Stadtmagazin Witten: Historisch

Wer war Dagobert Lubinski?

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Auf Großvaters Spuren …

Alles begann mit einer Fotografie auf dem Nachttisch der Großmutter. »Als kleiner Junge war ich natürlich neugierig, wollte wissen, wer dieser Mann ist«, erinnert sich Peter Dagobert Hegholz. »Aber meine Oma konnte mir meine Fragen nicht beantworten, sie brach in Tränen aus.« Erst später fand er heraus: Bei dem ernst dreinblickenden Menschen auf dem Bild handelt es sich um den Widerstandskämpfer Dagobert Lubinski, ein Journalist jüdischer Abstammung, der 1943 von den Nazis im KZ in Auschwitz ermordet worden ist. Das tragische Schicksal seines Großvaters hat der Wittener Peter Hegholz nun für die 2019 erschienene Anthologie ›Kinder des Widerstandes‹ in einem historischen und gleichzeitig sehr persönlichen Beitrag zusammengefasst.

›Einen ganz persönlichen Brief, Liebste, schreibe ich an dich‹

»Das Thema treibt mich seit langem um. Mein Opa hat mir immerhin seinen Vornamen vererbt, doch kenne ich ihn nur aus Fotoalben, Erzählungen und Büchern. Sogar im Bundesarchiv gibt es Literatur über ihn! Daher war es mir immer ein Bedürfnis, mich auf seinen Spuren zu bewegen und ihm dadurch auch persönlich näherzukommen.« Als besondere Quelle dienen die insgesamt 44 Briefe, die ›Dago‹ im Gefängnis an seine Frau Charlotte und die beiden Töchter Hannah und Nora verfasst hat: den ersten im November 1936, kurz nachdem er als Rädelsführer der Kommunistischen Partei-Opposition (KPO) durch die Gestapo verhaftet und in Düsseldorf in Untersuchungshaft gesteckt worden ist (›Einen ganz persönlichen Brief, Liebste, schreibe ich an dich‹), den letzten 1943 kurz vor seiner Deportierung nach Auschwitz (›Es ist möglich, dass ich hier wegkomme‹).

»Ich könnte nicht sagen, wie ich in einer solch ausweglosen Situation reagieren würde«

»Ich weiß noch, dass ich Angst hatte, diese handschriftlichen Aufzeichnungen überhaupt aufzuschlagen«, erzählt Peter Hegholz. »Das ging mir doch ziemlich nahe. Allein und ohne Perspektive in einer Zelle kann man eigentlich nur verrückt werden. Ich könnte nicht sagen, wie ich in einer solch ausweglosen Situation reagieren würde.« Umso beeindruckender die Abgeklärtheit, die aus den Zeilen des Inhaftierten spricht: Er begreift sein Schicksal als Ergebnis objektiver Zeitumstände und ist als gebildeter Mann sogar noch bemüht, seine Töchter aus dem Gefängnis heraus zu erziehen. Die ›Mädels‹ sollen ihre Schulnoten offenlegen, bestimmte Bücher lesen und von leichten Vergnügungen Abstand halten. Sport ist erlaubt – außer Schwimmen, denn das hält der besorgte Familienvater für zu gefährlich. »Indem er den Anschein von Normalität wahrte, hat mein Großvater sich selbst Mut zugesprochen.«

›Im Übrigen wisst ihr, dass die gegenwärtige Geschichtsepoche eine sehr stürmische ist und nicht ohne Opfer gedacht werden kann‹

Überdies scheint der überzeugte Kommunist bis zum Schluss darauf zu hoffen, dass es den Arbeiterparteien gelingen werde, sich als Mehrheitsfront gegen das Nazi-Regime zu verbünden. Der optimistische Ton ändert sich erst 1938 nach der Verurteilung wegen ›Vorbereitung zum Hochverrat‹. Zehn Jahre Zuchthaus, so lautet die Strafe, und auch seine 58 Mitstreiter sollen lange hinter Gitter kommen. Dagobert Lubinski wird in die Haftanstalt nach Remscheid-Lüttringhausen verlegt. ›Jetzt bin ich eingesargt worden‹, schreibt er seiner Frau Lotte. Dennoch sei er ruhig und ausgeglichen, ›hole ich doch meine weisen Freunde Heraklit, Hegel, Kant u. a. von einem imaginären Bücherbrett und beglücke mich am Inhalt ihrer Lehren. Im Übrigen wisst ihr, dass die gegenwärtige Geschichtsepoche eine sehr stürmische ist und nicht ohne Opfer gedacht werden kann.‹

