Stadtmagazin Lünen: Dies und Das

Hexen!

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Walpurgisnacht ... Sie reiten auf Besen durch die Nacht, brauen Zaubertränke und nehmen die Gestalt von Hasen, Pferden und Eulen an: Der Glaube an Hexen ist tief im Westfälischen verwurzelt. Was wir heute im Reich der Märchen und Sagen verorten, wurde noch vor gar nicht allzu langer Zeit für bare Münze genommen. Auch an der Lippe machte man die ›Teufelsbuhlen‹ für allerlei Unheil verantwortlich.

Westfalen – Hochburg der Hexenprozesse

1487 war mit dem ›Malleus Maleficarum‹, auch bekannt als ›Hexenhammer‹, eines der verhängnisvollsten Werke der Weltliteratur erschienen. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts fielen unzählige Frauen und auch einige Männer der Hysterie zum ­Opfer, wurden brutal gefoltert und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Westfalen entwickelte sich in dieser Zeit zu einer Hochburg der Hexenprozesse. Besonders schlimm gingen die Ankläger im Vest Recklinghausen, im Amt Werne, in Dortmund und in Lemgo zu Werke. Einzelne Fälle sind auch aus Lünen überliefert, allerdings ist der Wahrheitsgehalt dieser Erzählungen nicht ganz geklärt.

In einigen afrikanischen Ländern werden Menschen noch heute wegen Hexerei gefoltert und hingerichtet.

Teufelswerk: Kriege, Krankheiten und Hungersnöte

Warum war der Aberglaube bei unseren Vorfahren so weit verbreitet? Zum einen wurden Naturkatastrophen aus wissenschaftlicher Erklärungsnot gerne auf übersinnliches Treiben zurückgeführt. Ein Unwetter zerstörte die Stadt? Das musste das Werk des Teufels sein! Die Ernten verdarben? Schuld war sicher der Schadenszauber einer Hexe! Ab Ende des 15. Jahrhunderts verschlechterten sich die Lebensbedingungen in Europa zusehends, weshalb die frühe Neuzeit in der Geschichtsforschung auch als ›Epoche der Angst‹ bezeichnet wird: Kriege verwüsteten die Länder, harte Winter zogen Hungersnöte nach sich, Ratten brachten den schwarzen Tod – für Lünen ist der Ausbruch einer Pestepidemie im Jahr 1581 belegt. Der beste Nährboden für Denunzianten: Man suchte Sündenböcke, die man für das Leid zur Rechenschaft ziehen konnte. Zum anderen führten politische Intrigen viele vermeintliche Hexen und Teufelsanbeter auf die Anklagebank.

First Witch: ›When shall we three meet again In thunder, lightning, or in rain?‹
Second Witch: ›When the hurlyburlys done, When the battles lost and won.‹
(Shakespeares ›Macbeth‹)

Die Opfer

In der Regel traf es die schwachen oder unbequemen Glieder der Dorfgemeinschaft: aufsässige Zeitgenossen, die sich bei ihren Nachbarn unbeliebt gemacht hatten oder eigene politische Interessen verfolgten. Mittellose, die keine Abgaben zahlen konnten. Alleinstehende Frauen, die ganz unten in der ›Hackordnung‹ standen und daher ein besonders leichtes Ziel für die Anfeindungen darstellten. Schätzungen zufolge waren 80 Prozent der Opfer der europäischen Hexenverfolgungen weiblich! Besonders perfide: Das Feuerholz für ihre Hinrichtung mussten die Unglücklichen selbst bezahlen! Da man glaubte, dass nur in den Himmel käme, wer ›ordentlich‹ auf einem Friedhof beerdigt wurde, wurde die Asche einer Hexe in alle vier Winde verstreut.

Der Begriff ›Hexe‹ lässt sich vom althochdeutschen ›hagzissa‹ bzw. ›hagazussa‹ ableiten, wobei ›hag‹ traditionell mit ›Zaun‹ oder ›Hecke‹ übersetzt wird. Das Grundwort könnte für Elbin, Gespenst oder Mädchen stehen. Gemeint ist ein Wesen, das mit einem Bein im Diesseits und mit dem anderen im Reich der Toten weilt.

