Mitten unter uns
Moderne ›Hexen‹ in Castrop-Rauxel
Hexen leben versteckt im Wald, halten teuflische Rituale ab und verspeisen kleine Kinder zum Frühstück? Weit gefehlt! Moderne Hexen, von denen viele zur sogenannten Wicca-Tradition gehören, sind freundlich, hilfsbereit – und sie befinden sich mitten unter uns. Wir haben jemanden ausfindig gemacht, der sich auskennt: Constantin arbeitet hauptberuflich als Lehrer, geht regelmäßig ins Fitnessstudio und wirkt auch sonst ganz ›normal‹. Doch nach Feierabend meditiert er in der Natur oder liest für sich und andere die Tarotkarten …
Hallo Constantin, erzähl doch mal: Was hat es mit Wicca auf sich?
Dabei handelt es sich um eine neuheidnische Naturreligion, die in den 50er-Jahren in Großbritannien durch einen ehemaligen Beamten namens Gerald Gardner entstanden ist und Einflüsse aus verschiedenen älteren Glaubensrichtungen in sich vereint: Insbesondere finden sich hier Elemente und spirituelle Praktiken aus dem keltischen Raum, dem alten Ägypten und dem antiken Griechenland bzw. Rom wieder. Der angelsächsische Begriff ›Wicca‹ (ausgesprochen ›Witscha‹) ist tatsächlich die männliche Form und bedeutet übersetzt so viel wie ›Hexer‹ – die weibliche Form für ›Hexe‹ ist ›Wicce‹.
Was fasziniert dich daran?
Ich war schon als Kind auf der Suche und habe mich für Mystisches und Sagenhaftes begeistert. Das ging los mit der kleinen Hexe von Preußler und führte über die Nibelungensage und König Artus bis zur Jungfrau Maria. Die Verehrung des Weiblichen, der Mutter, ist im Wicca sehr wichtig. Wenn Mutter Erde zerstört ist, sind wir zerstört. Viele Wicca-Anhänger sind daher auch in ökologischen Bewegungen aktiv.
Bist du mit anderen Anhängern vernetzt? Gibt es Gottesdienste bzw. ›Göttinnendienste‹?
Es gibt Gruppen und Stammtische, die aber, das muss man leider sagen, hin und wieder verrückte Leute anziehen. Ich habe mich viele Jahre selbstständig mit Magie beschäftigt, viel gelesen, und erst im Winter 2024 in den Niederlanden meinen festen Zirkel – wir sagen dazu ›Coven‹ – gefunden. Diese Gruppe ist für mich wie eine spirituelle Familie. Wir feiern zum Beispiel die acht Jahreskreisfeste zusammen, wie etwa Beltane, die keltische Version der Walpurgisnacht, oder Samhain, den Vorläufer von Halloween.
Wie laufen diese Feste ab? Ich schätze, ihr fliegt nicht mit dem Besen zum Brocken und esst auch keine kleinen Kinder …
Ich nehme das Auto, nicht den Besen, und viele von uns ernähren sich vegetarisch. Im Ernst: Das Bild der bösen, alten Frau, die mit Satan im Bunde steht, wurde im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit durch Aberglauben geprägt, mit schrecklichen Konsequenzen. Die Anhänger neuheidnischer Religionen haben das veraltete Hexenbild in Ablehnung patriarchaler Gewalten feministisch umgedeutet. Wir glauben nicht an den Teufel, sondern an die göttliche Kraft in der Natur. Unsere Magie dient dem Schutz oder der Heilung, nicht der Zerstörung. Ganz nach dem Leitsatz: ›Tu, was du willst, aber schade niemandem!‹
Okay, jetzt bin ich aber doch neugierig. Was genau meinst du mit Magie?
Das darf man sich natürlich nicht wie bei Bibi Blocksberg oder Harry Potter vorstellen. Magie ist nicht gleich Zauberei. Auch hier hilft der Blick nach Großbritannien. Das englische Wort ›Witchcraft‹ lässt sich am besten mit ›Hexenhandwerk‹ übersetzen. Dazu passt, dass unsere Praktiken eher funktional ausgerichtet sind. Wir nutzen sogenannte magische Methoden und Rituale als Werkzeug, um das Bewusstsein zu erweitern, Energien zu lenken, eigene Stärken zu fördern und somit gewisse Ziele zu erreichen. Ob uns nun das Universum dabei zur Hand geht oder ob positive Verhaltensänderungen durch einen psychologischen Effekt in Gang gesetzt werden, muss jeder für sich deuten.
Kannst du ein praktisches Beispiel geben?
Die bekannteste Methode ist wohl das Kartenlegen – für mich ganz klar eine psychologische Technik. Durch die subjektive Lesart der Symbole setze ich mich mit den Themen auseinander, die mich unterbewusst beschäftigen, was mir für die Zukunft weiterhelfen kann. Ein anderes Beispiel aus dem Hexenhandwerk ist das Kerzenritual, bei dem ich Kerzen zu einem bestimmten Zweck mit Energie auflade: Für einen Heilungszauber nehme ich eine grüne oder blaue Kerze. Will ich eine unglückliche Liebe bannen, sollte das Ritual bei abnehmendem Mond stattfinden. Das mag für Außenstehende nach Hokuspokus klingen, aber: Kerze, Farbe und Mondphase sind nur schmückendes Beiwerk – ein Trick, um mich in einen meditativen Zustand zu versetzen und mein Ziel zu visualisieren.
Hat das bei dir schon mal funktioniert?
Absolut! Wobei ich betonen muss, dass magische Rituale keine medizinische Behandlung oder Therapie ersetzen. Menschen interessieren sich in der Regel für Wicca, weil sie auf der Suche sind – nach Spiritualität, Selbsterkenntnis, dem Sinn des Lebens. Wer aber spirituelle Techniken anwendet, sollte eine gefestigte Psyche haben. Denn alles, was in die Tiefe geht, kann Folgen haben. In einigen Coven muss man daher Prüfungen bestehen, um aufgenommen zu werden. So wird es auch in meiner Gruppe in Holland gehandhabt. Wir helfen erstmal jedem, haben aber schon Menschen weitervermittelt, weil sich herausstellte, dass sie woanders besser aufgehoben wären. Einer ist bei einem buddhistischen Zentrum gelandet, ein anderer beim Therapeuten. Wenn man aber den Coven findet, der zu einem passt, gewinnt man Freundschaften fürs Leben.
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