Stadtmagazin Witten: In der Stadt

Wasser in Witten

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Heute hui, damals pfui

Heutzutage können wir uns kaum vorstellen, wie es sein muss, Wasser nicht ständig verfügbar zu haben. Dabei gab es auch bei uns einmal andere Zeiten. Zeiten, in denen das erquickende Elixier nicht per Knopfdruck aus dem Hahn hervorsprudelte. Zeiten, in denen ein trockener Sommer eine Katastrophe bedeuten konnte. Dann, im Jahre 1867, kam die große Wende in Form des ersten Wittener Wasserwerks. Begleiten Sie uns auf eine Reise zu den Anfängen der lokalen Wasserversorgung …

Nachttöpfe wurden in die Gosse entleert

Im Mittelalter war der Kampf um das Wasser vielmals reine Knochenarbeit. Aus tiefen Schächten wurde die Leben spendende Flüssigkeit in Eimern zutage gefördert. Noch im 19. Jahrhundert gehörte zu vielen Häusern und Höfen ein eigener, mal mehr, mal weniger ergiebiger Brunnen. Aufgrund mangelhafter Hygienestandards war der Genuss des Brunnenwassers jedoch alles andere als appetitlich: Denn die Inhalte der Nachttöpfe wurden damals oft einfach auf die Straßen gekippt. Exkremente sammelten sich in der Gosse, was die Ratten auf den Plan rief. Oft wurden auch die Bäche und somit das Grundwasser verseucht. Ein unhaltbarer Zustand! Seit 1866 widmete sich die Stadt daher im Zuge innerstädtischer Straßenbaumaßnahmen dem immer dringender werdenden Entwässerungsproblem. Man empfand es als »Übelstand, dass das Regen- und Genußwasser, ja sogar unreine Flüssigkeiten keinen gehörigen Abzug haben und die dadurch bewirkten Stockungen der Grund von Ungeziefer und Miasmen werden. Diesem Übelstande kann nur durch eine vollständige Canalisierung der Stadt abgeholfen werden.« Es hieß, dass vor der Pflasterung der Straßen »zunächst die Canalisierung zur Ausführung zu bringen sein würde.«

Cholera-Epidemie in der Rosenstraße – Kanalisierung als Seuchenschutz

1867 starteten die Arbeiten im Wittener Südwesten, dem feuchtesten Teil des bebauten Stadtgebietes, nachdem dort bereits mehrere Seuchenfälle aufgetreten waren. So hatte man die Rosenstraße als Herd einer Cholera-Epidemie ermittelt. Infolgedessen wurden sämtliche Abortgruben in dieser Straße geleert und desinfiziert. Anschließend weitete man die Aktion auf das gesamte Stadtgebiet aus. Der Kanalbau ließ sich derweil nicht ganz so rasch vorantreiben. Nach und nach installierte man Abwasserkanäle in einem Teil der Breitestraße, am Wilhelmsplatz (heute: Ossietzky-Platz), in der Wideystraße, am Königsplatz, in der Stein-, Bahnhof-, Rosen-, Wiesen-, Casino- und Poststraße sowie am Humboldtplatz. So kam es, dass nach dem deutsch-französischen Krieg der gesamte Bereich des alten Unterdorfes versorgt war.

Bergbau brachte Wasseradern zum Versiegen

Parallel befasste man sich auch mit der Frage der Wasserversorgung. Einst hatte es auf Wittener Gebiet zahlreiche saubere Bäche gegeben, doch selbst damals mussten die Menschen in Dürrejahren zuweilen Durst leiden. Im Laufe der Industrialisierung verschärfte sich nun die Situation: Mit den zahlreichen neuen Stahlfabriken und Zechen sowie in Folge der Bevölkerungsexplosion schoss auch der Wasserverbrauch in die Höhe. Vor allem der Bergbau brachte einst sprudelnde Wasseradern plötzlich zum Versiegen und ließ die Versorgung in regelmäßigen Abständen zusammenbrechen. Bereits zwischen 1835  und 1848 hatten sich Brunnenbesitzer an Röhrchen- und Ardeystraße, am Oberdorf und an der Johannisstraße über Wassermangel beklagt. Als Schuldigen bezichtigten sie die Zeche Friedrichsfelde, die eine Regresspflicht jedoch abstritt.

