Stadtmagazin Lünen: Dies und Das

›Erziehung statt Strafe‹

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Die Jugendgerichtshilfe Lünen

Jugendkriminalität – ein Thema, das regelmäßig für Schlagzeilen sorgt. Dass Heranwachsende Grenzen überschreiten, kommt in den besten Familien vor. Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung sind schwere Straftaten in diesem Alter aber die absolute Ausnahme. Gerät ein junger Mensch zwischen 14 und 21 Jahren mit dem Gesetz in Konflikt, wird automatisch die Jugendgerichtshilfe der Stadt eingeschaltet.

»Nicht jede Schlägerei endet im Koma«
Zu den häufigsten Delikten, die insbe­sondere von männlichen Straftätern be­gangen werden, ­gehören Diebstähle, ­Wohnungs-
einbrüche, Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz und Körperverletzungen. »Aber nicht jede Schlägerei endet im Koma«, betont Thomas Stroscher, Leiter der Abteilung ›Jugend.Hilfen und Förderung‹. »Unsere Aufgabe ist es, die erzieherischen, sozialen und fürsorgerischen Gesichtspunkte vor den Jugendgerichten zur Geltung zu bringen, den Beschuldigten durch die Verhandlung und eine eventuelle Haft zu begleiten beziehungsweise eine Inhaftierung und deren negative Folgen abzuwenden. Denn der Leitgedanke des Jugendgerichtsgesetzes ist die Erziehung, nicht die Strafe.«

Pädagogische Maßnahmen als ›Schuss vor den Bug‹
Knapp 400 neue Strafverfahren wurden im Jahr 2015 von der JGH Lünen betreut. Lediglich zwölf Personen verurteilte das Gericht zu einer Gefängnisstrafe, fünfmal sprach es eine Bewährungsstrafe aus. In allen anderen Fällen konnte der Konflikt außergerichtlich geregelt und das Verfahren eingestellt werden. »Es gibt wirkungsvolle Methoden, um jungen Tätern einen ›Schuss vor den Bug‹ zu verpassen und sie wieder in die richtige Bahn zu lenken«, so Thomas Stroscher, »etwa gemeinnützige Arbeit, ein soziales Gruppentraining, eine Auslandsmaßnahme, ein Täter-Opfer-Ausgleich oder ein sogenannter Wochenendarrest.«

»Den Menschen kann man nur verändern, indem man sein Lebensumfeld verändert«
Um den Beschuldigten sowie die Hintergründe des Falls korrekt bewerten und in Abstimmung mit dem Gericht geeignete pädagogische Maßnahmen entwickeln zu können, laden die Jugendgerichtshelfer den Betreffenden und seine Eltern zum persönlichen Gespräch, führen Hausbesuche durch und nehmen auch mit Lehrern, Ausbildern und Streetworkern Kontakt auf. »Den Menschen kann man nur verändern, indem man sein Lebensumfeld verändert. Wir wollen herausfinden, in welchen Bedingungen der Jugendliche aufwächst, wie seine Persönlichkeit gestrickt ist und was getan werden muss, um künftigen Delikten vorzubeugen.« Bei Bedarf können weiterführende Hilfen wie Rechtsanwälte, Psychiater und Suchtberater vermittelt werden.

Problem: Mangel an Respekt
In vielen Dienstjahren hat der Diplom-Sozialarbeiter ein Gespür dafür entwickelt, wer ehrliche Reue zeigt und welche Unterstützung benötigt wird. »Dass Teenager Regeln brechen, ist völlig normal, das kenne ich aus eigener Erfahrung«, lächelt er. »Wer einmal dabei erwischt wird, wie er im Laden ein paar Fußballhandschuhe mitgehen lässt, ist noch kein Schwerverbrecher. Auf diese Jugendlichen, die dann meist ganz kleinlaut hier am Tisch sitzen, können wir in der Regel gut einwirken. Wenn aber jemand ständig klaut oder anderen unter Gewaltandrohung das Handy abzieht, ist das schon eine ganz andere Nummer.« Insgesamt sei die Kriminalitätsrate in Lünen in den letzten Jahren konstant geblieben. »Jedoch haben wir es heute vermehrt mit Einzeltätern zu tun, die unsere gesellschaftlichen Werte nie erlernt haben und denen es an jeglichem Respekt vor Autoritäten – Lehrern, Sozialarbeitern, Polizisten und Richtern – mangelt.«

»Selbst wer dealt, kann sein Leben immer noch in den Griff kriegen«
Dahinter stehen oft multiple Probleme wie Gewalt in der Familie, soziale Orientierungslosigkeit, die Bewältigung eines Traumas oder Drogenkarrieren: Viele Täter sind gleichzeitig Opfer. »Trotzdem sind sie natürlich für ihre Taten verantwortlich. Um ihnen zu helfen, müssen wir neue Wege einschlagen. Wenn alle pädagogischen Versuche fehlschlagen, kann eine Gefängnisstrafe – im Sinne von Konsequenz – durchaus Erziehung sein.« Aussichtlose Fälle gibt es für Thomas Stroscher indes nicht: »Wir haben erlebt, dass selbst jemand, der im großen Stil dealt und für drei Jahre in den Jugendknast wandert, sein Leben anschließend immer noch in den Griff kriegen und eine Ausbildung machen kann.«

Unter Jugendkriminalität …
… versteht man die Gesamtheit aller Straftaten Jugendlicher (14 bis 17 Jahre) und Heranwachsender (18 bis 20 Jahre). Unter 14-Jährige gelten als Kinder und sind nicht strafmündig und deshalb strafrechtlich nicht verfolgbar. Bei Heranwachsenden (18 bis 21 Jahre) kann entweder nach Erwachsenen- oder nach Jugendstrafrecht entschieden werden.

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