Stadtmagazin Lünen: In der Stadt

Lebensspender und Höllenschlund

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Brunnen in Lünen

In Religion, Kunst und Literatur ist der Brunnen ein wiederkehrendes Motiv: Er verheißt ewige Jugend, sagt die Zukunft voraus oder lässt Wünsche in Erfüllung gehen. Brunnen können aber auch Pech bringen – wenn sie vergiftet wurden oder in eine von bösen Wesen bevölkerte Unterwelt führt. Ist das Kind erst in den Brunnen gefallen, kommt jede Hilfe zu spät. Somit ist der Brunnen zugleich Lebensspender und Höllenschlund, Symbol des ewigen Kreislaufs von Leben und Tod.

Der ›Marktpütt‹: Zentraler Treffpunkt für das Volk

Der Grund für die widersprüchlichen Deutungsarten des uralten Motivs liegt in der (über-)lebenswichtigen Funktion, die sauberes Wasser für uns Menschen zu allen Zeiten innehatte. Heute müssen wir nur den Hahn aufdrehen, schon sprudelt es hervor. Ein Luxus, von dem unsere Vorfahren nicht einmal träumen konnten. Im Mittelalter wurde das flüssige Elixier aus tiefen Schächten in Kübeln zutage gefördert. Später erleichterten ›moderne‹ Pumpen die Wassergewinnung: Noch bis Ende des 19. Jahrhunderts gab es solche in allen Bereichen der Lüner Innenstadt. Sie wurden von den in der Nachbarschaft wohnenden Menschen, den sogenannten ›Pumpgemeinschaften‹ unterhalten. Eine zentrale Anlaufstelle war damals der ›Marktpütt‹, der die Stadtbewohner nicht nur mit Trink- und Löschwasser versorgte, sondern zudem als sozialer Treffpunkt diente: Hier wurde gelacht, getratscht und manch verliebter Blick gewechselt, es wurden Neuigkeiten ausgetauscht, Kontakte geknüpft und Versprechungen gemacht – oder gebrochen. Musste das Wasser in trockenen Zeiten rationiert werden, wurden die alten Anlagen mit Ketten und Schlössern gesichert.

Brunnenfunde aus alter Zeit

Viele der frühen Wasserstellen wurden in den 70er- und 80er-Jahren bei Bauarbeiten wiederentdeckt, so etwa im Bereich Lange Straße, Goldstraße, Marktstraße, Bäckerstraße, Roggenmarkt, Silberstraße und Alte Post. 1973 stießen Räumbagger bei Ausschachtungsarbeiten für ein Neubauprojekt auf eine mit halbierten Mühlsteinen abgedeckte Brunnenanlage. Die eingemeißelte Inschrift ›1815‹ deutete man als Hinweis auf das Jahr, in dem der Stein zur Schachtabdeckung umfunktioniert worden war. Der Brunnen soll sich außerhalb des Hauses Lange Straße 80 befunden haben und noch bis zu dessen Abbruch 1970 in Betrieb gewesen sein. 1979 entdeckten Mitarbeiter des städtischen Tiefbauamtes beim Auswechseln eines Kanaldeckels in der Kirchstraße nicht etwa das darunter vermutete Abflusssystem, sondern einen 8 Meter tiefen und 1,5 Meter breiten Bruchsteinbrunnen, der wegen seiner Größe von sich reden machte. Vermutlich diente er einer größeren Pumpgemeinschaft als Wasserquelle und Löschwasserreservoir. Im Bereich der Kirchstraße war die Feuergefahr besonders groß, da hier viele Speicher und Scheunen standen.

