KULTUR

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oben: Im hauseigenen Atelier arbeitet Jan Bormann an einem Sockel aus Bongossiholz
mitte: Der Spurwerkturm im Gewerbegebiet Zeche Waltrop,
entworfen und gebaut von Jan Bormann (Bildquelle: www.ruhrgebietsfotos.de)
unten: Die Schweriner Sonnenuhr






Jan Bormann
Herner Str. 81 · 44575 Castrop-Rauxel
Tel. 0 23 05 / 2 23 21
Landmarken-Kunst

Sonnige Maiwochenenden genießt der Ruhrgebietler am liebsten an der frischen Luft. Und er kennt sich aus: Kanäle, Haard und diverse Seen sind beliebte Ausflugsziele direkt vor der Haustür. Wer die traditionelle Fahrt ins Grüne jedoch mit einem Häppchen Kultur aufpeppen will, dem empfiehlt sich der Waltroper Spurwerkturm, die erste entworfene Landmarke im Ruhrgebiet.

Nicht nur bei Sonnenschein bietet das Haldenplateau eine unglaubliche Aussicht auf die umliegende Landschaft, auch am Abend lohnt sich der Weg: Mond und Sterne strahlen dort oben besonders hell. »Weil sich der Turm in einer Dunkelzone befindet«, weiß der verantwortliche Künstler Jan Bormann, der auch die ›Sonnenuhr‹ auf der Schweriner Halde geschaffen hat. Für den erfahrenen Bildhauer ist der Spurwerkturm ebenso wie die Anhöhe in Schwerin weit mehr als eine attraktive Aussichtsplattform. »Dahinter steht eine Idee, die ich bereits 1986 hatte: im Rahmen einer Landschaftsumgestaltung sollten den Waltroper Halden neue, individuelle Inhalte gegeben werden«, so Bormann. »Halden sind typisch für das Ruhrgebiet, aber man sieht sie nicht.« Schuld seien Rekultivierungsprogramme, aufgrund derer die Halden jahrzehntelang mit Bäumen bepflanzt worden seien. »Ich habe darum gekämpft, die Bepflanzung der Waltroper Halde zu verhindern. Sonst wäre der Spurwerkturm heute schon zugewachsen.«

Jan Bormann wurde 1939 in Dortmund geboren und ist seit 1969 freiberuflich als Bildhauer tätig. Seit nunmehr dreißig Jahren lebt er in einem alten Fachwerkhaus im Castrop-Rauxeler Gewerbegebiet, wo er mit seiner Frau, der Künstlerin Erika A. Schäfer, an künstlerischen Projekten arbeitet. Die praktische Verbindung aus handwerklicher Ausbildung und Kunststudium ermöglicht es dem Steinbildhauermeister und Diplom Designer, eigene Entwürfe selbst auszuführen und Auftragsarbeiten in aller Welt von Günzburg bis Finnland zu verrichten. Sowohl der Spurwerkturm Waltrop als auch die Sonnenuhr der Halde Castrop-Rauxel-Schwerin gehören zu den wohl eindrucksvollsten Ergebnissen dieses vielseitigen Schaffens. Nach dem Motto ›mit offenen Augen durch die Landschaft gehen‹ hat der Künstler seine Erfahrung von Natur, Umwelt und Industrieregion in den beiden ›Landmarken‹ verarbeitet.

Wo früher Wald war, ist heute eine Lichtung, die Blicke sind gerettet. Spitz ragt der Spurwerkturm aus der von Birkenwuchs befreiten Haldenlandschaft in den klaren Frühlingshimmel. Als individueller Orientierungspunkt – aufgrund der Asymmetrie im oberen Bereich lassen sich die vier Himmelsrichtungen bestimmen – aber auch als ein Symbol örtlicher Identität. Denn mit den für den Bau verwendeten Spurlatten aus Bongossiholz (Hartholz) wurden früher in den Bergbauschächten die Förderkörbe in der Spur gehalten. Bereits 1993 schuf Bormann den Entwurf des zwanzig Meter hohen Turms, der ursprünglich von Bergleuten gebaut werden sollte, doch erst 1997 gab die IBA (Internationale Bauausstellung) das Projekt in Auftrag. Da der Plan, Bergleute für den Bau zu engagieren, nicht realisiert werden konnte, musste Bormann selbst mit anpacken. Sogar für den gelernten Steinbildhauer ein kompliziertes Unterfangen. Ganze zwei Jahre dauerte es zudem, bis er die benötigten 1000 Meter Spurlatten von der Zeche Ewald Hugo gesammelt hatte. Im Jahr 1999 war es dann endlich
soweit: Der Spurwerkturm wurde errichtet. Sogar die RAG (Ruhrkohle AG) hatte zwei Waltroper Bergleute für den dreiwöchigen Prozess zur Verfügung gestellt. »Ein wichtiger Beitrag zur Rettung des Ruhrgebiets mit seinen Qualitäten, gerade im Hinblick auf die Kulturhauptstadt 2010«, beurteilt der Künstler sein Werk.

Artikel von S. 41 in Ausgabe 54 (05.2007)

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