Stadtmagazin Witten: Gesundheit und Wellness

»Ich gehe ganz anders durch die Welt: aufrecht!«

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Iris Breu spricht mit uns über ihre Magenverkleinerung

Als junges Mädchen, junge Frau war Iris Breu schlank. Knapp 50 Kilogramm bei einer Größe von 1,75 Meter – Modelmaße! Doch mit der ersten Schwangerschaft kamen – und blieben – die ungewünschten Pfunde. Die zweite Schwangerschaft setzte noch mal einige Kilos drauf. Nun begann für Iris Breu ein Auf und Ab, das viele von uns nur allzu gut kennen. Diät – abgenommen – wieder zugenommen – neue Diät – wieder abgenommen – weiter zugenommen. »Ich war ein echtes Diätopfer mit dem bekannten Jo-Jo-Effekt. Langfristig gesehen habe ich immer weiter zugelegt«, erzählt sie. »Hinzu kamen Gelenkprobleme, irgendwann ein künstliches Knie. Dann wurde es richtig schlimm. Trotz mehrerer Eingriffe konnte ich es nur unter starken Schmerzen beugen.«

»Irgendwann begann ich nachzudenken ...«

Ein Teufelskreis: Sie bewegte sich weniger, das Gewicht stieg. Parallel wuchs die Belastung des Gelenks mit den entsprechenden Schmerzen. »Ich habe zwar jeden Tag versucht, das Knie auf dem Heimtrainer beweglich zu halten, aber auf die Straße habe ich mich mit dem Rad nicht getraut. Irgendwann begann ich nachzudenken: Wie lange würde der Knochen mein Gewicht überhaupt noch halten? Wie sollte es dann weitergehen?« Der Gedanke an eine Magenverkleinerung kam ihr zu der Zeit allerdings nicht konkret in den Sinn. »Natürlich wusste ich um diese Möglichkeit. Allerdings bin ich immer davon ausgegangen, dass man einen solchen Eingriff selbst bezahlen muss – das hätte ich finanziell einfach nicht geschafft.«

Spontanentscheidung

Anfang 2015 dann das Schlüsselerlebnis: Iris Breu hatte einen Termin in der Darmsprechstunde von Prof. Dr. med. Metin Senkal in der Chirurgischen Klinik des Marien Hospitals und entdeckte im Wartezimmer eine Broschüre zum Thema ›Adipositas‹. »Ich dachte mir: ›Du hast ja nichts zu tun, schau doch mal rein!‹«, erinnert sie sich. »Auf einmal lese ich, dass bei bestimmten gesundheitlichen Voraussetzungen Magenverkleinerungen durchaus von der Krankenkasse bezahlt werden und dass es hier im Marien Hospital die Möglichkeit gibt, sich dahingehend begleiten zu lassen. Spontan habe ich einen Beratungstermin vereinbart.«

Ein harter Prozess

Bereits zwei Wochen später folgte die erste, sehr umfassende Untersuchung. Bis zur magenverkleinernden Operation sollte allerdings noch einige Zeit vergehen. Bevor überhaupt der Antrag bei der Krankenkasse gestellt werden kann, sind nämlich allerhand Vorgaben zu erfüllen. So musste Iris Breu im nächsten halben Jahr einmal pro Monat am Treffen einer Selbsthilfegruppe teilnehmen. »Nebenbei bemerkt, war das eine Supergruppe, die mir unwahrscheinlich viel Halt und Hilfe gegeben hat. Ich gehe da heute noch hin!« Des Weiteren ging es regelmäßig alle vier Wochen zur Ernährungsberatung – ebenfalls eine nachzuweisende Pflichtveranstaltung. »Hier wurde zunächst mein Essverhalten gecheckt. In den folgenden Sitzungen lernte ich, was ich ändern muss, wie ich mich optimalerweise ernähren sollte. Ein harter Prozess. Natürlich weiß man bereits um vieles. Manche Sachen hatte ich allerdings noch nie gehört, beispielsweise, dass zwischen zwei Mahlzeiten möglichst drei bis vier Stunden Pause gemacht werden sollte, weil Zwischenmahlzeiten zu einer Insulinbildung führen, wodurch die Fettverbrennung gehemmt und sogar Heißhunger gefördert wird.« Schließlich musste noch ein psychologisches Gutachten erstellt werden, um eventuelle Essstörungen auszuschließen. »Eine weitere Vorgabe war der Nachweis, dass ich zweimal pro Woche Sport treibe. Dies ist beispielsweise über entsprechende Bescheinigungen von Fitnessstudios oder Rehasport-Einrichtungen möglich. Ich allerdings habe ein Bewegungstagebuch geführt, in dem ich alles akribisch aufgelistet habe: zweimal am Tag 30 Minuten mit dem Hund spazieren gehen, täglich eine halbe Stunde auf den Heimtrainer und an zwei Tagen der Woche eine Stunde stramm ›marschieren‹.«

Lebenslange Veränderung

Insgesamt gesehen also sechs Monate Schwerstarbeit! »Die aber wirklich wichtig ist«, betont Iris Breu. »Ernährungs- und Bewegungsprobleme hören ja nach der OP nicht auf. Schließlich wird man am Bauch operiert, nicht am Kopf. Um auch nach dem Eingriff ein gesundes Leben führen zu können, muss man jedoch umdenken. Das geht nicht von heute auf morgen. Vor allem muss man sich darüber im Klaren sein, dass sich das Leben auf Dauer komplett verändern wird. Dazu muss man bereit sein. Aus diesem Grund ist übrigens auch die lebenslange Nachsorge nach der OP verpflichtend: im ersten Jahr alle drei Monate, dann halbjährlich und später einmal im Jahr. Gerade als Betroffene finde ich es sehr wichtig, dieser Verpflichtung nachzukommen. Nur ein Mensch, der zu einer lebenslangen Veränderung seines Lebensstils bereit ist, wird von einer bariatrischen Operation profitieren.«

