Stadtmagazin Witten: In der Stadt

150 Jahre Harkortschule

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100.000 Fibeln, die 3.000 Taler kosten, haben einen größeren Wert für die Erziehung der Menschheit als 100.000 Bewaffnete, die jährlich 9 Millionen verschlingen.
(Friedrich Harkort)

Spiel, Spaß, Rallye, Retrounterricht, Oper … Vor wenigen Wochen feierte die Harkortschule ihr 150-jähriges Bestehen. Strahlende Gesichter bei großen und kleinen Stocku­mern. Die einen freuten sich, bei diesem besonderen Ereignis als Schüler aktiv dabei zu sein, bei anderen wurden Erinnerungen an alte Zeiten wach. An den ersten Schultag, an gemeinsame Ausflüge, an Lieblingslehrer und an die ein oder andere Begebenheit, die sich fest im Gedächtnis verankert hat. Auch wir schauen zurück und werfen einen Blick auf eine abwechslungsreiche Geschichte: 150 Jahre Harkortschule.

Wer war Friedrich Harkort?
Quelle: hartkortschule-witten.de

Friedrich Harkort (geb. am 22.02.1793, gest. am 06.03.1880) war ein Förderer der Industrie, Politiker, Wegbereiter von neuen sozialen ­Ideen, gleichzeitig Mahner und Kritiker. Er baute Dampfschiffe, plante Eisenbahnen, schrieb Bücher, forderte die bessere Besoldung der Lehrer, um somit die Schulbildung zu verbessern. Stets selbstlos und wenig auf seinen Vorteil bedacht, blieb Friedrich Harkort seinem Leitsatz das ganze Leben lang treu: »Mich hat die Natur zum Anregen geschaffen, nicht zum Ausbeuten – das muss ich anderen überlassen.« Friedrich Harkort lebte und wohnte ganz in der Nähe der heutigen Harkortschule, in Wetter auf Gut Schede.

Mitte des 19. Jahrhunderts. Wie andere Städte, Dörfer und Bauerschaften wuchs Stockum in Zeiten von Industrialisierung und Bergbau stetig an. Zählte das beschauliche Örtchen 1843 noch 512 Einwohner, so sollte sich die Bevölkerung bis Mitte der 1870er-Jahre nahezu verdreifachen. Die kleine Dorfschule an der Gerdesstraße reichte längst nicht mehr aus. Also beschloss man 1863 die Errichtung einer neuen, evangelischen Schule. Im Frühjahr 1866 wurde mit dem Bau an der damaligen Chaussee, der heutigen Hörder Straße, begonnen, und schon ein halbes Jahr später wurde das ursprünglich eingeschossige Gebäude am 28. Oktober feierlich eingeweiht. Doch auch hier wurde der Platz für die mittlerweile über 200 Schüler bald zu eng, so dass die Oberklasse provisorisch in den Spechtschen Saal ausquartiert werden musste. Entsprechend wurde 1873 die Schule um das Obergeschoss erweitert.

Erinnerungen an die Schulzeit
Wilhelm Kellerhoff, genannt Gröpper (86): »Wie das früher (1937) war? Nun ja, Tornister auf, und dann marschierten wir da rauf. Heute fahren die alle mit dem Bus. Und wenn ich nach Hause kam, hieß es vom Vater: ›Jong, zieh dich um, wir müssen ins Feld!‹ Hausaufgaben? Die zählten damals nicht. Die Arbeit ging vor!«

Wiederum elf Jahre später war die Schülerzahl auf 397 angewachsen, deshalb wurde der Bau zwei weiterer Klassenzimmer angegangen – das untere durch eine Flügeltür mit dem bestehenden Schulgebäude verbunden. So konnten die Räume auch für den evangelischen Gottesdienst genutzt werden, schließlich sollte bis zum Bau der evangelischen Kirche im Jahre 1901 noch einige Zeit vergehen. Die Gerdesschule bestand übrigens nach wie vor. Nach der offiziellen Aufteilung Stockums in zwei Schulbezirke im Jahre 1889 waren in ihr noch bis zum Jahre 1903 die Schüler des südlichen Bezirks einschließlich Düren untergebracht. Nach ihrer Schließung besuchten dann alle Schüler die evangelische Volksschule – bis auf die Kinder katholischer Familien. Sie waren bereits 1896 auf Wunsch ihrer Eltern ›ausgeschult‹ worden, wurden zunächst im Spechtschen Saal unterrichtet und bezogen dann im Jahr 1900 die neu erbaute katholische Bonifatiusschule.

