Stadtmagazin Castrop-Rauxel: In der Stadt

Über Stock und Stein

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»Und blieb auch auf Castrops altem Geläuf
manch Renner und Reiter liegen,
wir sehen die Felder in wilder Jagd
am Wald noch vorüberfliegen.«

Heinrich Haslinde, Castroper Heimatdichter

Eine Kulisse wie gemalt. Das sanft abfallende Gelände mit seinen mannshohen Hecken, Sträuchern und Bäumen in herbstlichem Grün, Karmesin, Ocker, Rubin und Haselnussbraun. Im Hintergrund die Kirchtürme von St. Lambertus und Lutherkirche, der Förderturm Erin sowie einige wenige verbliebene Industrieschornsteine. Ein Hauch Fantasie und schon verwandelt sich das wogende Laub in farbenfrohe Hüte, Kleider und Uniformen, wird das Rascheln der Zweige zum aufgeregten Gemurmel begeisterter Menschenmassen, transformiert sich der weiße Rauch der zwei, drei dampfenden Herner Schlote zum rußgetränkten Brodem des Ruhrgebiets einer vergangenen Epoche.
Vor hundert Jahren, im August 1913, fand hier auf der Naturhindernisbahn das letzte Castroper Rennen vor Beginn des Ersten Weltkriegs statt. Es sollte der vorläufige, im Nachhinein vielleicht sogar der großartigste Höhepunkt einer bedeutenden Ära sein, die knapp 40 Jahre zuvor begann. Thomas Mulvany, Gründer der Zeche Erin und begeisterter Anhänger des in seiner irischen Heimat gefrönten Pferdesports, brachte in den 1870er-Jahren die Idee auf, die Gebrauchspferdeprüfungen des Landwirtschaftlichen Vereins um sportliche Rennen zu erweitern. Und das hügelige Gelände um Haus Goldschmieding erwies sich als perfekt für die angedachten Hindernis-Jagdrennen. Der ursprüngliche Parcours verlief – weit großzügiger als das heutige Landschaftsdenkmal vermuten lässt – im ausladenden Rund von der Cottenburger Schlucht hoch auf den Schellenberg. Spektakuläre Hindernisse und höchste Anforderungen an Ross und Reiter weckten bald den Ehrgeiz passionierter Geländereiter weit über Deutschlands Grenzen hinaus.

Nahmen am ersten offiziellen Rennen am 31. Juli 1875 noch blaugekittelte Castroper Bauern teil, so maßen sich in den Folgejahren zunehmend Offiziere und ›Herrenreiter‹ in Disziplinen wie ›Castroper Steeple-Chase‹ oder ›Emscher-Jagdrennen‹. Darunter lebende Legenden wie Graf Fritz von Metternich oder Freiherr Gisbert von Romberg-Buldern, dessen schillernde Figur die Vorlage zum Kinofilm ›Der tolle Blomberg‹ mit Hans Albers in der Hauptrolle liefern sollte.

Überhaupt gemahnt die Szenerie zu dieser Zeit an großes Kino. Einmal im Jahr stand Castrop Kopf, verwandelte sich das Städtchen zur Weltstadt mit Flair und Esprit. Mann und Frau, Haus und Rabatte machten sich fein, putzten sich heraus für das große Volksfest. Auf den Tribünen elegant gekleidete Damen mit Hut, Schleier und Schirm, begleitet von nicht minder stattlich gewandeten Herren, dazwischen der ›gemeine‹ Castroper in sorgfältig ausgebürstetem Sonntagsanzug – Einwohner und Besucher ließen sich begeistert auf das Spektakel ein. Atemlos wurde innegehalten, wenn James Toole, Verwalter des Gutes Goldschmieding und federführend für Gestaltung des Rennens und Renngeländes, das Startsignal gab. Entsetzt wurde aufgestöhnt, wenn wieder einmal Pferd und / oder Reiter einen spektakulären Sturz hinlegten. Lautstark wurden Chancen der Teilnehmer diskutiert, wurden Sieger bejubelt und gewonnene Wetten gefeiert.

