Stadtmagazin Witten: In der Stadt

Wald, Wild und Wälzer

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Im Gespräch mit Stadtförster Klaus Peter auf dem Hohenstein

Der Hohenstein ist bekanntermaßen ein über die Stadtgrenzen hinaus beliebtes Naherholungsgebiet. Wald und Freiflächen, Wildgehege und Finnenbahn, Spielplätze und Lehrbienenstand und natürlich die traumhafte Aussicht auf die Ruhr locken Groß und Klein von nah und fern, hier erholsame Stunden zu verbringen. Vor Ort treffen wir den Revierleiter des ›RVR Ruhr Grün‹, die seit mehreren Jahren u.a. die Waldflächen des Ennepe-Ruhr-Kreises und der Stadt Witten bewirtschaftet: Klaus Peter, zuständig für die Waldgebiete in Witten und somit auch für den Hohenstein. Bei einem Spaziergang macht uns der Forstexperte mit seiner Arbeit vertraut.

Kein ›normaler‹ Wald

»Eigentlich ist der Hohenstein aber eher untypisch«, erklärt er gleich zu Beginn, »denn durch seinen Charakter als beliebtes Ausflugsziel unterscheidet sich dieses Waldgebiet von anderen, was auch andere Schwerpunkte unserer Arbeit nach sich zieht.« Im Gegensatz zu weniger von Menschen frequentierten Wäldern besteht hier etwa eine »erhöhte Verkehrssicherungspflicht«. Das heißt, dass Klaus Peter und seine Mitarbeiter verstärkt die Bäume in unmittelbarer Nähe der Gehwege im Auge haben und etwa darauf achten müssen, dass keine herunterfallenden Äste die Erholungssuchenden gefährden.

Weniger Rehe, weniger Waldschäden

Zudem bedeuten mehr Menschen im Wald natürlich auch weniger (wilde) Tiere. Zwar werden ab und zu Füchse oder Dachse auf dem Hohenstein gesichtet, doch das Problem von Waldschäden durch Tiere etwa und damit die Frage nach Bejagung stellt sich hier nicht so wie in anderen Wäldern. Wobei Klaus Peter, wenngleich auch Inhaber eines Jagdscheins, für derlei Tätigkeit sowieso nicht direkt zuständig ist, denn die Jagdbezirke der Region sind in der Regel an Jäger verpachtet. »Zu einem Wald gehören natürlich auch viele Tiere, die an oder in Bäumen leben oder sich von den Bäumen ernähren und die Bäume eventuell schädigen, beispielsweise Spechte mit ihren Höhlen«, führt er aus. »Das ist auch völlig in Ordnung und gehört zu einem gesunden Ökosystem dazu. Probleme haben wir aber dort, wo die Schalenwildbestände – also Rehe oder Hirsche – zu hoch sind.« Wobei die in unserer Region an sich eher üblichen Rehe rund ums Berger-Denkmal selten anzutreffen sind. Es ist den Tieren wohl viel zu trubelig – für den Hohenstein bedeutet dies allerdings sogar einen Vorteil, denn die sogenannten Konzentratselektierer knabbern ausgesprochen gern an Knospen und Trieben. Klaus Peter: »Gerade Rehe fressen besonders gerne die Knospen der Eichen. Das zählt durchaus zur natürlichen Nahrung und ist grundsätzlich o.k. In vielen Waldgebieten sind die Rehwildbestände aber so hoch, dass alle Eichensämlinge verbissen werden und die Bäume sich nicht mehr auf natürliche Weise durch ihre Samen (Eicheln) vermehren können. Hier verändern die Rehe auf längere Sicht den Lebensraum, sodass Eichen irgendwann verschwinden. Von daher sollte durch Bejagung steuernd eingegriffen werden, zumal Rehe bei uns kaum natürliche Feinde wie Luchse oder Wölfe haben.«