Erinnerungen an die Schulzeit
Erna Karoline Robbert, geb. Bärenberg: »Ich wurde 1953 eingeschult und kann mich noch gut daran erinnern. Schließlich war ich das einzige Mädchen, das eine Hose anhatte. Die hatte ich übrigens von meinem jüngeren Bruder. Ich wäre halt gern ein Junge gewesen. (lächelt) Ich habe mich übrigens sehr auf die Schule gefreut und war glücklich, als es endlich soweit war. Nur eines fand ich doof: Wir Erstklässler mussten damals das an der kleinen Schiefertafel befestigte Tafelläppchen aus dem Tornister raushängen lassen. Das mochte ich nicht, also habe ich es frecherweise nicht gemacht. Ich wollte nicht als i-Männchen gelten. Ansonsten fand ich alles toll. Eine schöne Zeit!«

Erster Weltkrieg, Hungersnöte, Besatzungszeit – es folgten schwere Zeiten. Im Jahr 1923 beschlagnahmten die Franzosen beide Schulen. Die Lehrer mussten sich mit wenigen Klassenräumen begnügen, die Durchführung eines ordnungsgemäßen Unterrichts war kaum machbar. Zudem war in einem Teil der evangelischen Schule ein französisches Kriegsgericht untergebracht. Doch auch im Anschluss sollte es noch einige Zeit dauern, bis  ein geregelter Schulalltag einkehren würde. Immerhin wurde 1928 doch eine hölzerne Turnhalle errichtet.

Erinnerungen an die Schulzeit
Jasmin Barthold: »Von meinem ersten Schultag im Sommer 1996 weiß ich noch, dass ich mit meinen damaligen Kindergartenfreunden in der ersten Reihe gesessen habe und darauf hoffte, dass wir in eine Klasse kommen. Zum Glück hat das auch geklappt. Schön an meiner Schulzeit war, dass ich dort viele Freunde kennengelernt habe. Freundschaften, die mir bis heute erhalten geblieben sind und für die ich sehr dankbar bin.
Leider hatte meine Klasse das Pech, nicht nur einen Klassenlehrer zu haben, sondern vier. Man könnte fast sagen: für jedes Schuljahr einen. Oder wir sind so schlimm gewesen, dass wir sie alle vergrault haben – aber das glaub ich nicht. (augenzwinkerndes Lächeln)
Eine Erinnerung, die auch mein weiteres Leben geprägt hat, ist vermutlich die Aufführung des ›Kleinen Prinzen‹. Bei diesem Stück machte ich meine erste Bühnenerfahrung und habe damit vermutlich den Grundstein für meine Zeit im Stockumer Theater Verein gelegt. Leider bin ich zeitweise nicht gerne zur Schule gegangen. Ich war nicht immer eine der beliebten Schülerinnen und wurde dadurch viel gehänselt. Zum Glück hatte ich meine Clique, wir vier waren ein eingeschworenes Team. Wir haben alles zusammen gemacht und immer zueinandergehalten, egal, was auch passiert ist. Wir haben uns geholfen, beschützt und unterstützt.«

Nur ein Jahr darauf kam es zu einer einschneidenden Veränderung: Stockum und Düren wurden nach Witten eingemeindet, und die Volksschule erhielt ihren heutigen Namen ›Harkortschule‹. Zehn Jahre später waren in ihr nach Schließung der katholischen Schule am 20. Mai 1938 von nun an alle Stockumer und Dürener Schüler beheimatet – zumindest bis Juli 1943. Aufgrund der englischen und amerikanischen Bombenangriffe wurden die Schüler und Lehrer nach Süd- und Südwestdeutschland evakuiert. In den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs wurden mehrere Klassenräume von der Firma Wickmann genutzt. Hier stellten Arbeiterinnen Feinsicherungen für elektronische Geräte der Wehrmacht her. In einem weiteren Raum sollen Frauen Kleidungsstücke gestrickt haben: für Kinder, aber auch für die Soldaten an der Front. Vermutlich diente das Gebäude auch als Quartier einer motorisierten Wehrmachtseinheit. Fest steht, dass der Luftschutzkeller der Schule bei schweren Luftangriffen den Einwohnern der umliegenden Häuser Zuflucht bot.

Erinnerungen an die Schulzeit
Susanna Daum: Als Kind ging ich von 1980 bis 1984 auf die Harkortschule und war, wie wahrscheinlich fast alle Kinder, ganz vernarrt in meine Klassenlehrerin (sie hieß Frau Daus). Zu diesem Zeitpunkt war mir noch nicht klar, wie sehr diese Schule, diese Lehrerin mein Leben bereits geprägt hatte.

