Stadtmagazin Witten: Menschen

Weißt du noch?

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Weihnachten.

Es ist die Zeit des Plätzchenbackens und Baumschmückens, des Schenkens und des Beschenktwerdens, der Familie und des Beisammenseins. Vor allem aber ist es die Zeit der Stille, der Versöhnung und der Besinnung: auf Menschen, die uns am Herzen liegen. Menschen, die vielleicht nicht mehr unter uns weilen, die jedoch vor allem an diesem einen besonderen Tag bei uns sind – in unseren Erinnerungen und Gedanken.

Gerade der Heiligabend birgt eine Fülle an Erlebnissen, die Jahr für Jahr unter dem Tannenbaum wiedererwachen. Es können rührende Momente sein, traurige aber auch lustige oder ärgerliche Begebenheiten, die uns durch den Kopf und durchs Herz gehen. Was wurde im Kerzenlicht nicht schon sich gefreut, sich geärgert, geweint, gezofft, gelacht ...

Wir baten unsere ›Facebookfreunde‹, ihre Weihnachtserinnerungen mit uns zu teilen, und bereits beim ersten Überfliegen der ein oder anderen Geschichte bekamen wir Gänsehaut, feuchte Augen aber auch nicht enden wollende Kicheranfälle. Wir bedanken uns bei Ihnen, liebe Erzähler, und wünschen Ihnen wie all unseren Leserinnen und Lesern ein fröhliches, bewegtes, nicht zu stressiges, friedliches und erinnernswertes Weihnachtsfest!

Die Geschichte meines Vaters

Doris David-Stappert

In unserem Hause war Heiligabend zusätzlich zu Weihnachten immer ganz besonders. Dies ist die Geschichte meines Vaters: Er – Jahrgang 1911 – war wie Abertausende als Soldat im Zweiten Weltkrieg und geriet in amerikanische Gefangenschaft.
Heiligabend 1945: Die beiden Schwestern meines Vaters wohnten gemeinsam in einer kleinen Wohnung in Langenberg. Die älteren Brüder waren in Gefangenschaft, der jüngste Bruder mit 17 kurz vor Kriegsende gefallen. Von meinem Vater gab es seit Monaten kein Lebenszeichen. Es würde ein sehr trauriges Fest werden ...

Doris David-Stapperts Vater als SoldatHier ist er mit seinen Geschwistern zu sehen: »Links mein Vater, in der Mitte Bruder Adolf, rechts Bruder Hermann. Vorne links Schwester Lotte, daneben Schwester Doris.«
 

Die Jungs der Schwestern sollten aber Weihnachten zumindest gebadet und mit ordentlich frisierten Haaren unter dem winzigen Tannenbaum sitzen. Als meine Tante Doris ihren Sohn in die Wanne setzen wollte, klopfte es an der Türe. Meine Tante Lotte öffnete und stieß einen Freudenschrei aus: Vor der Tür stand mein Vater. Ihm war die Flucht dank einer alten Frau gelungen, die ihm zivile Kleidung in einer Kiepe an den Zaun geschmuggelt hatte. So war ihm die Flucht gelungen, und er erreichte Heiligabend 1945 die Heimat.
Durch den Freudenschrei ihrer Schwester hatte meine Tante sich so erschrocken, dass ihr der kleine Sohn aus dem Arm rutschte und in die Wanne plumpste. Mein Vater erkannte die Situation und zog den Kleinen aus der Wanne. Es war ihm nichts passiert. Mein Vater war der erste, der aus der Gefangenschaft heimkehrte. So konnten die drei Geschwister an Weihnachten zusammen sein. Weihnachten, dem Fest der Liebe, der Freude. Und der Wunder!
An jedem Heiligabend denke ich an diese Familiengeschichte.

Nicht ohne den Papa!

Patricia Schauer
 
Meine schönste Weihnachtsgeschichte: In unserer Familie war es Tradition, dass an Weihnachten der Weihnachtsmann in unser Wohnzimmer kam. Unsere beiden Kinder lernten in den Wochen vorher eifrig Gedichte auswendig. Meine Tochter spielte stets Weihnachtslieder auf ihrer Gitarre vor.

In dem Jahr 1990 war erst einmal alles wie immer. Die Kerzen im Weihnachtsbaum brannten, und das Glöckchen klingelte, um die Ankunft des Weihnachtsmanns anzukündigen. Alle versammelten sich im Wohnzimmer und der Weihnachtsmann erschien. Wenig später saß meine Tochter mit ihrer Gitarre auf einem Stuhl vor dem Weihnachtsbaum und der Weihnachtsmann stand in der Mitte von unserem Wohnzimmer. Aber anstatt zu spielen, erklärte sie dem Weihnachtsmann, dass sie leider nicht beginnen könne, da sie sich dieses Jahr vorgenommen hatte, nicht anzufangen, bevor ihr Vater wieder zurück sei.

Uns stockte der Atem, und alles gute Zureden half nicht – meine Tochter wollte auf ihren Vater warten. Da war nichts zu machen. Der Weihnachtsmann verteilte schlussendlich seine Geschenke, ohne ein Lied auf der Gitarre zu hören zu bekommen. Und wer genau hinsah, konnte die Tränen der Rührung in den Augen des Weihnachtsmanns sehen, da seine Tochter ihm gezeigt hatte, wie sehr sie ihn liebte.

»Das Christkind war da, das Christkind war da!«

Franziska Hüggenberg

Ich war fünf, es war also Heiligabend 1992. Wie jedes Jahr war das Wohnzimmer abgeschlossen, weil ja das Christkind kam – keine von uns durfte rein. Ich habe als kleiner Schlumpf mit meinen beiden Schwestern draußen gespielt, und wir sind dabei immer ums Haus rumgehüpft und
-gesprungen. Währenddessen hatten meine Eltern heimlich den Baum geschmückt und darunter die Geschenke platziert.
Dummerweise hatte Papa vergessen, die Rollladen herunterzulassen, so dass ich zufällig vom Garten aus einen Blick ins Wohnzimmer erhaschen konnte und sah, dass bereits die Geschenke da waren – darunter auch die Spielküche, die ich mir so sehr gewünscht hatte. Ganz aufgeregt lief ich zu meinen Schwestern und rief freudestrahlend: »Das Christkind war da, das Christkind war da!« Dies hat nun aber auch Papa mitgekriegt ...

Irgendwann war es dann so weit. Wir saßen schon ganz ungeduldig wartend in der Küche. Endlich läutete die Glocke vom Krippenspiel, die Wohnzimmertür ging auf – endlich! Zielstrebig lief ich zu dieser einen bestimmten Stelle am Weihnachtsbaum, ich wusste ja genau, wo die Küche stand. Aber Moment mal, da stand sie plötzlich nicht mehr!

Ich war völlig verwirrt und ganz traurig. Habe es einfach nicht verstanden, weil ich sie doch schon gesehen hatte. Aber irgendwann fand ich sie dann doch. Papa hatte sie halt an einer anderen Stelle versteckt. Ob unter einer Decke oder einem Karton, das weiß ich nicht mehr genau. Aber was ich noch genau weiß, ist, wie glücklich ich war: Das Christkind war doch – mit meiner Spielküche! – zu mir gekommen!