Zwischen Jauchegruben und Klokübeln

Der Genuss des Brunnenwassers hatte allerdings auch seine Tücken. In unmittelbarer Nachbarschaft zu den Brunnen befanden sich häufig die Kübelaborte, auf denen unsere Vorväter ihr ›Geschäft‹ verrichteten. Zudem wurden die Abwässer aus den Haushalten noch bis 1900 einfach in den Brandgassen zwischen den Gebäuden gesammelt. Von hier gelangten sie durch offene Rinnen in die Stadtgräben und bis in die Lippe. Neben der Geruchsbelästigung stellten die Jauchegruben einen ständigen Ursprungs­herd für Epidemien dar. Der bestialische Gestank zog Ratten an, Kadaver landeten in den Brunnen und vergifteten das Trinkwasser. Bereits im Spätmittelalter waren in Deutschland aus diesem Grund eigene Berufsgruppen – wie der Brunnenmeister oder der Brunnenputzer – entstanden, die über die Instandhaltung der Anlagen wachten. Zu einem hygienischen Fortschritt kam es aber erst, als die Dunggruben in Lünen ab 1890 teilweise freiwillig und ab 1897 zwangsweise beseitigt wurden. Ab 1900 wurde schließlich mit der Einrichtung eines Straßenkanalsystems begonnen. Die Kübel­aborte ersetzte man bis 1928 durch wasserdichte Abortgruben und letztere bis 1938 größtenteils durch Spülklosetts.

Endlich sprudelte das Wasser aus dem Hahn

Ab 1895 hatte die Stadt Lünen mit dem Bau eines ausgedehnten Wasserrohrnetzes begonnen. Damit wurden die Trinkwasserbrunnen nach und nach überflüssig, so auch der beliebte Marktpütt. 1908 musste die versiegte Quelle dem Verkehr und der neuen Pflasterung weichen. Zu Hause genügte fortan ein Fingerdruck, und das Lebenselixier sprudelte klar und rein aus dem Hahn – zumindest in den meisten Haushalten. Es gab nach wie vor Ecken, in denen die Anwohner wie zu Urgroßvaters Zeiten zum Brunnen marschieren mussten, um ihren Durst zu stillen oder ihre Tiere zu tränken. Im Jahr 1948 umfasste das Rohrsystem der Stadtmitte aber bereits eine Gesamtlänge von 66 Kilometern. Rund 30.000 Einwohner wurden auf diesem Wege durch das ›Wasserwerk für das westfälische Kohlerevier in Gelsenkirchen, Bezirksverwaltung Unna‹ mit filtriertem Oberflächenwasser der Ruhr versorgt.

Georg und der Drache

Wenngleich die alten Wasserstellen im 20. Jahrhundert an Bedeutung verloren, liefern einzelne sprudelnde Quellen bis heute einen wertvollen Beitrag zur Gestaltung öffentlicher Straßen und Plätze in der Stadt. Zu den künstlerisch wertvollsten Anlagen zählt der sogenannte Handwerksbrunnen, der 1988 anlässlich des 75. Bestehens der Kreishandwerkerschaft Dortmund und Lünen am historischen Standort auf dem alten Markt vor der St.-Georg-Kirche aufgestellt wurde. Der mit mittelalterlichen Zunftwappen verzierte Sandsteinsockel wird von einer Darstellung des Stadtheiligen Georg nach seinem Sieg über den Drachen gekrönt. Die Bronzegüsse stammen aus der Werkstatt des Lüner Künstlers Andrzej Irzykowski. Anekdote am Rande: Seinerzeit wurde das ursprüngliche Motiv eines Kampfes zwischen Georg und dem Drachen als zu brutal und blutrünstig kritisiert, woraufhin der Künstler ›eine symbolische Darstellung der Auseinandersetzung von Gut und Böse‹ erstellte.

Die Nixe vom Roggenmarkt

Im Jahre 1991 erhielt auch der Roggenmarkt, bereits im 16. Jahrhundert ein Ort der Begegnung, seine eigene Wasserstelle: Auf Initiative der ›Freunde des Roggenmarkt-Brunnens‹ entstand ein Ensemble mit Brunnen und Bänken, das zum Spielen und Verweilen einladen sollte. Bildhauer Helmut Schmidt gestaltete die symbolträchtige Figur des Müllers mit geschultertem Kornsack in Erinnerung an die Zeit, als der Roggenmarkt noch ein Getreideumschlagplatz war. Von der Bevölkerung wurde das durch die Freimaurerloge unterstützte Projekt begeistert aufgenommen. Allein, bezahlt war das gute Stück noch nicht ganz. Findige Geister brachten daraufhin eine Sage in Umlauf: Junge Männer müssten mit ihrer Angebeteten zur Geisterstunde kommen und ein Fünfmarkstück über die Schulter in den Brunnen werfen. Wenn sie danach ins Wasser schauten, zeige sich ihnen eine schöne Nixe …

Historische Quellen: Stadtarchiv Lünen