Nach meinem Abitur wusste ich nicht, was ich tun sollte, ließ mich von meinem Vater – mit dem Wunsch nach einem sicheren Job – leiten und landete nach Bewerbung, Einstellungstest und -gesprächen im Büro des Hagener Arbeitsamtes, um mein Einstellungsangebot zur dualen Ausbildung zu unterschreiben. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich das aber eigentlich gar nicht will. Ich entschuldigte mich für die Umstände, die ich nun bereiten würde, stand zum Leidwesen meines Vaters auf und verließ das Gebäude mit der sicheren Arbeitsstelle.

Relativ schnell kam ich zu der Überzeugung, dass ich Lehrerin werden wollte. Um nicht wieder kurz vor einem Einstellungsangebot Reißaus nehmen zu müssen, erlegte ich mir selbst freiwillige Praktika an verschiedenen Schulformen auf. Eines davon absolvierte ich an meiner alten Grundschule. Ich traf wieder auf meine alte Klassenlehrerin Frau Daus, die alten Gefühle kamen in mir hoch und ich war plötzlich sicher – ich wollte Grundschullehrerin werden, und zwar mit genau dem gleichen Herzblut wie diese Frau, die es noch nach so vielen Jahren schaffte, mich mit Freude und wohltuender Wehmut an meine eigene Schulzeit zu erinnern.
Heute leite ich mit großer Freude die Bruchschule und hoffe, mein verstorbener Vater schaut auf mich herab und versteht, warum ich vor über
20 Jahren von diesem Schreibtisch im Arbeitsamt aufstehen musste. Auf der 150-Jahrfeier habe ich übrigens meine alte Klassenlehrerin – mittlerweile über 80 Jahre alt – wieder getroffen und uns kamen beiden die Tränen, als ich ihr sagte, dass sie (in positivem Sinne) Schuld daran sei, dass ich in ihre Fußstapfen getreten bin. Das Gefühl war übrigens wieder da und wir waren uns einig in dem Punkt, dass man diese Haltung nicht lernen kann, entweder man hat sie oder eben nicht und wenn man sie hat, hat man die Chance, dem Spruch gerecht zu werden: ›Lehren bedeutet, ein Leben für immer zu berühren.‹ Sie hat es geschafft, ich gebe mir noch immer alle Mühe.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs verhieß keine leichteren Zeiten: Zerstörung, Hungersnöte, Entbehrung … Auch die Harkortschule befand sich in einem desolaten Zustand. In manchen Klassenzimmern fehlte das gesamte Mobiliar, in anderen war es stark beschädigt. Improvisation und Durchhaltevermögen prägten den Alltag im Klassenzimmer. Erst mit dem allgemeinen Wirtschaftsaufschwung sollte sich das Schulleben wieder normalisieren. Es kamen neue Lehrer an die Schule, und auch die Schüleranzahl wuchs sukzessive an, so dass im Jahr 1948 569 Kinder in elf Klassen von zehn Lehrern betreut wurden. Mittlerweile war die Harkortschule auch keine Konfessionsschule mehr, in einer Elternabstimmung war die Einführung einer christlichen Gemeinschaftsschule beschlossen worden. In den nun folgenden Jahrzehnten war die Schülerzahl dann allerdings wieder rückläufig, zu Ostern 1958 waren es lediglich 336 Kinder.

Der Zahn der Zeit, aber auch kriegsbedingte Schäden nagten am Gemäuer, daneben machten veränderte Anforderungen an ein modernes Schulgebäude so einige Instandsetzungen und Erneuerungen erforderlich. So wurde 1956 eine Warmwasserheizung installiert, die alten hohen Kanonenöfen verschwanden. Die Trockenklosettanlagen wichen modernen Toilettenanlagen. 1962 mussten Süd- und Giebelwand komplett neu aufgemauert werden, ein Jahr später begann man mit der Anlegung der Kanalisation. Schließlich wurde in den Jahren 1970 bis 1972 eine Grundrenovierung des Gebäudes durchgeführt. Es entstand der neue Osttrakt mit acht Klassenzimmern, Pausenhalle und Hausmeisterwohnung. Im Dezember 1981 wurde dann die Dreifachturnhalle eingeweiht. Nicht nur das Gebäude selbst wurde übrigens verjüngt, auch das Alter der Kinder hatte sich zwischenzeitlich nach unten entwickelt: Im Zuge der allgemeinen Schulreform im Jahr 1969 war die ehemalige Volksschule in eine Grundschule umgewandelt worden.

