Stadtmagazin Witten: Menschen

Rosi Wolfstein - Ein Leben in der Arbeiterbewegung

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Am 27. Mai 1888 erblickte Alma Rosalie Wolfstein in Witten das Licht der Welt. Sie war die Tochter des Kaufmanns Samuel Wolfstein und seiner Frau Klara. Die kleine jüdische Familie wohnte zunächst in der Poststraße, später hatte sie ein Haus in der Nordstraße.

Rosi besuchte das Mädchen-Lyzeum – das heutige Schiller-Gymnasium – und machte anschließend eine Lehre als Kauffrau. Es war die Zeit des Kaiserreichs; eine aufstrebende Sozialdemokratie wollte die obrigkeitshörige Klassengesellschaft abschaffen. Rosi Wolfsteins Einsatz für die Arbeiterbewegung und für die Befreiung der Frau beginnt mit ihrem Beitritt zur SPD im Jahre 1908. Bereits zwei Jahre später hielt die zierliche Frau kämpferische Reden vor Wittener Bergarbeiterfrauen. Im selben Jahr lernte sie die große Vordenkerin des Marxismus, Rosa Luxemburg (1871–1918), kennen. Die Wittenerin zeigte sich sehr erstaunt: »Weil sie so klein, sehr klein von Gestalt war und weil man sie sich so anders vorgestellt hatte.« Auf der Parteihochschule der SPD in Berlin wurde sie Luxemburgs Schülerin und Freundin. 1917 schrieb Rosa an Rosi: »Von Ihren Schicksalen bin ich fortlaufend, wenn auch nur kurz, informiert. Ich hoffe Sie stets eben so forsch, munter und unverzagt, wie ich Sie von früher kenne.«
Doch auch die Staatsmacht hatte Rosi Wolfstein im Auge. In einem geheimen Polizei-Bericht vom 10. Mai 1917 wird sie als ›fanatische Persönlichkeit‹ beschrieben. Sie und ihr Duisburger Mitstreiter würden offen als ›feindliche Agenten‹ bezeichnet. Im Bericht lesen wir weiter: ›Die Ermittlungen an den verschiedensten Orten wiesen immer wieder auf die verhetzende, agitatorische Tätigkeit dieser beiden Personen hin, die bei fast allen Streiks und Unruhen ihre Hand im Spiel gehabt hatten‹. Als sich 1919 die radikalen Linken zur Kommunistischen Partei Deutschlands zusammenschlossen, wurde Rosi Wolfstein zur Schriftführerin des Gründungsparteitags und zur Kandidatin des Zentralkomitees gewählt, dem sie von 1921 bis 1923 angehörte.

Doch das lauteste Signal zum Aufstand für die ›Verdammten dieser Erde‹ kam aus Sowjetrussland. Im Sommer 1920 gelangte Rosi Wolfstein durch die Wirren des russischen Bürgerkriegs in Männerkleidung und mit gefälschtem Pass zum 2. Weltkongress der Kommunistischen Internationalen nach Petrograd und Moskau. Zusammen mit einem anderen Delegierten der KPD hatte sie ein Gespräch mit dem Revolutionsführer Wladimir Iljitsch Lenin über die Situation in Deutschland. Von 1921 bis 1924 saß Wolfstein im Preußischen Landtag und war Fraktionsvorsitzende ihrer Partei. 1924 trat sie aus Protest gegen die ›ultralinke‹ Führung der KPD von ihren Ämtern zurück, fünf Jahre später wurde sie als ›Rechtsabweichlerin‹ aus der Partei ausgeschlossen.

Mit ihrem späteren Mann, dem Marxismus-Forscher Paul Frölich, ging sie zunächst zur Kommunistischen Partei Opposition (KPO), danach zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP). Diese Kleinparteien wollten angesichts des bedrohlichen Aufstiegs des Faschismus die Spaltung der Arbeiterbewegung überwinden. Nach der Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933 floh das Paar über Brüssel nach Paris. 1941 gelang es Rosi Wolfstein und Paul Frölich, in die USA zu emigrieren. 1951 kehrten sie nach Deutschland zurück und ließen sich in Frankfurt am Main nieder. Rosi Wolfstein trat wieder der SPD bei, da unter den gegebenen historischen Bedingungen der ›dritte Weg‹ zwischen Kommunismus und Kapitalismus nur mit dieser Partei zu verwirklichen sei. Darüber hinaus engagierte sie sich in der IG Druck und Papier und der Deutschen Journalistenunion. Willy Brandt, der mit Rosi Wolfstein seit SAP-Zeiten befreundet war und sie noch im März 1987, wenige Monate vor ihrem Tod, im Altenheim besuchte, lobte ihr »Engagement für einen kämpferischen und freiheitlichen Sozialismus.«

Fotos dieser Seite aus: Wittener. Biografische Portraits, Band 1, Ruhrstadt Verlag, hrsg. von Frank Uhland und Matthias Dudde in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv Witten

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