Stadtmagazin Lünen: Wir bauen ein Haus

Blühendes Wunderland

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Zu Besuch im Lehrgarten der Kleingärtner

Der Rosmarin zeigt bereits seine violetten Blüten, und einzelne Osterglocken kündigen in frischem Gelb den Frühling an. Abgesehen von diesen ersten zarten Farbtupfern gibt der Lehrgarten des Landesverbandes Westfalen und Lippe der Kleingärtner e.V. an diesem windigen Apriltag noch ein recht kahles Bild ab. Doch nicht mehr lange, dann werden Beete, Büsche und Bäume in einem bunten, duftenden Farbenmeer explodieren. Das Wunder der Natur nimmt seinen Lauf …

Schulungen für 72.000 Verbandsmitglieder
»Wenn wir Glück haben, können wir bei unserem nächsten Lehrgang Ende April schon mit der Aussaat für unser ›Indianerbeet‹ beginnen«, freut sich Gartenbauer Werner Heidemann (Geschäftsführer). »Geplant ist eine bunte Kombination aus Sonnenblumen und nordamerikanischen Gemüsepflanzen wie Zuckermais, Stangenbohnen und Kürbis. Eine Freude für das Auge und den Gaumen!« Seit 1996 befindet sich die Landesschule der Kleingärtner auf dem ehemaligen Industriegelände der alten Ziegelei in Lünen-Horstmar. Das moderne Anwesen verfügt über eigene Übernachtungsmöglichkeiten und ist eingebunden in das gestalterische Konzept der einstigen Landesgartenschau. Rund ums Jahr werden hier für die rund 72.000 Verbandsmitglieder Schulungen zu unterschiedlichsten Themen im Bereich Vereinsmanagement, Gärtnerei und Ökologie angeboten, beginnend mit dem Schnupperkurs für ›Greenhorns‹ bis hin zur Vereinsfachberaterausbildung. Zudem wird das Lehrzentrum regelmäßig von anderen Verbänden aus dem Bereich Ökologie und Soziales genutzt.

Was fange ich mit meiner Parzelle an?
»Anfängern stellt sich erst einmal die Frage: Wie gestalte ich meine Parzelle? Viele geraten in Panik, wenn sie plötzlich 400 Quadratmeter unbebaute Freifläche vor sich sehen: Was will ich damit machen? Brauche ich Rasen und Spielgeräte für meine Kinder? Möchte ich Gemüse anbauen? Oder beides? Wir raten: Lassen Sie sich Zeit mit der finalen Entscheidung. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Fläche mit einfachen Mitteln für die Dauer eines Sommers zu gestalten, etwa durch eine Gründüngung mit einjährigen Stauden: Lupinen sind nicht nur hübsch anzuschauen, sondern auch gut für den Boden. Sie lockern die Erde durch ihre Wurzelbildung und sorgen für eine natürliche Kompostierung, wenn sie im Herbst absterben. So haben Sie ein Jahr gewonnen und können sich in dieser Zeit gemeinsam mit der Familie überlegen, wie Sie Ihren Garten langfristig arrangieren möchten.«

Der Natur beim Entfalten zusehen
Fortgeschrittene beschäftigen sich in den verschiedenen Lehrgängen mit allen grünen Fragen, vom Obst- und Gemüseanbau über Gehölzpflege bis hin zu ökologischem Pflanzenschutz. »Möhren werden fast immer von der Möhrenfliege befallen. Früher wurde dieser Schädling chemisch bekämpft. Heute kennt man resistente Sorten, die am besten als Mischkultur mit Zwiebeln angelegt werden – der scharfe Duft vertreibt unerwünschte Gäste. Zusätzlich helfen Kulturschutznetze, die übrigens auch ein probates Mittel sind, um Kirschen gegen Vogelfraß zu wappnen.« Auch wie man Biotope und Nisthilfen baut, bekommen die Hobbygärtner professionell gezeigt. Für Unentschlossene, die mit der Anlage eines Gartenteichs liebäugeln, hat Werner Heidemann folgenden Tipp: »Versenken Sie einen Speiskübel aus dem Baumarkt im Boden, füllen Sie ihn mit Kies und Wasser und stellen Sie einen Sumpfschachtelhalm hinein – und Sie haben das perfekte Kleinstbiotop. Schon nach kürzester Zeit werden Sie hier der Natur bei ihrer Entfaltung zusehen können. Libellen und andere Insekten fühlen sich auch auf kleinem Raum pudelwohl.«