›Intervention dringend nötig!‹

Dann im Januar 1943 die Schreckensnachricht, die die Familie in Form eines heimlich herausgeschmuggelten Zettels erreicht: ›Es handelt sich wohl um eine Evakuierung nach dem Osten in kürzester Frist. Intervention dringend nötig!‹ »Meine Oma ist sofort mit ihren Töchtern nach Remscheid gefahren«, berichtet Peter Hegholz. »Als sie um sieben Uhr morgens an der Pforte schellten, sahen sie ein Fahrzeug durch das Gefängnistor rollen und glaubten, Dagobert hinten im Wagen zu erkennen. Von Seiten der Gefängnisleitung hieß es bloß: ›So ein Pech, Sie haben ihn knapp verpasst.‹ Wären sie nur zehn Minuten früher vor Ort gewesen, hätten sie ihn vielleicht noch einmal gesehen.« Drei Wochen später kommt per SS-Feldpost die Mitteilung: ›Verstorben am 22. Februar 1943, 6 Uhr 45 Minuten, Auschwitz, Kasernenstraße‹. Zum Zeitpunkt seines Todes ist Dagobert Lubinski keine 50 Jahre alt. Drei Jahre später hätte er freikommen sollen …

»Niemand wollte sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen«

»Nach dem Tod meiner Oma wollte meine Mutter auch den Namen ihres Vaters auf den Grabstein schreiben lassen, und zwar mit dem Zusatz ›ermordet in Auschwitz‹«, erzählt Peter Hegholz. Doch die Friedhofsverwaltung stellte sich quer. »Damals in den 50er-Jahren war die Situation in der Bundesrepublik eine ganz andere: Niemand wollte sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Beweisdokumente aus Polen wurden nicht anerkannt. So gab es zunächst keine strafrechtliche Verfolgung der Täter aus dem Dritten Reich. Meine Mutter musste lange kämpfen und unzählige Schreiben verschicken, um ihren Wunsch durchzusetzen.« Erst Jahrzehnte später fand das Schicksal von Dagobert Lubinski auch öffentlich Beachtung: 1991 verfasste seine Enkelin Annette Leo auf der Basis der erhaltenen Briefe und Kassiber eine Biografie. 2011 ließ der Verein Düsseldorfer Journalisten eine Gedenktafel an Dagoberts ehemaligem Wohnhaus installieren. Ein Stolperstein wurde an der Stätte seiner ersten Verhaftung in Düsseldorf in den Gehweg eingelassen. Und auch Peter Hegholz trägt seinen Teil dazu bei, die tragische Geschichte für nachfolgende Generationen zu bewahren. Dazu bietet er VHS-Vorträge und Schulbesuche an.

»Der November fordert dazu auf, Verantwortung für das demokratische Gemeinwesen zu übernehmen«

»Man kann gesellschaftliche Zusammenhänge nur verstehen, wenn man geschichtliche Kenntnisse erwirbt. Ich habe mich beim Lesen der Briefe oft gefragt, wie ich selbst mich unter ähnlichen Umständen verhalten hätte. Doch ich habe mein eigenes Leben glücklicherweise in Frieden verbringen dürfen, und es wäre vermessen zu behaupten, ich hätte es wie mein Großvater gemacht. Niemand kann sagen, wie er in einer derartigen Extremsituation reagieren würde. Allerdings kann man sich dem annähern und sein historisches Wissen nutzen, um in der heutigen Zeit verantwortlich zu handeln. Und ich finde, der November als Monat bedeutsamer Ereignisse wie der Reichspogromnacht oder des Mauerfalls fordert ganz besonders dazu auf, Verantwortung für das demokratische Gemeinwesen zu übernehmen.«

Kontakt: ephegholz [at] arcor.de

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