Stadtmagazin Witten: Dies und Das

Der Liebe auf der Spur

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»Man kann auch später noch auf Wolken tanzen, selbst wenn die Beine nicht mehr mitmachen«

Alles begann mit kindlicher Neugier. »Mama, was ist eigentlich Liebe?«, wollte der damals sechsjährige Sohn von Anika Biel im Herbst 2020 wissen. Die meisten Eltern hätten in diesem Moment vermutlich nach einer möglichst einfachen, kindgerechten Erklärung gesucht. Doch Anika Biel kam ins Grübeln. Gibt es nicht mehr als nur eine Antwort? Was steckt dahinter?

Experten plaudern aus dem Nähkästchen

»Ich habe mich gefragt, wer etwas über die Liebe wissen und mir dabei helfen könnte, dem Gefühl auf die Spur zu kommen«, erzählt die junge Ärztin und Hobbyfotografin, die gebürtig aus Recklinghausen stammt. »Schließlich kam mir die Idee, mich an echte Experten auf dem Gebiet zu wenden: Menschen mit Lebenserfahrung.« Anika Biel kontaktierte drei Seniorenzentren, unter anderem das AWO-Haus Egge in Witten, mit der Bitte, die dortigen Bewohner interviewen zu dürfen. Insgesamt über 40 Senioren erklärten sich bereit mitzumachen. Ihre O-Töne und Porträts hat Anika Biel unter dem Titel ›Sag mir, was Liebe ist‹ in einem wunderschönen Fotobuch zusammengefasst. Ergänzt wird das Werk durch kurze Essays, in denen die Autorin das zentrale Thema aus verschiedenen wissenschaftlichen, historischen und kulturellen Blickwinkeln beleuchtet.

Von kleinen Gesten und dem ganz großen Glück

»Wegen Corona fand das Projekt unter erschwerten Bedingungen statt«, berichtet sie. »Im Herbst waren die Inzidenzwerte zum Glück niedriger, und das Wetter war gut, sodass wir die Aktion komplett nach draußen verlegen konnten. Dank der tollen Unterstützung durch die zuständigen Sozialarbeiter hat das super geklappt. Um die Bewohner nicht zu gefährden, habe ich jedoch sämtliche Interviews mit Maske geführt. Einige Teilnehmer waren zunächst skeptisch, weil sie fürchteten, ich würde intime Fragen stellen. Das war aber gar nicht meine Intention. Vielmehr habe ich mich ganz wertfrei für das allgemeine Konzept der Liebe interessiert. Die Antworten waren dann auch total facettenreich und viel weiter gefasst, als ich zu hoffen gewagt hatte. Hier ging es längst nicht nur um die Liebe innerhalb einer Partnerschaft. Es ging auch um die Liebe zu den eigenen Kindern, zu Gott, zur Natur und zu Tieren. Es ging um versteckte, nicht geduldete oder sich verändernde Liebe. Es ging um die liebevollen kleinen Gesten im Alltag und um das ganz große Glück.«

Zärtlich wie ein Walzertanz und aufregend wie ein Fußballspiel

45 bis 60 Minuten dauerten die einzelnen Gespräche, in denen die Senioren ihre Sichtweisen und schlussendlich auch die eine oder andere persönliche Erinnerung teilten. Für den Sammelband wurde jeder Beitrag auf ein Zitat, eine Quintessenz reduziert. Da kommt Liebe »zärtlich wie ein Walzertanz mit Tangoelementen« (Christel G., 80) oder »aufregend wie ein Fußballspiel« (Heinz Z., 79) daher. Sie »prickelt wie Brause« (Ingeborg N., 87), steckt im »Gutenachtkuss« (Hubert K. 76), ist »Inspiration« (Annelise R., 86) oder »verrückt auf die beste Art« (Margret S., 82). »Was mich besonders berührt hat, waren die Geschichten, in denen meine Interviewpartner von ihren verstorbenen Lebensgefährten erzählten«, so Anika Biel. »Hier hat sich gezeigt: Liebe reicht weit über den Tod hinaus. Ein älterer Herr sagte mir, er liebe die Grübchen seiner Frau noch immer. Das war unglaublich spannend und ergreifend. Insgesamt haben wir in den Gesprächen aber mehr gelacht als geweint.«

»Es lohnt sich, älteren Menschen zuzuhören!«

Und wie lässt sich Liebe nun definieren? Welche Antwort hat Anika Biel für ihren Sohn mit nach Hause genommen? »Liebe ist der Motor von allem«, resümiert die Fotografin. »Sie macht uns verletzlich, aber sie ist auch das Schönste der Welt. Und sie zeigt sich in vielen verschiedenen Facetten. Ich hoffe, dass das Buch meinen Sohn noch einige Jahre begleiten wird. Und dass er daraus lernt, dass es sich lohnt, älteren Menschen zuzuhören. Ich selbst hatte nie die Gelegenheit, meinen eigenen Großeltern tiefergehende Fragen zu stellen. Ich weiß nicht mal, wie sie sich kennengelernt haben, was ich sehr bedaure. Es ist zu schade, wenn solches Wissen verloren geht. Daher bin ich den Senioren der AWO sehr dankbar, dass sie mitgemacht haben!«
Das zweite Projekt von Anika Biel steht übrigens schon in den Startlöchern: Als nächstes möchte sie Wohnungslose zum Thema Liebe befragen. Denn: »Dieses Gefühl reicht über alle Grenzen hinweg!«


Anika Biel

›Sag mir, was Liebe ist. Eine fotografische Spurensuche‹
9,90 Euro
www.steigerkind.de

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