Stadtmagazin Witten: Dies und Das

Bühnenluft schnuppern

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Vorab: Das ist richtig großes Theater! Leidenschaft, Fantasie, Kreativität, Spielfreude und – (!) – Inhalt. Wir sind zu Besuch auf einer Probe des Kindertheaterworkshops ›Bühnenluft II‹ in der Werk°Stadt. Und hier geht es richtig zu Sache. Es wird diskutiert, inszeniert, experimentiert, improvisiert – und natürlich auch ordentlich gelacht und Spaß gehabt. Das Ganze aber mit einer gehörigen Portion Ehrgeiz und Erfahrung. Fast alle der 13 Akteure zwischen neun und elf Jahren standen schon mal auf den Brettern, die die Welt bedeuten – im Kindergarten, in der Schule und/oder hier in der Werk°Stadt. »Ich habe schon bei verschiedenen Theaterprojekten mitgemacht«, erzählt der neunjährige Carlo. »Da habe ich eben geguckt: Wo gibt es noch andere Theaterkurse? Das hier hat gepasst!«

Lea:
»Ob Theater was mit Träumen zu tun hat? Ja, ich träume manchmal davon, wie ich auf der Bühne stehe und was ich da tu.«

»Das Thema stand gleich beim ersten Gespräch«
Er war es übrigens auch, der die Idee für die aktuelle Inszenierung hatte. »Normalerweise gebe ich in dieser Altersklasse das Stück vor«, erzählt Theaterpädagogin Alice Knuf. »Das war hier anders. Carlo brachte die aktuelle Flüchtlingssituation ins Spiel und legte auch gleich konkret los: ›Wir können doch mal diese Szene machen oder die oder die …‹ Und alle stiegen gleich darauf ein und spannen den Faden weiter. So musste auch gar nicht abgestimmt werden, das Thema stand gleich beim ersten Gespräch.«

Leonie:
»Verkleiden hilft dabei, die Rolle zu erkennen und sich in der Rolle richtig zu fühlen.«

»Nee, Alice, da muss jetzt noch was kommen!«
Eine anspruchsvolle Thematik, die da auf die Bühne gebracht wird. Genau genommen sind es gleich mehrere Bühnen, auf denen die Kinder agieren. »Die Idee ist, die unterschiedlichen Situationen von Flüchtlingen – ihre Flucht, ihre Ankunft, ihre Gefühle – an unterschiedlichen Orten zum Ausdruck zu bringen«, erklärt Alice Knuf. »Das Publikum ist mittendrin und wird in der Werk°Stadt durch die Räume geführt. Keine leichte Aufgabe: Die Kinder müssen ganz schnell umschalten, sich in Nullkommanix umziehen und an neuem Ort in eine neue Rolle schlüpfen. Das ist eine echte Herausforderung. Aber ich kenne den Großteil von ihnen seit einigen Jahren. Denen traue ich das zu. Und die wollen das auch. Wehe, ich unterfordere sie! Ich erinnere mich noch gut an einen früheren Workshop, als ich ihnen zu wenig Text gab. Da hieß es sofort: ›Wir wollen mehr! Nee, Alice, da muss jetzt noch was kommen!«

Stella:
»Man lernt hier Selbstbewusstsein. Den Text lernen und rüberbringen, auf der Bühne stehen – da muss man wissen, dass man das schafft.«

Lebhafte Diskussionen, konkrete Standpunkte
Zu wenig Text dürfte beim aktuellen Projekt nicht das Problem sein, im Gegenteil! Schließlich haben die jungen Schauspieler dem Publikum einiges zu sagen. »Es wurde schon im Vorfeld ordentlich diskutiert. Dabei fand ich faszinierend, wie viel die Kinder von sich aus eingebracht haben. Konkrete Meinungen und Standpunkte, beispielsweise dass die Schweiz zu klein ist für die Aufnahme von zu vielen Flüchtlingen. Dass Griechenland ein großes Herz hat. Und dass der Begriff ›Führer‹, den ich ganz allgemein im Sinne von Anführer einer Gruppierung nutzte, problematisch ist. Nuridin (11) meinte irgendwann: ›Adolf Hitler war doch ›der Führer‹. Dann können wir diese Figur nicht ›Führer‹ nennen!‹ Und schon entwickelte sich eine lebhafte Debatte über Nationalsozialismus. Es wurden Parallelen gezogen zwischen der Zeit der NSDAP und heutigen Tendenzen. Das hat mich ganz schön beeindruckt.«

Sina:
»Ich hatte am Anfang schon Angst vor den Leuten im Publikum. Lampenfieber! Aber das ist jetzt mein fünfter Kurs, und das hat sich verbessert.«

Wortgefecht à la Anne Will
Ein weiteres wichtiges Thema stellt die Rolle von Politikern dar. Alice Knuf: »Ich wollte von den Kindern wissen, was ihrer Meinung nach Politiker denken könnten. Was sagen sie, welchen Standpunkt vertreten sie? Und auch hier kam von allen enorm viel. Wir verbildlichen das in einer Szene à la Anne Will, in der sich die Kontrahenten ein hitziges Wortgefecht liefern.« Oder, um es in den Worten der zehnjährigen Marlene auf den Punkt zu bringen: »Politiker reden und reden und finden doch keine Lösung!«

Elena:
»Sina hat recht, das mit dem Lampenfieber wird besser. Aber der Moment, kurz bevor es auf die Bühne geht, ist schon aufregend.«

Jetzt aber ist eine erste Leseprobe angesagt, die Zeit drängt, und rasende Reporter bringen einfach zu viel Unruhe in die konzentrationsintensive Aufgabenstellung. Zeit, sich zu verabschieden. Liebe Lea, Sina, Stella, Sofia, Elena, Eleni, Catalina, Leonie, Marlene, Lina und Hannah, lieber Carlo und Nuridin: Vielen Dank, dass wir heute bei euch Bühnenluft schnuppern durften. Das war einfach nur toll. Für eure weitere Arbeit und natürlich für euren Auftritt im Mai wünschen wir euch alles Gute – toi, toi, toi!

Sofia:
»Ein direktes Vorbild habe ich nicht. Ich schau bei den anderen zu, wie die was machen und spielen. Die sind meine Vorbilder.«

Termine
13.05.: 18 Uhr · Bühnenluftkurs I
Ein schaurig-schönes Gruseltheaterstück
18.05.: 18 Uhr · Bühnenluftkurs II
Stück zum Thema Flüchtlinge (Der offizielle Titel wird übrigens noch von den Kursteilnehmern festgelegt.)

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