Und heute? Nach wie vor prägen Kinderlachen, Spielen und Lernen das Geschehen. Und doch muss sich eine Schule immer wieder neuen Herausforderungen stellen. Lerninhalte und -instrumente verändern sich, ebenso wie soziale und gesellschaftliche Entwicklungen ihren Einfluss auf den Schulalltag nehmen. Seit 2004 ist die Harkortschule eine offene Ganztagsschule, wird auch nachmittags ein abwechslungsreiches Förderprogramm geleistet. Demnächst steht das Thema ›jahrgangsübergreifender Unterricht‹ an. Was zweifelsohne bleiben wird, ist der lebendige Mittelpunkt eines Stadtteils. Auch in den kommenden Jahren wird die Harkortschule kleine Stockumer prägen, begleiten und auf das Leben vorbereiten und so für den Ort die wohl wichtigste Einrichtung darstellen.

Harte Zeiten

In seiner historischen Abhandlung ›Aus der Geschichte des Schulwesens von Stockum-Düren‹ erinnert sich Walter Giersch, damaliger Lehrer an der evangelischen Volksschule, an die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg: »Der Schulbezirk von Stockum-Düren war sehr weiträumig und verlangte von den ausgehungerten Schulkindern zeitraubende, strapaziöse Wege. Oft kamen sie ohne Frühstück, mit zerschlissenem Schuhzeug und unzureichender Kleidung zum Unterricht. (…) Einzelne Kinder weinten vor Hunger. (…) Der Unterricht litt sehr stark unter Mängeln aller Art: keine Hefte und kein Schreibpapier, keine Griffel, keine Tafeln, keine Lese- oder Rechenbücher. (…) Einmal besorgte uns der Bruder einer meiner Schüler 300 Blatt Schreibpapier auf dem schwarzen Markt in Dortmund. Wir fühlten uns glücklich darüber.
Am 20. Dezember 1946 führten wir in unserer Klasse eine kleine Weihnachtsfeier mit der Bescherung von 10 Flüchtlingskindern mit 32 selbstgebastelten Geschenken durch. (…) Jedes Kind musste ein Brikett mitbringen, um den Ofen im Klassenraum heizen zu können. Wir erlebten drei Monate sibirische Kälte. Es geschahen Diebstähle und Morde wegen einer Scheibe Brot, und ein beängstigender Verfall der Sitten trat ein. (…)
Die Hungersnot nahm ständig zu. Seit 1946 gab es trotz der Rationierung und der Lebensmittelkarten oft keine Lebensmittel. (…) Ab 1. Juli 1946 gab es zeitweise überhaupt keine Nährmittel und keine Kartoffeln. Hinzu traten der kalte Herbst und Winter 1946. Am 25. Oktober 1946 zeigte das Thermometer schon -10 °C an. Die Ausgabe der täglichen Schulspeisung wurde auf drei Tage in der Woche beschränkt (…)
Warum berichte ich Ihnen im Rahmen dieser Schulgeschichte über diese Dinge, die ich mir in meinem Tagebuch notiert hatte? Weil Ihnen nur so die damaligen Zustände und Lebensverhältnisse verständlich werden können, unter denen die Eltern und Kinder existierten. In unserem Lande Nordrhein-Westfalen waren damals 120.000 Menschen an Tuberkulose erkrankt, darunter 29.000 Kinder. Es gab eine Million Vertriebene und Flüchtlinge und 1,4 Millionen Ausgebombte sowie Millionen zurückkehrende Soldaten, obwohl fast jede Stadt in Trümmern lag.
Selten wohl standen Schüler und Lehrer vor solch großen Schwierigkeiten und kaum lösbaren Probleme wie in dieser Notzeit. Um 1947 den Nachmittagsunterricht zu vermeiden, hatten wir uns selbst in einem kaum beleuchteten Klassenraum Leitungen gelegt, obwohl das sicherlich nicht gestattet war. Wir nagelten Bretter von Margarinekisten als Sitze auf die beschädigten Bänke. Die Lehrer gaben 36 Wochenstunden, also jeden Tag sechs Stunden einschließlich Samstag, waren aber nicht in der Lage, den Unterricht ohne erhebliche Ausfälle zu erteilen. Vor allem wurden Deutsch und Rechnen gegeben. Der Geschichtsunterricht war verboten. Nachmittags trafen wir uns freiwillig mit unseren schwächeren Schülern, um durch intensives Üben die großen Wissenslücken auszufüllen. Gute Schüler unterstützten uns bei unserem Ergänzungsunterricht.«

Historische Quelle: Walter Giersch: ›Aus der Geschichte des Schulwesens von Stockum-Düren‹
Wir bedanken uns bei den Heimatfreunden Stockum/Düren für Informations- und Bildmaterial.

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