Stadtmagazin Hagen: Soziales

Der Kampf mit dem eigenen Körper

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TransBekannt e.V.

Unsere heutige Gesellschaft ist geprägt von einem binären, also zweiteiligen Geschlechtersystem. Danach gibt es ausschließlich männlich und weiblich. Das biologische Geschlecht wird mit der geschlechtlichen Identität gleichgesetzt, mit Geschlechtsrolle und sexueller Orientierung. Doch es gibt Menschen – Schätzungen zufolge in Deutschland mehr als 100.000 –, bei denen die äußerlichen Geschlechtsmerkmale nicht mit dem übereinstimmen, wie sie sich fühlen. Sie werden als Mann geboren, empfinden sich aber als Frau – oder umgekehrt. Sie sind ›transident‹, landläufig bekannt als ›transsexuell‹. Ihrem anatomischen Geschlecht fühlen sie sich nicht zugehörig. Häufig hegen sie den Wunsch, im anderen Geschlecht zu leben und in diesem auch anerkannt zu werden.

Eine von ihnen ist Mandy Walczak. Schon als kleines Kind – sie kam als Junge auf die Welt – wusste sie: ›Irgendetwas stimmt mit mir nicht, ich bin anders.‹ Was es war, dafür hatte sie keine Worte. Es gab damals keinen Begriff dafür. Erst 1980, mit Erlass des deutschen Transsexuellengesetzes (TSG), erfuhr die damals 27-Jährige durch einen Fernsehbericht, was mit ihr los war. ›Endlich!‹, dachte sie. ›Ich bin nicht allein mit meinem ›Problem‹!‹ Ein Moment der Erleichterung! Doch der Weg, der noch vor ihr lag, war lang – schwer und entbehrungsreich! Freunde, Partner, Familienangehörige, die sich nach ihrem Outing von ihr abwandten. Arbeitskollegen, die ihr im wahrsten Sinne des Wortes das Leben ›zur Hölle machten‹. Beschimpfungen vonseiten Fremder auf offener Straße. Und warum? Weil sie anders war!

Hohe Suizidrate bei Transidenten
Lebensläufe wie diese sind leider keine Ausnahme. Noch immer gehört es zum Alltag vieler transidenter Menschen, am Arbeitsplatz gemobbt, in der Öffentlichkeit angepöbelt und beleidigt, ja mitunter sogar tätlich angegriffen zu werden. Kein Wunder also, dass die Selbstmordrate gerade bei Transidenten besonders hoch ist! Auch Mandy war kurz davor, diesen Weg einzuschlagen. Doch sie entschied sich dagegen und ging ihren eigenen, um endlich das zu sein, was sie eigentlich schon immer war: eine Frau durch und durch, selbstbewusst, mit sich im Reinen. 2006 rief sie mit Gleichgesinnten die in Dortmund und Hagen aktive Selbsthilfegruppe ›TransBekannt‹ ins Lebens (seit 2014 gemeinnütziger Verein, ausgezeichnet mit der ›Weißen Schleife‹), um transidenten Menschen eine Stimme zu geben, für Aufklärung zu sorgen und damit für mehr Akzeptanz in der Gesellschaft. Und die beginnt bereits bei der Begrifflichkeit …

›Transident‹ statt ›transsexuell‹
»Wir selbst verwenden den Ausdruck ›transident‹ – nicht ›transsexuell‹«, betont Mandy. »Letzterer vermittelt in unserem Sprachgebrauch oft ein falsches Bild in der Gesellschaft, nämlich das einer sexuellen Präferenz. Aber um Sexualität geht es gerade eben nicht, sondern um Identität. Das genitale Geschlecht stimmt nicht mit der geschlechtlichen Identität überein. Man fühlt sich im ›falschen‹ Körper.« Laut wissenschaftlicher Studien wird die geschlechtliche Identität bereits vor der Geburt festgelegt. Sie kann nachträglich nicht mehr geändert werden – weder durch Erziehung oder Therapie noch durch Gewalt. Sie ist angeboren, also ganz normal – wenn auch anders.