Wasserwerk am Helenenberg versorgte zunächst 162 Haushalte

Um den kostspieligen Bau von Wasserleitungen zu umgehen, unternahm die Stadt den Versuch, die Versorgung durch die Einrichtung weiterer öffentlicher Brunnen sicherzustellen – eine suboptimale Lösung, denn die öffentlichen Anlagen litten natürlich nicht weniger unter dem Treiben der Bergwerke als die privaten. Schließlich entschloss man sich im Jahr 1865 doch noch zum Bau eines Wasserwerks. Dieses sollte die Not an Trinkwasser beheben und auch den Bedarf der Fabriken decken. Im Oktober 1867 nahm die östlich des Helenenbergs gelegene Anlage ihre Arbeit auf. Die Pumpen wurden damals noch mit Dampfkraft betrieben. Zeitgleich waren am Helenenweg drei Filterbassins errichtet worden, die ein Fassungsvermögen von 1.982 Kubikmetern hatten. Über ein mehrere Kilometer langes Rohrsystem gelangte das gereinigte Ruhrwasser bis zu den Einwohnern – zumindest in die 162 Haushalte, die sich für einen sofortigen Anschluss entschieden hatten. Ursprünglich waren Anschlüsse für 221 Konsumenten vorgesehen, jedoch war das neue System manchen misstrauischen Wittenern anscheinend noch nicht ganz geheuer. Auch von den Firmen ließen sich zunächst nur 16 ans Wassernetz anschließen. Erst nach und nach wurde die Versorgung weiter ausgebaut. Um den Wasserdruck in den höher gelegenen Gebieten gewährleisten zu können, errichtete die Stadt zur Jahrhundertwende zwei Hochbassins mit je 1.500 Kubikmeter Inhalt auf dem Helenenberg. Im Volksmund wurden die Türme aufgrund ihres Aussehens ›Wittener Wasserschloss‹ genannt.

Was stinkt denn da? Klärwerk am Oelbach

Mit der Gründung des Wasserwerks und dem Ausbau der Kanalisation waren die Probleme aber lange nicht gelöst. Durch die Ansiedlung der Industriebetriebe und Kohlebergwerke entlang der Ruhr wurde die Wasserqualität immer stärker in Mitleidenschaft gezogen –  neben dem Mündungsgebiet bei Mülheim zählte insbesondere das Oelbachgebiet zu den stärksten Verschmutzern des Flusses. Das konnte man nicht nur sehen, man konnte es auch riechen. Bei Trockenwetter führte der von Langendreerbach, Harpener Bach und Schattbach gespeiste Oelbach fast ausschließlich häusliche und gewerbliche Abwasser mit sich. An den Mühlenabstürzen entwickelte das verschlammte Flüsschen teils erhebliche Schwefelwasserstoffgerüche. Die fünf Klärteiche, die 1919 vom Ruhrverband bei Haus Heven betrieben wurden, waren bereits hoffnungslos überlastet. Im Jahre 1922 wurde schließlich drei Kilometer oberhalb der Ölbachmündung zwischen Haus Heven und Dönhof’s Mühle ein Klärwerk eingerichtet, das bereits drei Jahre später aufgrund der gestiegenen Belastung auf dreifache Kapazität ausgebaut werden musste. Bis heute werden hier täglich bis zu 193.000 Kubikmeter Abwasser gereinigt.

Was wurde aus Wittens erstem Wasserwerk?

Die städtische Anlage am Helenenberg hatte nicht lange Bestand. Bereits im Mai 1882 wurde eine Pumpstation an der Ruhrstraße in Betrieb genommen. Bis heute hat das Wittener Wasserwerk hier auf dem Gelände der ›Brandtaschen Wiese‹ seinen Sitz.

Quellen

Fotos:
Wolfgang Zemter: ›Witten aus alter Zeit‹ (1992). Mit freundlicher Genehmigung des Märkischen Museums Witten.
Stadtwerke Witten: 100 Jahre Wasserversorgung Witten (1967).
Infos:
Verein für Orts- und Heimatkunde in der Grafschaft Mark.