Erster Antrag abgelehnt

Iris Breu war bereit für die Veränderung, sie war bereit für die OP. Hatte Sport getrieben, viel gelernt, viel nachgedacht und umgedacht. Auch die nötigen Gutachten vom Hausarzt und Orthopäden lagen schließlich vor. Der Antrag bei der Krankenkasse konnte also endlich gestellt werden. Und wurde prompt abgelehnt. »Grund war, dass ich während des vergangenen halben Jahres nicht abgenommen hatte – wie es an sich aufgrund der intensiven Begleitung, der Ernährungsberatung und der vermehrten Bewegung erwartet wird. Stattdessen hatte ich vier Kilogramm zugenommen. Für die Krankenkasse ein Indiz dafür, dass ich mein Vorhaben nicht ernsthaft genug angehe. Mir war allerdings klar, dass die Gewichtszunahme durch Wassereinlagerungen aufgrund der Knieproblematik zu erklären war. Glücklicherweise bekam ich dann durch ein zweites, mündliches Gutachten der Ernährungsberaterin die Zusage.«

»Was machst du eigentlich?«

Endlich war es so weit: Am 4. November 2015 wurde die Operation durchgeführt. »Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich im OP-Hemdchen ein Selfie von mir machte. Es sollte das letzte Bild einer übergewichtigen Iris werden. Doch als ich mich da so sah, brach alles zusammen. Ich dachte nur: ›Wie bescheuert bist du eigentlich? Was machst du?‹ Glücklicherweise war da eine ungemein nette Schwester. Sie meinte: ›Das haben so viele gepackt, und Sie packen das auch!‹«

Lernen, was der Magen haben will

Iris Breu hat es gepackt. »Nun, es war natürlich keine ganz einfache Zeit. Die erste Woche im Krankenhaus bekam ich ausschließlich flüssige Nahrung. Zu Hause dann durfte ich zwei, drei Wochen lang nur pürierte Kost zu mir nehmen. Fleisch, Gemüse, Kohlenhydrate: Möglich ist in dieser Anfangsphase alles – wie man es mag und verträgt. Denn das muss man erst einmal ganz neu für sich herausfinden: was der Magen haben will. Bei mir war es ganz klar Kartoffelpüree. Hingegen vertrage ich bis heute ganz schlecht Nudeln, Reis und Tomaten. Selbst Erdbeeren – was habe ich die vorher geliebt – sind nicht mehr möglich.«

Wenn es im Kopf nicht klick macht

Ändern sich eigentlich die Hungergefühle? Hat man häufiger Appetit? Knurrt der Magen? »Hungergefühl – auch das habe ich gelernt – wird größtenteils durch Rezeptoren im Magen verursacht. Nun ist es so, dass mein Magenvolumen ja nur noch einen Bruchteil – genauer gesagt weniger als ein Zehntel – seiner ursprünglichen Größe misst. Der Rest samt Rezeptoren wurde entsorgt. Ich musste anfänglich sogar streng nach der Uhr essen, weil ich eben gar keinen Hunger hatte. Wobei ich nach wie vor die Abstände zwischen den Mahlzeiten genau einhalte. Man neigt ja doch dazu, zwischendurch unbewusst irgendwelche Kleinigkeiten zu naschen. Das mache ich nicht, ich bin da sehr konsequent, ebenso wie bei der Zusammensetzung der Mahlzeiten. Es soll Menschen geben, die nach einer Magenverkleinerung geschmolzene Nutella oder Sahne pur trinken und so trotz kleiner Mengen nicht abnehmen. Da hat es im Kopf einfach nicht richtig klick gemacht. Bei mir hat es das.«

Und heute?

Und wie es das hat: In den ersten dreieinhalb Monaten verlor Iris Breu rund 30 Kilogramm, bis heute sind es insgesamt 54 Kilogramm. »Mittlerweile bin ich wohl an der Abnehmgrenze angelangt. Ich halte mein Gewicht. Mal ist es ein halbes Pfund mehr, mal 300 Gramm weniger. Ich habe mein Ziel erreicht.« Und wie geht es ihr damit? »Einfach super«, strahlt sie. »Ich bin beweglicher, und ich bewege mich auch mehr. Dem Knie geht es wesentlich besser, es ist viel belastbarer. Überhaupt habe ich ein anderes Gefühl für mich selbst bekommen, ein höheres Selbstwertgefühl. Ich gehe ganz anders durch die Welt: aufrecht! Und ich kann Leuten wieder ins Gesicht gucken. Der schönste Moment wurde mir durch meine Enkelin geschenkt. Sie hatte mich vor drei Jahren mal gefragt: ›Oma, warum ist dein Popo so dick?‹ Ich wurde knallrot, das war mir sehr unangenehm, auch wenn ich versucht habe, es mit Humor zu nehmen. Vor ein paar Wochen aber kam meine Enkelin zu mir und meinte: ›Oma, ich muss dir was sagen: Du siehst so hübsch aus!‹ Und in dem Moment ging mein Herz auf, und ich wusste: Das war es alles wert!«

Adipositas-Chirurgie

Magenverkleinerungen (bariatrische Operationen) werden üblicherweise bei übergewichtigen Menschen mit einem BMI-Wert von über 40 durchgeführt, wenn andere Maßnahmen und Behandlungsmethoden der Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie versagen. Die Operationen werden in minimalinvasiver Technik durchgeführt und individuell angepasst.

Operationsarten:

  • Magenband (Gastric Banding)
  • Schlauchmagen (Sleeve Gastrectomy)
  • Umgehungsoperation des Magens (Gastric ­Bypass)
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