Schritt für Schritt
Michael Petry läuft für das Leben
Die Waden brennen, der Atem geht schwer. Die Strecke scheint kein Ende zu nehmen, während man sich Schritt für Schritt durch die Sommerhitze kämpft … So oder so ähnlich dürfte es den meisten AthletInnen beim diesjährigen Mauerweglauf in Berlin ergangen sein. Bei 38 Grad kamen selbst Profis an ihre Grenzen. Einer von ihnen: der Ultraläufer Michael Petry aus Lünen.
»Ein brutal schönes Erlebnis«
»Ultraläufe sind mehr als ein Sport«, erklärt er nach seiner Rückkehr von dem 100 Meilen langen Mammutrennen. »Es sind bewusst herbeigeführte Extremsituationen. Man liefert sich für 24 oder mehr Stunden dem nackten Leben mit all seinen Parametern aus. Wenn man es aber ins Ziel schafft und dabei auch noch Spenden für eine gute Sache sammelt, ist es ein brutal schönes Erlebnis!« Michael Petry ist ein klassischer Spätstarter: Im Alter von Mitte dreißig entdeckte er das Joggen, 2010 absolvierte er mit Anfang vierzig seinen ersten Marathon. 2017 akquirierte er als ›Laufbursche Micha‹ erstmals Gelder für die Flüchtlingshilfe. »Ich habe privat Zettel an Freunde und Bekannte verteilt und gesagt: Für jeden gelaufenen Kilometer könnt ihr spenden.« So kamen in wenigen Jahren knapp 10.000 Euro für den guten Zweck zusammen. Ein Highlight war der erste von ihm initiierte Lippeauen-Ultralauf im Jahr 2019.
»Im ständigen Dialog mit meinem Kopf«
Dann 2023 der Schock: Michaels Frau Angela starb an einem Hirntumor. Andere hätten vielleicht aufgegeben. Der Lüner tat, was er am besten konnte: Er lief weiter, Schritt für Schritt. Seine mentale Stärke, die sich im Sport schon so oft bewährt hatte, rettete ihn durch die schlimme Zeit. »Distanzen von 50, 100 oder 150 Kilometern schafft man nicht allein mit den Beinen, die meistert man im Kopf. Du kannst noch so fit sein, irgendwann wird dir schlecht. Es ist heiß. Du wirst müde. Knickst um. Kriegst Seitenstiche. Hast keinen Bock mehr, willst nach Hause. Dann brauchst du eine Strategie. Mein Mantra lautet: Alles kann, nichts muss – solange du immer einen Schritt vorwärts gehst. Denn jeder Schritt führt in die richtige Richtung. Wenn du Schmerzen hast, zeigt das nur, dass dein Körper arbeitet. Später wird es dir besser gehen. Das ist etwas Positives! So befinde ich mich im ständigen Dialog mit meinem Kopf.«
»Mehr wert als jede Bestzeit«
Unterstützt durch seine neue Frau Nina organisierte Michael Petry im Sommer 2025 und 2026 wieder Benefizläufe entlang der Lippe: Um die hundert StarterInnen schwitzten auf dem gut sieben mal sieben Kilometer langen Rundkurs für wohltätige Zwecke. »Das Schöne an dieser Veranstaltung ist, dass Freizeitjogger neben Brutalverrückten laufen«, erklärt er. »Man kann nach einer Runde aufhören und trotzdem eine Medaille bekommen – oder man hält die kompletten 50 Kilometer durch.« Die Erträge in Höhe von rund 2.000 Euro pro Lauf kamen diesmal dem Hospiz am Wallgang zugute. Hier wurde seine verstorbene Frau Angela bis zuletzt gepflegt. »Diese wichtige Einrichtung zu supporten ist für mich mehr wert als jede Bestzeit.«
»Nicht so krass, wie es scheint«
Als Life-Coach begleitet Michael Petry inzwischen viele BreitensportlerInnen auf ihrem Weg zum Marathon. »Man muss sich langsam herantasten, um seinen Körper nicht zu überlasten – zwei Jahre Minimum. Bis zum ersten Ultralauf dauert die Vorbereitung entsprechend länger. Und natürlich muss man seine Fitness dann auch kontinuierlich hochhalten.« Er selbst joggt etwa 120 Trainingskilometer pro Woche – alleine oder ganz locker mit seinem ›Lauftreff Lüner Lippe‹. Hinzu kommen Etappen mit dem Rad, Krafttraining und Yoga. »Das ist nicht so krass, wie es scheint. Wenn ich nur das Fernsehen am Abend weglasse, gewinne ich unheimlich viel Zeit, die ich in Sport investiere. Die Bewegung bringt mir Power und Energie. Das einzige, was mir noch mehr Spaß macht, ist das Spendensammeln!«
»Ein bunter Haufen«
Seit 2025 veranstaltet Michael Petry daher auch den Lüner Silvesterlauf. Das vormals vom LSV ausgerichtete Event zog in diesem Zuge nach Alstedde um. Start und Ziel der 7- bzw. 14-Kilometer-Strecke ist das Stadion des SV Blau-Weiß Alstedde e. V. Genutzt wird derselbe Rundkurs wie beim Lippeauen-Ultra, mit einem Unterschied: Beim Silvesterlauf kann jeder spontan antreten, ohne Anmeldung und ohne Teilnahmegebühr. »Im vergangenen Jahr waren wir ein bunter Haufen«, erzählt Michael Petry. »Von kostümierten Läufern über Walker mit Hund oder Kinderwagen bis hin zu den Zuschauern, die auf eine Bratwurst, ein Stück Kuchen oder einen Glühwein vorbeigeschaut haben.« Die Einnahmen aus dem Verkauf und freiwilligen Spenden in Höhe von rund 2.500 Euro wurden dem Verein ›Kinderfreundliches Lünen‹ gestiftet. Dies soll auch bei der Neuauflage am 31. Dezember 2026 wieder so sein. »Mit dem Lippeauen-Ultra helfen wir unheilbar Kranken, die im Hospiz würdevoll und palliativ begleitet werden. Der Silvesterlauf ist den Kindern und der Zukunft gewidmet. Das Leben geht weiter!« Schritt für Schritt.
Lauftreff Lüner Lippe
donnerstags · 18.30 Uhr
Silvesterlauf 2026
7 oder 14 Kilometer für den guten Zweck
31.12., 11 Uhr · SV Blau-Weiß Alstedde e. V.
Weitere Infos: @ laufbursche_micha
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