Stadtmagazin Castrop-Rauxel: Menschen

›Pastafarie‹ in 110 Dezibel

Foto(s) zum Vergrößern anklicken

Quellenangabe in den Vergrößerungen

Nudel-Micha ist Castrop-Rauxels einziger ›echter‹ Marktschreier

Er ist Bergmannssohn und Stammgast im Rauxeler Stübchen, hat lange Haare und eine ›große Klappe‹. Dem ersten Eindruck nach ist dieser Nudel-Micha ein waschechter Ruhrpott-Junge. Dass er regelmäßig mit Salbeitee gurgelt, will nicht so recht ins Klischee passen. »Meine Arbeit geht auf die Stimmbänder«, erklärt er. »Besonders jetzt im Herbst, wenn die Luft feucht ist.«

Nudel-Micha alias Michael Schlüter ist hauptberuflich Marktschreier und ruhmreiches Mitglied der 1970 in Berlin gegründeten Echten Gilde der Marktschreier mit derzeitigem Hauptsitz in Sprockhövel. An 45 Wochen im Jahr zieht die Truppe quer durch die Bundesrepublik, um ihre Ware mit schlagkräftigen Argumenten und derber Show an den Mann zu bringen. Da wären beispielsweise Aal-Axel, Käse-Rudi, Bananen-Joe, der Holländer mit den Blumen oder auch Wurst-Achim, laut Guinnessbuch der Rekorde das lauteste Lebewesen der Welt und siegreich hervorgegangen aus dem Duell gegen einen Brüllaffen.

Seit nunmehr fünf Jahren mischt Nudel-Micha aus Castrop-Rauxel in dieser schrägen Welt der Profi-›Schreihälse‹ kräftig mit: Im Wettkampf um den besten Marktschreier des Jahres liegt er nach aktuellem Stand auf Platz zwei knapp hinter seinem ›Erzfeind‹ Wurst-Achim. »Ich bringe es auf sage und schreibe 110 Dezibel – vergleichbar mit einem startenden Flugzeug«, grinst er stolz. Doch nicht nur die Lautstärke zählt, wer die Gunst des Publikums gewinnen und am Ende eines Markttages die meisten Stimmen zählen will, braucht dazu jede Menge Streitlust und Gerissenheit. »Die Leute wollen sehen, wie wir uns gegenseitig fertig machen.« Dabei greifen die wortgewandten Radaubrüder bisweilen zu ausgebufften Tricks. »Ich bin ein großer Kinderfreund«, verrät Nudel-Micha augenzwinkernd. »Manchmal schenke ich den Kids ein Paket Spaghetti. Dafür müssen sie dann am Stand vom Wurst-Achim vorbeischlendern, mit meiner Pasta durch die Luft wedeln und abfällig ›nänä-nänä-nänä!‹ rufen. Wenn sie das gut machen, bekommen sie noch einen Euro.«

Man merkt: Der Kerl ist vom Fach. Als Einzelhandelskaufmann veräußerte Michael Schlüter einst Eier, Milch und Käse, schnappte später als Bühnentechniker bei der Comödie Bochum unter Jochen Schröder, bekannt aus der TV-Serie ›Schwarzwaldklinik‹, die wichtigen Schauspieltricks auf. Seine charakteristische Reibeisenstimme ist sicher eine gute Voraussetzung, aber nicht der einzige Grund, warum der Castrop-Rauxeler im Konzert der Krachmacher die Nase so weit vorn hat. »Ich klinge nicht von Geburt an so kratzig, mit 19 hatte ich eine Kehlkopfverletzung beim Sport«, erzählt er. Bei Marktschreiern komme die Lautstärke aber – wie bei Sängern oder Theaterschauspielern – ohnehin nicht aus der Kehle, sondern aus dem Bauch.

Weil Michael Schlüter das drauf hat, nennt er sich Nudel-Micha und verkauft seine Penne, Farfalle und Macaroni – echte Qualitätsware aus der Pasta-Hochburg Apulien – deutschlandweit. Allerdings: »Zu Hause im Ruhrgebiet kommen deftige Sachen wie Fisch und Salami oft besser an. Für mich völlig unverständlich. Wenn ich die Aale vom Axel ess’, krieg’ ich Pickel!«

Tipp: Wer wissen will, wie es ist, sich beim Bummeln anbrüllen zu lassen, hat am Osterwochenende 2014 (19.–21. April) die Chance. Dann lassen die Marktschreier auf dem Ickerner Markt die Würste, pardon, die Fetzen fliegen.

Facebook Logo  diese Seite auf Facebook teilen