Begriffliche Abgrenzungen
Noch immer werden Transidente – aufgrund von Unwissenheit – mit Transvestiten, Travestie, Intersexuellen, Hermaphroditen (Zwittern) oder Transgendern gleichgesetzt. Doch es gibt deutliche Unterschiede: Während sich Transidente im ›falschen‹ Körper fühlen und dem Gegengeschlecht angehören wollen, bezeichnet Transvestitismus lediglich das Tragen von Kleidung des anderen Geschlechts. Bei Travestie handelt sich um eine Kunstform, bei der das andere Geschlecht meist in parodistischer Form dargestellt wird. Intersexuelle sind aufgrund von genetischen Besonderheiten körperlich schwer einem der beiden Geschlechter zuzuordnen. Hermaphroditen werden mit Geschlechtsmerkmalen beider Geschlechter geboren oder mit Geschlechtsmerkmalen abweichend vom genetischen Geschlecht. Transgender fühlen sich mit ihrem zugewiesenen Geschlecht falsch oder unzureichend beschrieben und lehnen gegebenenfalls grundsätzlich jegliche Form der Geschlechtszuweisung oder -kategorisierung ab.

Wie entsteht Transidentität?
Die Auslöser einer Transidentität sind noch immer nicht zweifelsfrei geklärt. Jahrzehntelang versuchte die Psychiatrie, sie psychisch zu begründen. ›Transsexuelle‹ wurden zwangseingewiesen und zwangstherapiert. Es wurden Operationen am Gehirn vorgenommen. Elektroschocks wurden angewandt. Erst allmählich kam es zu einem Umdenken. Mehrere medizinische Untersuchungen lassen nun auf ein körperliches Phänomen schließen, möglicherweise hervorgerufen durch ein hormonelles Ungleichgewicht während der Embryonalentwicklung. Denkbar wäre auch ein Gendefekt. Ebenso zeigte sich anhand zweier Studien, dass sich ›männliche‹ Gehirnzellen von ›weiblichen‹ unterscheiden. Und tatsächlich besitzen Frauen, die mit einem männlichen Körper geboren wurden, Gehirne mit ›weiblichen‹ Hirnzellen. Untersuchungen der DNA weisen außerdem auf eine Veränderung hinsichtlich der Testosteronrezeptoren hin.

Weder Mode noch selbst gestalteter Lebensentwurf
Doch was auch immer die Gründe sein mögen – eines steht zweifelsfrei fest: Transidentität ist weder Mode noch selbst gestalteter Lebensentwurf! »Transidente haben es sich nicht ausgesucht, wie sie sind«, betont Mandy. »Sie müssen sich damit arrangieren. Und sie leiden darunter in mehrfacher Hinsicht: unter ihrem Körper, der nicht dem entspricht, was sie fühlen, aber auch aufgrund der gesellschaftlichen Stigmatisierung. Allein der Gang auf eine öffentliche Toilette kann zum Spießrutenlauf werden. Oder wenn eine ›Transfrau‹ in eine Modeboutique geht, um sich ein Kleid zu kaufen – wie jede andere ›Biofrau‹ auch. Nur muss sie befürchten, als ›perverse Sau‹ oder ›Spanner‹ des Ladens verwiesen zu werden.«

»Manche zögern Jahrzehnte, bis sie sich outen«
Dass die männliche Rolle noch immer gesellschaftlich und kulturell höher bewertet wird als die weibliche, zeigt sich daran, dass sich männlich gebende Frauen in der Regel auf mehr Verständnis stoßen als sich weiblich gebende Männer. Dementsprechend ist auch der psychische Druck, der auf ›Mann-zu-Frau‹-Transidenten lastet, meist höher als bei biologisch weiblichen Betroffenen. Daher ist es nicht selten, dass ›Mann-zu-Frau‹-Transidente sich anfangs bemühen, dem klassischen Bild eines ›Mannes‹ weitgehend zu entsprechen. Viele heiraten zunächst, gründen eine Familie oder gehen ausgeprägt ›männlichen‹ Berufen nach. Ihr Unbehagen bezüglich der männlichen Rolle manifestiert sich oftmals in einem Wechselspiel zwischen transvestitischen Phasen (dem Tragen weiblicher Kleidung) und Episoden der bewussten Ablehnung. Sie werfen beispielsweise all ihre Frauenkleider weg und versuchen, besonders männlich zu erscheinen. »Manche zögern mitunter Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte, bis sie sich outen«, berichtet Mandy, »aus Angst, Freunde, Familie oder den Partner zu verlieren. Wir empfehlen Betroffenen, sich bereits während des Outings psychologisch begleiten zu lassen. Denn selbst wenn Familie und Freunde sich abwenden, so bleibt ihnen wenigstens diese Bezugsperson.«