Ja, gewettet wurde auch. Konnten zunächst nur die Mitglieder des 1906 gegründeten Rennvereins auf Sieg, Platz und Niederlage setzen, so wurde der ›Totalisator‹, die berühmte Pariser ›Wettmaschine‹, bald öffentlich gemacht. In Folge nahmen die Wetteinnahmen stetig zu und bedeuteten zwischenzeitlich eine attraktive Einnahmequelle für die Stadt. Da wundert es nicht, dass der Veranstaltung ein eigenes Denkmal gesetzt wurde. Am Vormittag des Rennens im Jahr 1912 wurde auf dem Marktplatz feierlich der Reiterbrunnen enthüllt, gestiftet vom ›Verschönerungsverein Castrop‹ und dem ›Rennverein Castrop‹. Der Glanzpunkt eines großen Stücks Stadtgeschichte, das durch den Ersten Weltkrieg ein vorläufiges Ende nahm.

Erst 1928 und 1930, dreizehn Jahre nach Kriegsende fanden erneut pferdesportliche Veranstaltungen statt und auch zur 1100-Jahr-Feier der Stadt Castrop 1934 wurde ein Rennen ausgerichtet, allerdings konnte an die Erfolge früherer Veranstaltungen nicht angeknüpft werden. Dies mag unter anderem dadurch bedingt sein, dass mittlerweile Parcoursspringen, teils sogar in historischen Kostümen, immer beliebter wurden und den ursprünglichen, naturverbundenen rasanten ›Racings‹ den Rang abliefen. Auch in Castrop wurde diesem neuen Trend Rechnung getragen, allerdings nicht mit der gewünschten Resonanz. Also befanden die Verantwortlichen, die alte Renntradition auf überarbeitetem Terrain wieder aufleben zu lassen. Der 1937 neugegründete Rennverein Castrop-Rauxel beschränkte sich allerdings nun auf das Gelände zwischen Emschertalbahn und Dortmunder Straße und entwickelte einen neuen Parcours, bestehend aus einer Jagdbahn, einer Querfeldeinbahn mit Naturhindernissen wie Hecken und Wassergräben sowie einer Flachbahn ohne Hindernisse. Der Vorteil: Es entfielen die zeitaufwendigen Hindernis-Umbauten, dafür wurde der Schwierigkeitsgrad der Hindernisse erhöht. Die Neuerungen zeigten die erhoffte Wirkung: Wie früher kamen die Besucher in Scharen, wurde der Volksfestcharakter wiederentdeckt, zumindest 1938 und 1939. Dann brachte der Zweite Weltkrieg die Castroper Renntradition wieder zum Erliegen.

Bis 1950 sollte es dauern, dass wieder Rennen gelaufen wurden und Castrop-Rauxel abermals zum Anziehungspunkt tausender begeisterter Pferdenarren wurde. Allerdings ließ das Zuschauerinteresse in den nachfolgenden Jahren stetig nach – vielleicht lag es an der Konkurrenz naher Rennbahnen in den Nachbarstädten, vielleicht sogar an König Fußball, der zum neuen Volkssport avancierte. Da nützte es wenig, dass die Castroper Rennen die niedrigsten Eintrittspreise der Region aufwiesen, dass Stadt und Land, aber auch die ortsansässige Industrie immer wieder über Sponsoring und Zuschüsse der Veranstaltung auf die Sprünge zu verhelfen suchten. Am 28. Juni 1970 fand das 97. und letzte Castroper Rennen vor nur 421 zahlenden Zuschauern statt.

Heute ist das Gelände ein wunderschönes Landschaftsdenkmal. Im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Emscherpark 1997 wurde ein umfangreiches Entwicklungskonzept erstellt und 2004 durch das städtische Grünflächenamt mit finanzieller Unterstützung des Ökologieprogramms Emscher-Lippe realisiert. So dokumentieren weiße Poller im Bereich der ehemaligen Tribüne und des Zieleinlaufes den Verlauf einiger Rennbahnen. Moderne Steingabionen stehen an Stelle ehemaliger Hindernisse und auch der Zielturm wurde nachempfunden und zeigt im Innern eine kleine Fotodokumentation und Texte zur Geschichte der Rennbahn. Fazit: Einen Besuch unbedingt wert!

Weitere Informationen und Bilder finden sich im Internet unter
www.castroper-rennen.de

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