Stadtmagazin Lünen: In der Stadt

Lüner Legenden

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Eine Messe von Verstorbenen

Falls Sie in diesem Jahr die Weihnachtsmesse besuchen, seien Sie um Gottes Willen pünktlich …

Eine Frau aus dem Kirchspiel Kurl hatte sich mehrere Jahre hintereinander zur Uchte stark verspätet. Als Weihnachten nun wieder nahte, nahm sie sich vor, in diesem Jahr aber rechtzeitig zu kommen. An Heiligabend machte sie sich früh auf den Weg nach Kurl.

Als sie in die Kirche kam, waren alle Fenster hell erleuchtet. Ärgerlich, doch schon wieder den Beginn des Gottesdienstes verpasst zu haben, trat sie in das Gotteshaus und begab sich auf ihren gewohnten Platz. Er war bereits besetzt. Die Beter rückten zusammen, so dass auch für die Frau in der Bank noch Platz war. Am Altar stand ein Geistlicher, der ihr gänzlich unbekannt war. Nun sah sie ein wenig ihre Umgebung an. Ei, ihre Nachbarin kannte sie zwar, aber war die nicht schon vor langen Jahren gestorben?

Sie entdeckte noch einige Bekannte unter den Andächtigen, aber alle waren schon vor langer, langer Zeit begraben worden. Da packte sie die Angst. Die tote Nachbarin merkte die Unruhe der Frau und sagte ihr leise ins Ohr: »Wenn der Priester das ›Ite, missa est‹ singt, dann aber schleunigst aus der Kirche!« Die Frau erhob sich sofort und drängte zum Ausgang. Gerade erklang das ›Ite, missa est‹, als die Frau die Kirchentür erreicht hatte. Im gleichen Augenblick fiel die schwere Tür ins Schloss, und in der Kirche war plötzlich alles stumm und finster. Ein Zipfel des Mantels der Frau war zwischen die zugeschlagene Tür geraten und abgerissen.

In aller Hast schritt die Frau in der Dunkelheit über den stillen Friedhof zwischen den Gräbern. Sie war schon weit von Kurl weg, da begegneten ihr die ersten Kirchgänger auf ihrem Weg zur Uchte. Nun stellte sich heraus, dass die Frau sich mit der Zeit ganz vertan hatte. Sie war zwei Stunden zu früh gekommen und hatte einer Uchte der Verstorbenen beigewohnt. (Beisenherz 1932.)

Textquelle:
Fredy Niklowitz, Wilfried Heß, Dr. Widar Lehnemann (Hrsg.): ›Hundert und eine Erzählung. Sagen, Legenden und Geschichten aus dem Raum Lünen‹ (Lünen 2016).

Die Uchte

Der Begriff bedeutet im Altsächsischen (5.–11. Jahrhundert) ›frühe Morgenzeit, Morgendämmerung‹. Einst fanden Weihnachts- aber auch Ostergottesdienste morgens zur Zeit des Sonnenaufgangs statt. Ursprünglich bezeichnete das Wort die Himmelsrichtung Osten. Die Wortbedeutungen Osten und Morgendämmerung hängen also eng zusammen.

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