Stadtmagazin Lünen: Kunst und Kultur

Kunst im Kaufhaus

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Insofern

Schemenhafte Gestalten an den Türen. Glühlampen, die den Blick in die Tiefe des menschenleeren Gebäudes lenken. Herzkammern, die sich rhythmisch aufblähen und wieder zusammenziehen. Eine bild-malerische Allegorie auf das Märchen von Rotkäppchen und dem bösen Wolf. Die Namen ehemaliger Mitarbeiter, auf leeren Kleidersäcken verewigt. Der ›Kampf um Hertie‹, dargestellt mit Plastiksoldaten aus dem 1-Euro-Laden …

Elf Künstlerinnen und Künstler der Gruppe ›offene Ateliers Lünen 2010‹ haben mit ihren kritischen Projekten eine Kaufhausbrache belebt. Vom 02.05. bis zum 30.06. sind die Arbeiten unter dem Motto ›Insofern‹ in den Schaufenstern des ehemaligen Hertie-Hauses am Marktplatz ausgestellt. Wenngleich sehr unterschiedlich, beschäftigen sie sich alle mit einer Frage: Wie geht es weiter mit dem Koloss im Herzen der Lüner Innenstadt?

»Es war nie unser Ziel, die leerstehende Immobilie optisch aufzuwerten und einen Missstand zu ästhetisieren«, betont Heinz Brück. »Vielmehr wollen wir aufrütteln und den Lüner Bürgern die Situation eines Hauses vor Augen führen, das seine ursprüngliche Funktion verloren hat: Früher war es ein Kaufhaus, jetzt ist es nur noch eine leere Hülle, ein Niemandsland im Zentrum der Stadt. Dies hat schwerwiegende Auswirkungen auch auf die umliegenden Geschäfte und ist leider beispielhaft für die Entwicklung in ganz Deutschland!«

Seine Arbeit besteht aus drei Teilen, welche zeitlich versetzt gezeigt werden. ›Der rote Faden‹ beschreibt die vergangene und aktuelle Situationen des Gebäudes. Beginnend am Rathaus führt er vorbei an Begriffen wie ›Habgier‹ und ›Leerstand‹, an Bananenkästen (›Deutschland als Bananenrepublik‹), zieht sich dann über das zu einem Paket verschnürten Hertie-Haus und weiter durch die in einem Videoclip dargestellte Innenstadt, bis er mit einem Knoten endet, der noch gelöst werden muss. Der zweite Teil ›Die Schöne und das Biest‹ verweist auf die Beziehung zwischen Rathaus und Hertie-Haus. ›Das süße Früchtchen‹ ist eine Zukunftsvision, der Künstler hat die Hoffnung auf eine spätere Nutzung der Immobilie nicht aufgegeben.

Hinter einem anderen Fenster pumpt die ›Herzmaschine‹ von Catharina und Dieter Wagner Leben in die tote Hülle. Zu sehen sind zwei Herzkammern, die sich rhythmisch aufblähen und wieder zusammenziehen und mit ihrer Bewegung gegen den Stillstand anarbeiten. Wer genau hinhört, kann durch einen winzigen Lautsprecher das leise Atmen eines Menschen vernehmen. »Indem wir das funktionslose Gebäude an die Maschine anschließen, erhalten wir eine Restlebensfunktion aufrecht, bis das Haus irgendwann einer anderen Nutzung zugeführt wird«, erklärt die Künstlerin. »Wichtig war uns das kinetische Element der Plastik in Anlehnung an die elektrische Eisenbahn, die traditionell in vielen Kaufhäusern durchs Schaufenster fährt.«

›Verstrickungen‹ heißt das symbolische Werk von Petra Klein: Die Installation aus Kabeln und Drähten steht für ein System der Macht und Ohnmacht. »Es wird an Seilen gezogen, etwas bewegt sich, aber man weiß nicht, was passieren wird. So ging es den Menschen, die bei Hertie gearbeitet haben, sie hatten keinen Einfluss auf ihre Situation, waren ihrem Schicksal hilflos ausgeliefert.« Symbolisch auch die Arbeit ›Schach‹ von Sigrid Geerlings-Schake. »In der Strategie des Unternehmens waren die Hertie-Mitarbeiter die Bauern, die wie überall in der Wirtschaft den Interessen der profitgierigen Vorstände geopfert wurden. Ein rücksichtsloses Spiel mit dem Arbeitsfaktor ›Mensch‹!«

K.P.M.Wulff und Nikolaus Fels haben für ihr Projekt ganze zwei Wochen bei einer gefühlten Temperatur von 5 Grad in dem verlassenen Kaufhaus zugebracht und in dieser Zeit u.a. zurückgebliebene Objekte gesammelt. »Die aufgebrachten Mitarbeiter hatten alles stehen- und liegengelassen, niemand wollte noch aufräumen.« Alle Fundstücke – Einkaufswagen, Regalteile, Verkaufstische etc. – wurden von den Künstlern neu bezeichnet. »Die Gegenstände sind schön, aber sinnlos geworden. Durch ihre Verfremdung wollen wir zeigen: Hier stimmt was nicht.«

›Insofern‹ ist es gelungen, das leerstehende Hertiegebäude in den Blickpunkt zu rücken. Menschen kommen, bleiben stehen, schauen genauer hin. Kunst kann im Vorbeigehen oder beim ›Pommesessen‹ erlebt werden. Doch die Vitalisierung der toten Hülle ist zeitlich befristet. Deshalb gibt es für jeden Tag der Aktion ein mahnendes Flugblatt, das in 25-facher Auflage gedruckt wird. Am 30. Juni verschwinden die Kunstwerke – die Frage hingegen bleibt: Was muss geschehen, damit die Herzmaschine abgestellt, der Knoten gelöst und das Mahnmal zum ›süßen Früchtchen‹ werden kann?

Insofern
02.05.2010 - 30.06.2010
ehem. Hertie-Kaufhaus, Marktstraße / Willy-Brandt
Künstlerinnen/Künstler:
Sabine Klemp, Petra Klein, K.P.M.Wulff/nikolaus fels (nf), Sigrid Geerlings-Schake, Annette Aprill-Manns, Heinz Brück, Uwe Gegenmantel, Catharina und Dieter Wagner, Siegfried Krüger, Simone Prothmann