bereits 1484, als Johannes II. von Cleve es zur ›Freyheit‹ erhob. Doch einen Marktplatz gab es damals noch nicht. Stattdessen fanden die Viehmärkte, Jahrmärkte und erst viel später regelmäßige Wochenmärkte in den Straßen statt und werden sich auf breiter angelegte Straßen wie etwa den Prozessionsweg vor der Kirche konzentriert haben. Nicht umsonst wird die Straße ›Im Ort‹ im Zusammenhang mit dem Marktgeschehen angeführt.

Schon vor der Stadtgründung 1902, wohl bedingt durch die Notwendigkeiten der Versorgung einer rasch wachsenden Bevölkerung durch die Zeche Erin in den 1860er-Jahren, muss sich das Marktgeschehen ausgeweitet haben. Der Marktplatz in heutiger Form und Größe wurde in jenen Tagen angelegt und seine Platzwände sind seither in mehreren Phasen umbaut worden.

Ordnung gab es bis in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, lange nach dem Ende der napoleonischen Besatzung, eigentlich nur rund um St. Lambertus. Die Umbauung des Kirchplatzes folgte einem städtebaulich identifizierbaren Muster. Ringsum siedelte man nach ländlicher Sitte auf seiner Scholle, wie es gerade opportun erschien. Der Bergbau brachte Disziplin in die Provinz. Die Kapitalgeber aus dem preußischen Mutterland sorgten dafür, dass die Goldgräbersitten der ersten Erkundungen durch Ordnung und auf Profitmaximierung ausgelegte Strukturen der Bergwerksindustrie ersetzt wurden.
Dies schlug sich auch in der Stadtgestalt nieder. Die Ackerbürgerhäuser verschwanden und wichen einer historistischen Bebauung mit zwei-, maximal dreigeschossigen, einfachen Gebäuden, die inzwischen bis auf einen Teil der Ostflanke Am Stadtgarten völlig verschwunden sind. In der Zeit zwischen 1908 und 1916 erhielten die West- und Nordwände des Altstadtmarktes ihr wesentliches Gepräge, das bis heute die Zeiten überdauert hat.

Da ist das Doppelgebäude auf der Ecke zur Mühlenstraße, das der Architekt Henkel in einer als ›Heimatschutzarchitektur‹ bezeichneten Spielart des Jugendstils errichtete. Fachwerkelemente, Erker und Giebel stehen in der Tradition eines Paul Schmitthenner oder Heinrich Tessenow. Eine stattliche Zahl der Gebäude jedoch, welche das nördliche Platzende umstehen, wurde von einem einzigen Architektenteam, dem Dortmunder Büro Spenhoff und Strunck, errichtet. Heinrich Strunck und sein Partner, womöglich der später in Datteln tätige Otto Spenhoff, fanden eine finanzstarke Auftraggeberschaft und konnten ihre Bauten mit aufwändigen Sandsteinfassaden realisieren.

Obwohl akribische Details ein reiches Dekor bilden, hat man ihnen monumentale Einheitlichkeit in der Gesamtwirkung vorgehalten. Doch ist es nicht erst die Ähnlichkeit von Material, Gestalt und Farbgebung, die einer städtebaulichen Situation wie dieser ihren unverwechselbaren Charakter verleiht? Wären da nicht die geschwungenen Giebel des Eckhauses am Platzausgang zum Biesenkamp, die sich vorwölbenden Erker, gerundeten Ecksituationen und Fensterbögen, so könnte man sich an flandrische Gotik erinnert fühlen. Doch diese Bauten mit ihren filigranen Sprossenfenstern stammen aus einer Epoche, die bereits den Jugendstil zu überwinden trachtete. Mit diesem Reformstil hielten strengere Formgebungen wieder Einzug, verbannten Akanthusblatt, Medusenhaupt und lorbeerbekränzte Nymphe.
Scheinbar ein Rückfall in die Formensprache des Historismus, bereitete diese weitgehend auf Geometrien reduzierte Ornamentik doch den Boden für neue Sachlichkeit und klassische Moderne. Der Eintragungsbescheid zur Denkmalliste rückt das städtebauliche Werk der Dortmunder Architekten in die Nähe von Größen wie Peter Behrens, Henry van de Velde, Hermann Muthesius und Alfred Messel. Denkwürdig erscheint es, dass auch der Wiener Joseph Maria Olbrich in diesem Zusammenhang angeführt wird. Seine Bauten waren ein wesentlicher Beitrag zur ›Art Nouveau‹, dem ursprünglichen Jugendstil, und erst in den zwanziger Jahren hat er zu den reformierenden Strömungen gefunden.
Zur Erinnerung an nahezu ein Jahrhundert Tradition der Naturhindernisrennen am Haus Goldschmieding entstand 1912, zur Blütezeit der Bautätigkeit von Spenhoff und Strunck, der Castroper Reiterbrunnen. Nicht nur an dieses Sportereignis, sondern auch an dessen Initiator, den irischen Zechengründer William Thomas Mulvany, erinnern Brunnenschale und Stele des Kölner Bildhauers Professor Georg Grassegger.
Nur Eingeweihte kennen das beeindruckende Treppenhaus des Hauses Am Markt 25. Das westlich anschließende Gebäude, ein Vertreter des Backstein-Expressionismus, setzt einen Schlusspunkt unter die Zeit qualitätvollen Bauens, die dem Altstadtmarkt in Westfalen eine herausragende Bedeutung verliehen hat.
masc

Artikel von S. 38 in Ausgabe 59 (02.2008)

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