Stadtmagazin Lünen: In der Stadt

Aug’ in Aug’ mit Ricke, Eber und Co.

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Unterwegs in den Cappenberger Wäldern

An diesem durchwachsenen Herbsttag braust der Sturmwind durch die Wipfel des Cappenberger Waldes und peitscht den Regen vor sich her. Mittendrin: Peter Markett mit seinem Fernglas. Seit zwei Stunden hält der Jagdleiter der Revierverwaltung des Grafen von Kanitz auf seinem Hochsitz Ausschau. Da, plötzlich, huscht etwas Pelziges durchs Gebüsch: Es ist ein Eichhörnchen, das auf seiner Futtersuche vom Wetterwechsel überrascht wurde und nun schleunigst das Weite sucht …

»Um sich das anzutun, muss man schon naturverliebt sein.«

»Viele Menschen nehmen an, dass wir Jäger auf alles zielen, was sich bewegt, aber dem ist nicht so«, erklärt er. »Zur Waffe greifen wir nur wenn nötig, um die Population bestimmter Tierarten zu regulieren. Die meiste Zeit verbringen wir mit Beobachtung und Lebensraumgestaltung.« Er schmunzelt: »Um sich das anzutun, muss man schon tier- und naturverliebt sein. Niemand mit einem normalen Menschenverstand würde bei strömendem Regen freiwillig hier draußen ausharren.« Seit nunmehr elf Jahren arbeitet Peter Markett ›Aug’ in Aug’‹ mit den Tieren des Cappenberger Waldes – ein Teil seines umfangreichen Aufgabenbereiches neben der Betreuung der Hegegemeinschaft Davert Hochwildring bei Münster und der praktischen Beratung der Jägerschaft in NRW. Bereits sein Vater und Großvater waren Jäger, allerdings keine Berufsjäger. Heute hat der ausgebildete Wildmeister Verstärkung mitgebracht: Sohn Jochen und Azubi Karim Abassi begleiten ihn auf seinen Rundgängen durch das rund 1.200 Hektar große Revier, das von der Südkirchener Straße im Norden bis zur Varnhöveler Straße im Süden und dem Cappenberger Damm im Westen bis zur Funnenstraße im Osten reicht. Hier tummeln sich die unterschiedlichsten Kreaturen, die gewöhnliche Spaziergänger nur mit Glück zu Gesicht bekommen: Rehe, Wildschweine, Hasen, Enten, Fasane, Füchse, Marder und – so die Gerüchte stimmen – auch der eine oder andere Waschbär.

»Mehr Bio geht nicht!«

Aktuell befinden wir uns mitten in der Jagdsaison. Von Anfang Mai bis Mitte Januar werden insbesondere Rehe ins Visier genommen. Weil die Forstwirtschaft ein Schwerpunkt des Betriebs von Kanitz ist und es die scheuen Tiere auf die Knospen der jungen Bäume abgesehen haben, muss der Bestand an den zur Verfügung stehenden Lebensraum angepasst werden. »Dabei müssen wir strenge Regularien beachten«, betont Peter Markett. Ob ein Tier überhaupt erlegt werden darf, hängt beispielsweise von seinem Geschlecht, Alter und der Jahreszeit ab. »Wir tragen eine hohe Verantwortung, die wir in enger Zusammenarbeit mit der Land- und Forstwirtschaft erfüllen. Grundsätzlich gilt: Was wir schießen, soll nach Möglichkeit verwertet werden, vom Fleisch bis zum Fell.« Bis zu seinem Tod führt das ›Stück‹, so der waidmännische Ausdruck, ein gesundes, weitgehend stressfreies, artgerechtes Leben. »Mehr Bio geht nicht!«

Wildschweine haben keine natürlichen Feinde

Eine weitere Spezies, die sich in den Cappenberger Wäldern heimisch fühlt, ist das Wildschwein. Da die zottigen Paarhufer bisweilen enorme Verwüstungen auf Ackerflächen und in Privatgärten anrichten, wurde in der Vergangenheit schon häufiger zur sogenannten ›Drückjagd‹, einer Jagdform mit Hunden und Treibern geblasen. »2015 haben wir insgesamt 80 Tiere erlegt, was auf eine extrem hohe Population hinweist«, berichtet Peter Markett. Und die Zahl des Schwarzwildes wird weiter steigen. »Wildschweine haben keine natürlichen Feinde, dafür aber ein Überangebot an Nahrung: Pro Hektar fallen hier bei uns bis zu fünf Tonnen Eicheln und Bucheckern als Waldmast im Herbst an. Erschwerend kommt hinzu, dass Selbstregulierungsmechanismen wie kalte Winter heutzutage durch die Klimaerwärmung nicht mehr greifen.« Für Hundebesitzer, Jogger und Pilzesammler ist im Forst daher besondere Vorsicht angebracht. »Auf den Wegen bleiben und die Hunde anleinen«, rät Peter Markett. Beides ist auf dem als Naturschutzgebiet ausgewiesenen Gelände ohnehin Pflicht, empfiehlt sich aber auch aus Sicherheitsgründen. »Wer mitten durch das ›Wohnzimmer‹ einer Wildschweinfamilie stiefelt, braucht sich nicht zu wundern, wenn die Bache sich bedroht fühlt und zum Angriff übergeht.«

»Im Wald fährt man komplett runter, findet seinen inneren Frieden.«

Die Sorge um das Wohl von Flora und Fauna, das Wirken im Einklang mit Natur – ein wesentlicher Aspekt des Jägerberufs. »Das mag manchem widersprüchlich erscheinen, aber es ist gerade diese Vielschichtigkeit, die unseren Beruf so faszinierend macht, und ich kann jedem Kritiker nur empfehlen, einmal mitzugehen, die Stimmung im Wald auf dem Hochsitz mitzuerleben – bei Nebel, Regen, Sonnenschein, zu den verschiedenen Tages- und Jahreszeiten. Es ist etwas ganz Besonderes, davon Bestandteil sein zu dürfen. Da springt der Funke fast immer über!« »Hier draußen fährt man komplett runter«, erzählt auch Karim Abassi, der vor seiner Ausbildung bereits einige Zeit als selbstständiger Jäger und Falkner im Ruhrgebiet gearbeitet hat. »Man findet seinen inneren Frieden, ganz egal ob das Wetter gut oder schlecht ist. Selbst wenn man wie wir heute Morgen nichts zu sehen bekommen hat, geht man nicht traurig nach Hause.« Wobei, ›nichts‹ stimmt nicht ganz. »Wir haben immerhin ein Eichhörnchen, eine Eule und mehrere Singvögel beobachtet.«