Das Schicksal der ›Lünerin‹ Stina Jute

Als wohl bekannteste Lüner Hexe ging ein Mädchen namens Stina Jute in die Annalen ein: Angeblich im Jahre 1649 wurde sie am Hexenkolk in Lüdinghausen durch die Wasserprobe ›überführt‹ und verbrannt. Sie habe das Vieh vergiftet und ihre Schönheit einer Buhlschaft mit dem Satan zu verdanken, so lautete die Anklage. »Am Abend des Gerichtstages zog eine riesige Volksmenge zum Stadttor hinaus. (...) Zwei grimmige Gerichtsdiener zerrten die unglückliche Stina Jute vom Schinderkarren herunter. Nach altem Brauch banden sie ihr den Daumen der rechten Hand an die große Zehe des linken Fußes, ebenso den linken Daumen an die rechte große Zehe. Dann warfen sie das weinende Mädchen in den großen Kolk, wo er am tiefsten war. Das laute Geschrei der großen Volksmenge verstummte plötzlich. Alles hielt den Atem an und lauerte lüstern: Wird sie untergehen oder nicht? Nur wenige Augenblicke dauerte die unheimliche Stille, dann gellte aus tausend Kehlen der wahnsinnige Schrei: ›Sie schwimmt, die Hexe!‹«*  

Sage mit wahrem Kern?

Eine Bronzetafel an der Steverstraße in Lüdinghausen erinnert bis heute an das grausame Geschehen. Wie viele Sagen hat die Geschichte um Stina Jute sicherlich einen wahren Kern. So verweist ein Akteneintrag auf eine Frau dieses Namens, die (vermutlich aber schon im Jahr 1624) der Hexerei angeklagt wurde und unter Folter mehrere Frauen und Männer in Lüdinghausen als Hexen bezichtigte. Ein Bezug zu Lünen ist jedoch nicht nachweisbar und auch die im Zentrum der Erzählung stehende Wasserprobe findet keinerlei Erwähnung. Historiker vermuten, dass diese Details nachträglich hinzugedichtet wurden, um die Geschichte melodramatischer zu machen – als ob die Wahrheit nicht schon dramatisch genug wäre.

* Quelle Fotos und Sageninhalte
(›Stina Jute‹ / ›Hexen im Kötterhaus‹) stammen aus dem Buch ›Hundertundeine Erzählung. Sagen, Legenden und Geschichten aus dem Raum Lünen‹ herausgegeben von Fredy Niklowitz, Wilfried Heß und Dr. Widar Lehnemann.

Die Hexen im Kötterhaus*

»Ein junger Schäfer schlug seine Hürden (tragbarer Viehzaun aus Flechtwerk) sehr oft in der Nähe eines einsam gelegenen Kötterhauses auf, das von einer Witwe mit zwei Töchtern bewohnt war. Der Schäfer war mit den Mädchen befreundet. Sie baten ihn, ihnen gelegentlich ein neugeborenes Lämmchen zu schenken; das Tierchen dürfe aber noch nicht von seiner Mutter genährt worden sein. Er versprach es.
Da ereignete es sich in einer Nacht, als der Schäfer wieder mit seinen Schafen in der Nähe des Kötterhauses in der Hürde lag, dass ein Lämmchen geboren wurde. Der Schäfer nahm es sogleich von seiner Mutter weg und lief damit über das Feld, um sein Versprechen einzulösen. Er klopfte an der Tür des Hauses. Schließlich erhob sich die Witwe von ihrem Lager und rief ihm zu, er möge an das Fenster des Zimmers gehen, in dem ihre Töchter schliefen, und sie wecken. Aber hier erhielt er keine Antwort und stellte durch Horchen an dem niedrigen Fenster fest, dass im Schlafgemach der Mädchen überhaupt niemand war. Nun ging er noch einmal um das Haus. In diesem Augenblick sausten an seinen Füßen zwei Tiere vorüber, die genauso aussahen wie Hasen, denen man das Fell abgezogen hatte. Die sonderbaren Tiere huschten durch das Hühnerloch in das Haus hinein, und sofort darauf öffneten die Töchter ihre Fenster, um das Schaflämmchen in Empfang zu nehmen. Der Schäfer übergab ihnen das Tierchen und ging schleunigst zu seiner Schäferkarre zurück.
Von diesem Augenblick an hatte er mit den Mädchen der Köttersfrau keinen Kontakt mehr, denn er wusste jetzt, dass sie Hexen waren, die nachts auf den Ritt** gingen.«
(Beisenherz, 1932)

** sich in Menschen- oder in Tiergestalt auf den Hexenritt begeben

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