Stadtmagazin Hagen: Kunst und Kultur

›Alexander bricht aus‹

Foto(s) zum Vergrößern anklicken

Quellenangabe in den Vergrößerungen

Roman-Debüt von Dr. Barbara Bellmann

Dr. Alexander Breitner, erfolgreicher Oberarzt in Berlin, mag sein Leben, wie es ist – gradlinig, konstant und bis aufs Letzte durchgeplant. Doch dann meldet sich sein alter Studienfreund Jürgen und bringt ihn dazu, seine Arztpraxis in Mecklenburg-Vorpommern zu übernehmen. Ehe sich Alexander versieht, findet er sich in einem verschlafenen Kaff an der Ostsee wieder: Zinnowitz. Hier lernt er nicht nur die resolute Haushälterin Rosa und Willi, den freundlichen Strandwächter, kennen, er muss auch gleich ein paar Leben retten und sich verdrängten Ereignissen aus seiner Vergangenheit stellen. Am Ende kommt alles etwas anders als man denkt …  Erdacht wurde die teils heitere, teils dramatische Geschichte von der gebürtigen Hagenerin Dr. Barbara Bellmann. Wir sprachen mit der 33-jährigen Wahlberlinerin über die Entstehung ihres ersten Romans.

Das Buch ist als Gemeinschaftsprojekt mit Co-Autorin Theres Krause entstanden. Wie sah diese Zusammenarbeit konkret aus?

Ich habe die Story vor drei Jahren im Rahmen eines Fernstudiums an der Textmanufaktur Berlin zusammen mit meiner Mentorin entwickelt. Allerdings kam ich durch meine Arbeit als Ärztin nicht dazu, sie abzuschließen. Das Projekt hat mich aber nie losgelassen. In Theres fand ich eine ›Verbündete‹, die die Geschichte ebenso gefesselt hat wie mich. Sie erklärte sich bereit, das Buch zu Ende zu schreiben. Ich habe sozusagen das Schicksal von Alexander in ihre Hände gelegt. Der erste Teil stammt von mir und die zweite Hälfte von ihr.
Theres Krause: Zunächst freut es mich, dass es wohl nicht aufzufallen scheint, dass zwei Autoren an einem Roman geschrieben haben. Wir haben uns aber auch eng über unsere Ideen zum weiteren Verlauf abgestimmt.

Die Sehnsucht nach beziehungsweise die Angst vor Veränderung scheint ein großes Thema des Buches zu sein. Alexanders Leben ist ziemlich festgefahren, aber ihm fehlt zunächst der Antrieb, etwas zu ändern. Ist das vielleicht ein Thema, das Sie auch persönlich beschäftigt?
Mich persönlich beschäftigt es nicht so sehr. Allerdings habe ich als Ärztin viel mit Menschen zu tun, und der Wunsch nach Veränderung und Umbruch taucht hier immer wieder auf. Nach meinem Empfinden sind es oft keine logischen Gründe, sondern eher Ängste, die jemanden am Vorankommen hindern. Zudem hat jeder Mensch zwei Seiten: eine innere und eine äußere. In Alexander haben wir diesen Konflikt bis ins Extreme ausgereizt. Statt sich seinen Problemen zu stellen, verstrickt er sich in Lügen, um das Bild, das er der Außenwelt vermittelt, aufrecht zu halten, aus Angst sein Leben könne sonst komplett außer Kontrolle geraten. Unser Buch und das wahre Leben zeigen, dass dies nicht auf Dauer funktioniert.

Dr. med. Barbara Bellmann wurde 1984 in Hagen geboren. Nach dem Studium der Humanmedizin an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn begann sie in Aachen ihre Facharztausbildung zur Kardiologin am dortigen Universitätsklinikum. Im Sommer 2013 setzte sie ihren Weg in Berlin fort.

Wie haben sich Ihre Erfahrungen als Ärztin auf die konkrete Gestaltung der Szenen ausgewirkt?

Die Geschichte im Ärztemilieu anzusiedeln, war für mich eine deutliche Erleichterung. Man weiß, wie Dinge funktionieren. Wobei ich bei einigen Passagen wirklich mitgelitten habe. Die Einstiegsszene ist mir in der Tat persönlich passiert, in meiner Zeit auf der Intensivstation. Als ich mich dann entschlossen hatte, den Doktoranden Felix mit auf die Heldenreise zu schicken, habe ich die ganze Zeit gedacht: Gut, dass mir das damals nicht passiert ist.