»Manch einem reicht der ›kleine Weg‹«
Wie es nach dem Outing weitergeht, muss jeder für sich selbst entscheiden. »Manch einem reicht der ›kleine Weg‹«, erklärt Mandy. »Sie unterziehen sich einer Hormontherapie, kleiden sich ihrem gefühlten Geschlecht entsprechend in der Öffentlichkeit, beantragen eine Personenstands- und Namensänderung. Die geschlechtsangleichende OP wird nicht von jedem Transidenten in Betracht gezogen beziehungsweise nicht sofort. Und das ist auch in Ordnung. Denn ein solcher medizinischer Eingriff, ganz gleich ob von Mann-zu-Frau oder Frau-zu-Mann, ist absolut und unumkehrbar. Man sollte also mit sich im Reinen sein, wenn man diesen Schritt geht, und genau wissen, was man will.«

»Lassen Sie zu, was das Kind seinem Gefühl nach tut!«
Die ersten Anzeichen einer Transidentität zeigen sich übrigens meist schon während der Kindheit. Betroffene berichten immer wieder, dass sie bereits als Drei- oder Vierjährige wussten, dass etwas nicht mit ihnen ›stimmte‹, dass sie ›anders‹ waren. Transidente Kinder bevorzugen meist nicht rollenspezifische Spielsachen. Der Sohn möchte lieber wie die Mutter sein und ihre Kleider anziehen, die Tochter orientiert sich stärker am Vater und probiert sich in eher männlichen Rollen. Zugegeben: Verhaltensweisen wie diese können Ausdruck einer Spiel- und Ausprobierphase sein, auch über einen längeren Zeitraum hinweg. Sie können aber auch einen Hinweis darauf geben, was das Kind zu sein scheint, wie es sich fühlt: ein Junge, der ein Mädchen sein möchte; ein Mädchen, das sich als Junge fühlt. Eltern sollten dieses ›Anderssein‹ nicht verbieten! »Lassen Sie zu, was das Kind seinem Gefühl nach tut«, so der Appell von Mandy. »Beobachten Sie Ihr Kind, und setzen Sie sich mit ihm auseinander. Wenn sich der Verdacht auf Transidentität erhärtet, dann holen Sie sich Hilfe, beispielsweise in Form eines Therapeuten – allerdings nicht um das Kind ›zu heilen‹ oder ›zu bekehren‹. Es ist nicht krank, nur anders. Und weder Sie noch das Kind selbst (oder ein späterer Partner) sind ›schuld‹ daran! Ein Therapeut kann helfen, Gewissheit zu schaffen, und – wenn Transidentität vorliegt – gegebenenfalls Maßnahmen empfehlen, wie etwa die Verschreibung von Hormonen oder Hormonblockern. Suchen Sie das Gespräch mit anderen, stellen Sie Kontakte her zu Vereinen oder Hilfsgruppen. Helfen Sie, Ihrem Kind das Leben so leicht wie möglich zu machen.«

Zu diesem Zweck hat der TransBekannt e.V. ein Infoblatt herausgegeben, das sich speziell an Eltern und Angehörige wendet, um sie für das Thema ›Transidentität‹ zu sensibilisieren. Denn wenn Kinder oder Jugendliche in dieser Situation eines brauchen, dann den Rückhalt ihrer Familie!

TransBekannt e.V.
Mandy Walczak
www.transbekannt.de

Hilfe für zweite Kontaktstelle in Hagen
Seit 2009 bietet ›TransBekannt‹ eine telefonische Beratung an. Darüber hinaus finden regelmäßig Gruppenabende statt, die von Betroffenen, Angehörigen oder Interessierten ohne Anmeldung besucht werden können: jeweils am zweiten Samstag des Monats in Dortmund (18–22 Uhr, Friedensplatz 8) sowie am vierten Samstag des Monats in Hagen (18–22 Uhr, Bahnhofstraße 41). Derzeit verfügt der Verein über eine feste Kontaktstelle in Dortmund (Braunschweiger Straße 22). Eine weitere in Hagen musste leider geschlossen werden. Um sie wiedereröffnen zu können, ist finanzielle Unterstützung nötig. Wenn auch Sie helfen wollen:

Spendenkonto:
Sparkasse Hagen
TransBekannt
IBAN: DE 23 4505 0001 0100 1937 65