Stadtmagazin Castrop-Rauxel: In der Stadt

Die ›Castroper Pilzkinder‹

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Ein schwarzer Tag in der Lokalgeschichte

Vermutlich kennen viele Castroper das im großen Halbrund gestaltete Grabsteinrelief auf dem katholischen Friedhof St. Lambertus. Und die meisten werden um das traurige Ereignis wissen, für das es steht. Im September 1918 starben 31 Castroper Jungen zwischen 6 und 14 Jahren während eines Ferienaufenthaltes in Posen an einer Pilzvergiftung. Noch heute, nach 95 Jahren, löst die traurige Geschichte der ›Castroper Pilzkinder‹ Betroffenheit aus. Nach wie vor hinterlassen die Nachkommen der betroffenen Familien zu Allerheiligen Kerzen auf ihrem Grab. Wie konnte es zu der Tragödie kommen? Wer trug Schuld? Handelte es sich nicht vielmehr um eine tragische Verkettung von Ereignissen? Wir werfen einen Blick zurück.

Im Frühjahr 1918 beherrschten Hunger und Elend das Ruhrgebiet. Der Erste Weltkrieg hatte die letzten Reserven aufgezehrt, so beschloss man, die Kinder zur besseren Versorgung aufs Land zu schicken. Insgesamt 40 Knaben aus der Augustaschule in Obercastrop, der Franziskusschule auf Schwerin sowie der Viktoria- und der Altstadtschule in Castrop begaben sich mit ihrer Lehrerin Frau Exner auf die viermonatige Reise. Ziel war die Kinderkolonie Bierschlin in Wreschen. Dort sollten die Jungen nicht nur Unterricht erhalten, sondern gegen eine kleine Entlohnung auch bei den anfallenden Hofarbeiten mithelfen.

Es klingt wie eine grausame Ironie des Schicksals, dass sich das Unheil nach einem anscheinend glücklichen Sommer kurz vor der geplanten Rückreise und wenige Wochen vor Kriegsende ereignete. Am Sonntag, den 8. September, hatten die Kinder noch einen Gottesdienst besucht. Auf dem Heimweg stießen sie im Wald auf die Pilze, die ihnen zum Verhängnis werden sollten. Zurück im Gutshof präsentierten sie ihren Fund stolz der Köchin. Diese ignorierte die Einwände der Lehrerin – erst wenige Tage zuvor waren in der Nachbarschaft zwei Personen an einer Pilzvergiftung gestorben – und bereitete den jungen Gästen aus Castrop am 9. September gutgläubig ein Abschiedsmahl aus den mitgebrachten Waldfrüchten zu.

Ein fataler Fehler. Noch in derselben Nacht bekamen die ersten Jungen heftige Magenkrämpfe. Spätere Untersuchungen würden ergeben, dass sich auch grüne Knollenblätterpilze im Kochtopf befunden hatten. Doch daran glaubte der herbeigerufene Arzt zunächst nicht, er diagnostizierte lediglich eine leichte Magenverstimmung. Erst als in der Nacht auf Mittwoch, den 11. September, zwei Kinder starben, ordnete der Mediziner die Verlegung ins Krankenhaus an. Vergeblich. Trotz sofortiger Bluttransfusionen konnte man den jungen Patienten nicht mehr helfen: Von den 33 Jungen, die von dem Pilzgericht gekostet hatten, überlebten nur zwei.

Das Telegramm mit der tragischen Nachricht erreichte den damaligen Castroper Bürgermeister Wynen in den frühen Morgenstunden und verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Drei Familien hatten sogar zwei Kinder verloren. Der Jüngste, Hermann Laumann, war gerade einmal sechs Jahre alt. Doch richtig begreifen konnten die Einwohner das Unglück erst, als die 31 Leichname am 15. September in drei Waggons am Bahnhof eintrafen. Den Berichten von Zeitzeugen zufolge spielten sich herzzerreißende Szenen an den Gleisen ab. Schon in Wreschen hatten die Menschen großen Anteil genommen, so dass die Kindersärge unter Bergen von Kränzen verschwanden. Die Trauerfeier fand am 17. September in der Turnhalle des städtischen Realgymnasiums im Beisein der gesamten Bevölkerung statt. Als der Trauerzug zum zwei Kilometer entfernten Friedhof marschierte, bildeten die Menschen zu beiden Seiten ein Spalier.

Die Kinder, so hieß es in einem Gedicht, das am Tag der Bestattung in der Castroper Zeitung veröffentlicht wurde, starben ›als ein Opfer dieses Krieges‹. Doch nachdem der erste Schock überwunden war, begann die Gerüchteküche zu brodeln. Nach und nach wurden immer massivere Beschwerden laut. Womöglich war die Zeit im Ferienlager längst nicht so sorgenfrei verlaufen, wie von den Eltern angenommen. Hinter vorgehaltener Hand wurde von armseligen Verhältnissen und fragwürdigen Erziehungsmethoden der Lehrerin getuschelt. Stimmte es, dass die Kinder beengt auf Stroh hatten schlafen müssen, dass Bettnässern Prügel angedroht worden war? Wo waren die Lebensmittel geblieben, die sich die Jungen durch ihre Arbeit verdient hatten? Warum hatten Lehrerin und Köchin das Pilzgericht nicht angerührt?

Fragen, die nie geklärt wurden. Der Lehrerin jedenfalls war keine Schuld nachzuweisen, sie unterrichtete noch bis in die 50er-Jahre. Was mit der Köchin geschah, ist unbekannt, da die polnischen Behörden jegliche Zusammenarbeit verweigerten. Ob es nun eine tragische Wendung des Schicksals, Leichtsinn oder gar ein Verbrechen war – wir werden es niemals erfahren. Doch die traurige Geschichte hat das Jahrhundert überlebt, so wie die Gruft an der Wittener Straße. 1922 wurde vor Kopf des Grabes ein Relief des Dortmunder Bildhauers Friedrich Bagdons aufgestellt. 2008 restaurierte man die Gedenkstätte zum 90. Jahrestag. Seit Herbst 2009 finden hier zweimal jährlich auch Bestattungen für Tot- und Fehlgeburten statt.

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