Gärtnern in Tischhöhe
Das Außengelände der Landesschule bietet Anschauungsmaterial auf rund 4.000 Quadratmetern: Von den lichtdurchfluteten Seminarräumen führt ein Steg über ein naturnahes Gewässer direkt in den Garten. Hier wimmelt es von Leben. Die Teilnehmer können ihr theoretisch erworbenes Wissen praxisnah vertiefen oder in den Pausen einfach den Aufenthalt im Grünen genießen. Das Gelände ist aufgeteilt in eine Vielzahl von Themenfeldern. Auf vier Hochbeeten werden bald die ersten Salate und Kohlrabi wachsen, später im Sommer folgen köstliche Cocktailtomaten, Melonen und Andenbeeren. »Das Hochbeet ist die ideale Lösung für Senioren und Rollstuhlfahrer, die so bequem in Tischhöhe gärtnern können«, erzählt Werner Heidemann. Über einen geschwungenen Weg gelangen die Besucher von den Kräuter- und Gemüsebeeten zu den Stauden und Rosen, die im Sommer mit einer prächtigen Formen- und Blütenvielfalt aufwarten. Im Hintergrund wachsen Reitgras, Rutenhirse und Chinaschilf. Ein Bienenhaus demonstriert die Bedeutung der Imkerei für das Kleingartenwesen.

Überlebenskünstler: Kakteen und Sanddorn
Ein schmaler, südlich vor dem Gebäude gelegener Streifen wurde als Trockenstandort zu einem Steingarten umgestaltet. Hier gedeihen winterharte Kakteen, Silberdistel, Walzen-Wolfsmilch, Heidenelken und Mauerpfeffer. Auf der schattigen Nordseite der Landesschule finden wir Glockenblumen, Lungenkraut und verschiedene Farne, die auch ohne viel Sonne zu einer Zierde heranwachsen. Und dann gibt es noch den Wildobstgarten mit Quitten, Sanddorn, Kornelkirsche und Holunder. »Tipp für kleine Grundstücke: Es gibt kleinbleibende Holunderbüsche mit großen Beeren und duftenden Blüten, die sich übrigens prima weiterverarbeiten lassen, etwa in Pfannkuchen«, schwärmt Werner Heidemann. Je nach Wetter und Saison gilt bei seinen Workshops das Prinzip ›Learning by doing‹: Die Seminarteilnehmer bauen Nisthilfen für die Solitärinsekten der Bienen, setzen Pflanzen in die Erde und säen Gemüse aus. Die Erträge werden später im Jahr zu Verpflegungszwecken dienen. Denn die Kantine des Lehrzentrums freut sich immer über Tomaten und Äpfel aus dem eigenen Garten.

»Der Garten ist kein Stück Technik, sondern ein lebender Organismus«
Vorausgesetzt, die Natur spielt mit. Denn, wie der Gartenprofi aus Erfahrung weiß, kein Jahr gleicht dem anderen. »Im ewigen Kreislauf aus Werden und Vergehen müssen wir Menschen Gelassenheit entwickeln. Einen Spätfrost beispielsweise können wir nicht vorhersehen. Der Garten ist kein Stück Technik, sondern ein lebender Organismus ohne Garantien. Aber wer ihn pflegt und sich kümmert, profitiert später davon. Bei uns in Westfalen und Lippe erlebt der private Obst- und Gemüseanbau eine kleine Renaissance. Immer mehr Menschen sehnen sich nach einem Ort der Zuflucht und Ruhe, den sie – abseits von Fremdbestimmung und Massenware – im Einklang mit der Natur individuell und kreativ gestalten können. In diesem Sinne ist der Garten unser letztes Refugium.« Übrigens: Der Lehrgarten ist immer geöffnet. Besucher, die in die frühlingshafte Fülle aus Farben und Düften eintauchen möchten, sind herzlich willkommen. Der im Rahmen der Landesgartenschau entstandene Grünzug führt bis zur City – ideal für eine kleine Radtour.

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