›Bewohner‹ mit asiatischen Wurzeln

Oben auf dem Hohenstein gibt es dennoch einiges an Schalenwild zu bestaunen, nämlich Rot-, Dam- und Sikawild in dem etwa vier Hektar (= 40.000 Quadratmeter) großen Wildgehege, an dessen Grenzzaun sich die Tiere ausgesprochen gern blicken lassen, um von den Besuchern gefüttert zu werden. »Grünzeug«, empfiehlt der Experte zu diesem Zweck, zudem gibt es aber auch Automaten, an denen geeignetes Futter erworben werden kann. »Eigentlich ist von den am Hohenstein zu findenden Hirscharten nur das Rotwild in Deutschland heimisch«, berichtet er. Sikahirsche stammen ursprünglich aus Ostasien, kommen heute aber in vielen Gegenden der Welt vor. Auch der Damhirsch mit seinem charakteristischen Schaufelgeweih hat vermutlich asiatische Wurzeln, wurde aber schon von den alten Römern in andere Regionen eingeführt. In einem weiteren Gehege sehen wir Wildschweine. In der Natur eher nachtaktiv und menschenscheu haben sich die Tiere hier an ihre speziellen Lebensverhältnisse gewöhnt und lassen sich gleichfalls bequem von Menschen füttern statt selbst nächtlich auf Nahrungssuche zu gehen.

Nachhaltigkeit und Bestandspflege

Der nächste Halt auf unserem Gang befindet sich mitten auf einem Waldweg; einige Baumstämme liegen am Wegrand, eine kleine Schneise ist zwischen Bäumen zu erahnen, ansonsten wirkt die Umgebung unauffällig. Hier werden wir mit dem Thema Baumrodung vertraut gemacht. Im vergangenen Herbst wurden nämlich so einige Bäume gefällt, was zunächst gar nicht auffällt, da noch immer ein recht üppiger Bestand gegeben ist. Klaus Peter erläutert das Prozedere: »Die Bäume wuchsen zu dicht aneinander, also habe ich diejenigen ausgewählt und markiert, die abgeholzt werden sollten.« Das Fällen der Bäume erfolgt durch die Forstwirte der Stadt Witten, durch externe Firmen oder wie in diesem Fall durch die vhs. »Hier bestand eine Kooperation mit der vhs, die Langzeitarbeitslose gezielt für diese Tätigkeit ausgebildet hatte«, berichtet der Förster. Dass der Wald an dieser Stelle noch immer dicht wirkt, ist kein Zufall, denn generell findet die Holzernte hier unter dem Aspekt von Nachhaltigkeit und Bestandspflege statt. Kahlschläge werden vermieden.

Grauer Alltag mit grünen Abstechern

Alle zehn Jahre schätzt ›RVR Ruhr Grün‹ die Forstbestände neu ein, daraufhin wird festgelegt, wie viel Holz in welchen Wäldern und an welchen Stellen zukünftig geerntet werden darf beziehungsweise soll. In der Praxis können diese Pläne dann zwar an einzelnen Orten nicht unbedingt immer hundertprozentig umgesetzt werden, in der Summe aber werden die Vorgaben eingehalten, so dass die Waldbewirtschaftung stets nachhaltig und ohne Substanzverlust betrieben wird. Das klingt nach ausgesprochen viel Organisation und Verwaltung sowie einem gehörigen Zeitaufwand, um über alles den Überblick zu behalten. Und richtig: »Ein Viertel meiner Arbeitszeit verbringe ich im Auto.« Also nur drei Viertel an der frischen Luft? Von wegen drei Viertel: »Die Hälfte sitze ich im Büro.« Zurück auf dem Parkplatz demonstriert uns der Revierleiter die aktuelle Zehnjahresplanung in Form eines dicken Wälzers voller Karten, Zahlen und Tabellen, den er aus dem Kofferraum seines Autos holt. Allein damit sind die letzten, naiv-verklärten Klischees über seine berufliche Tätigkeit beseitigt. Na, da haben wir dann ja doch Glück gehabt, bei seinem schönsten, dem grünen Arbeitsviertel dabei sein zu dürfen – vielen Dank, Klaus Peter!