Warum haben Sie sich als Frau eigentlich für einen männlichen ›Helden‹ entschieden?

Ein Mann erschien mir einfach naheliegend, da die Kardiologie ein Fach ist, welches durch Männer dominiert wird. Die Persönlichkeitsentwicklung von Alexander war jedoch eine größere Herausforderung, als ich mir es zu Beginn gedacht habe. Wir mussten uns sozusagen erst einmal kennenlernen. Meine Mentorin hat mir häufig ›Fingerübungen‹ aufgetragen. Wie kauft Alexander ein? Was isst er zum Frühstück? Dabei ging es um Details: Bezahlt er beispielsweise mit Kreditkarte oder doch eher mit Bargeld? Welche Frucht würde er zuerst aus einem Obstkorb nehmen? Wie mag er sein Frühstücksei? Trinkt er lieber Bier oder Wein? Es gab vieles zu bedenken, aber Schritt für Schritt wurde die Person dann klarer. Ich habe in dieser Zeit so viel über ihn gesprochen, dass meine Familie und Freunde schon gefragt haben: ›Na, wie geht es Alexander?‹

Uns ist aufgefallen, dass Zinnowitz mit seinem schönen Strand und dem Meer sehr bildhaft beschrieben ist …

Ich war wirklich zu Recherchezwecken dort. Auf dieser Reise klärten sich viele Einzelheiten: Wo hat man Handyempfang, wo verfährt es sich am leichtesten? Schon auf der Hinfahrt habe ich das Fledermausschutzquartier entdeckt und fand es so spannend, dass mir direkt klar war, dass es eine kleine Rolle spielen muss. In Zinnowitz habe ich dann lange Spaziergänge gemacht und Skizzen angefertigt, um die Gegend möglich detailgetreu beschreiben zu können.«

Von Berlin bis Hagen ist es kein Katzensprung. Kann man Sie trotzdem noch ab und an in der alten Heimat treffen?

Ja, ich bin immer noch häufig vor Ort, um meine Familie und alte Freundinnen zu besuchen. Schließlich bin ich hier zur Schule gegangen, aufs Fichte-Gymnasium, war lange Mitglied im Hagener Fechtverein und habe bis zum Beginn des Studiums hier gelebt. So hat es bereits Tradition, dass ich mich jedes Jahr am 23. Dezember auf dem Weihnachtsmarkt in der Innenstadt mit meinen Freundinnen treffe. Auch zu Ostern werde ich wieder in Hagen sein. Mein Lieblingsort ist Schalksmühle. Mein Vater hat dort ein Haus mit Blick ins Tal, wo man wunderschön entspannen kann. Es ist herrlich ruhig, mit dem klassischen Sauerlandcharme. In Hagen selbst mag ich sehr den Hengsteysee. Da bin ich früher viel gejoggt.

Noch mal zurück zum Buch und ohne zu viel zu verraten: Am Schluss von ›Alexander bricht aus‹ gibt es eine überraschende Wendung, mit der wohl kein Leser rechnet. Hatten Sie diesen Twist von Anfang an geplant?

Theres Krause: Nein. Das Ende hat sich in vielen Gesprächen mit anderen Autoren, Freunden und Verwandten ergeben. Wir waren der Meinung, die Geschichte bräuchte eine Art Wow-Effekt. Ich denke, dass erst im Dialog mit diesen verschiedenen Menschen letztendlich eine ganz runde Sache daraus geworden ist.

Dr. Barbara Bellmann: Als Theres mir von dem Ende erzählt hat, war ich begeistert. Es gab so viele Möglichkeiten, das Buch abzuschließen. Die Lösung von Theres war perfekt, da sie gut zu der Persönlichkeitsstruktur von Alexander passt. Die positiven Reaktionen vom Verlag und unseren eifrigen Testlesern haben uns gezeigt, dass dieser Effekt funktioniert.


Barbara Bellmann & Theres Krause

›Alexander bricht aus‹ · Roman
Buchwerkstatt Berlin
9,90 Euro
Überall im Buchhandel als Taschenbuch und EBook erhältlich
Weitere Infos: www.barbarabellmann.berlin