Stadtmagazin Castrop-Rauxel: In der Stadt

Die Widumer Straße

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Besatzer, Bauern, junge Burschen

Auf den Dächern gurrten die Tauben, im Stall konnte man die Schweine grunzen, die Ziege meckern und die Hühner gackern hören. An kalten Tagen quoll Rauch aus den Schornsteinen in den klaren Himmel empor. Die Kinder spielten dann dick eingepackt vor den Häusern. Manchmal wurden die kräftigeren Burschen ›herangepfiffen‹, um der Mutter bei der Wäsche oder den Bauern beim Entladen ihrer Karren zu helfen. So oder so ähnlich könnte ein ganz normaler Tag im Bereich rund um den mittelalterlichen Widumhof ausgesehen haben.

Der Begriff ›Widum‹ bezeichnete im mittelalterlichen Sprachgebrauch ein Kirchengut mit den dazugehörigen Gebäuden, Ställen und Scheunen.

Widumhof um 800 entstanden
Als Zubringer zu diesem historisch bedeutsamen Hof blickt die Widumer Straße auf eine lange und bewegte Vergangenheit zurück. Auch wenn sie ihre amtliche ›Taufe‹ durch die Gemeindevertretung erst 1876 erhielt, dürfte ihr Name im Volksmund schon lange vorher existiert haben. Der Begriff ›Widum‹ bezeichnete im mittelalterlichen Sprachgebrauch ein Kirchengut mit den dazugehörigen Wohngebäuden, Ställen und Scheunen. Ein solches war in Castrop um 800 im Zusammenhang mit der Errichtung der ersten Kapelle beim karolingischen Reichshof entstanden, welcher Kaiser Karl dem Großen als Stützpunkt gegen die heidnischen Sachsen diente.

Nachwächter holte Torschlüssel beim Bürgermeister ab
Der vom Ortspfarrer verwaltete Widumhof erfüllte nicht nur bäuerliche Zwecke, sondern war auch von enormer wirtschaftlicher Bedeutung, da hier die Naturalabgaben der Bevölkerung in Empfang genommen wurden. Als sich Castrop im 15. Jahrhundert zu einer mit Wall und Graben gesicherten ›Freiheit‹ entwickelte, installierte man drei Tore: an der Wittener Straße das Ostentor (bekannt als Brennertor), an der Münsterstraße das Nordentor (im Volksmund Muffentor) und nahe des alten Pfarrhofes in der Widumer Straße das Widumer Tor. Hier wohnte der Nachtwächter der Stadt, dessen Aufgabe es war, die Durchlässe ab- bzw. aufzuschließen, wobei er die Schlüssel abends und morgens beim Bürgermeister abzuholen hatte.

»Kein Spülklosett und keine Badewanne«
Als die Phase der Naturalwirtschaft durch die Geldwirtschaft abgelöst wurde, verlor der Widumhof nach und nach seine landwirtschaftliche Bedeutung. Dennoch gab es auf dem Gelände – neben dem mehrgeschossigen, verwinkelten Wohnhaus – noch bis ins frühe 20. Jahrhundert diverse Viehunterkünfte und Vorratsscheunen, die sich um den Hofplatz gruppierten, dessen zentrales Element ein Brunnen mit Wasserpumpe war. »Dort kannte man noch bis in meine Zeit kein Schwimmbecken, noch nicht einmal ein Badezimmer Es gab kein Spülklosett, nur ein ›kleines Häuschen‹ mit Fäkaliengruppe, die in Abständen mit dem ›Jaucheschepper‹ geleert wurde«, erinnerte sich Zeitzeuge August Dirksen der 1895 mit seinen Eltern und fünf Geschwistern nach einem Hochwasser in den leerstehenden Bau gezogen war und hier 30 glückliche Jahre verbracht hat. (›Kultur und Heimat‹, 1973)

Wunderwelt zwischen Kartoffelsäcken
Aus seinen nostalgischen Erzählungen wissen wir, dass das schwarz-weiße Fachwerkhaus an zwei Seiten mit wildem Wein bewachsen war. Die Trauben schmeckten im Herbst nicht nur den Vögeln, auch die Kinder aus der Nachbarschaft naschten von den süßen Früchten. Einen imposanten Anblick bot die schwere Eingangstür aus Eichenholz mit ihrem faustdicken Messinggriff: Der dazugehörige Schlüssel soll so lang und dick gewesen sein wie ein Schlagstock. Im Erdgeschoss war zu jener Zeit eine Bibliothek untergebracht, oben befand sich das Fotoatelier des Kaplans Wortmann, welcher sich durch das Küchenfenster Zugang zu verschaffen pflegte. Die Burschen liebten die benachbarte Scheune, wo Heu, Brennholz und Berge von Kartoffelsäcken lagerten, eine »Wunderwelt« mit tausend dunklen Nischen und Winkeln. August Dirksen hat nach seinem Auszug nie wieder einen Fuß auf den Hof gesetzt. »Im Herzen und in der Vorstellung aber blieb er mir immer gegenwärtig.«

Das Marcel-Callo-Haus
Elfhundert Jahre nach seiner Gründung, 1956, wurde der Widumhof abgerissen und ein wichtiges Kapitel Stadtgeschichte damit für immer geschlossen. Doch das Gelände lebt weiter! Zunächst dienten die neu errichteten Flachbauten an der Widumer Straße 19 als Treffpunkt für die Mitglieder der St. Lambertus-Gemeinde. 1986 entstand auf dem historischen Grund die offene Kinder- und Jugendfreizeitstätte, die wir seit 1992 als ›Marcel-Callo-Haus‹ kennen.

Historische Quellen und Fotos: Stadtarchiv

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