Stadtmagazin Castrop-Rauxel: Menschen

Erinnerungen in Versform

Foto(s) zum Vergrößern anklicken

Quellenangabe in den Vergrößerungen

Hedwig Kiesekamp

Heimweh
Warum bin ich weggezogen
aus der Heimat friedumhegt?
Wie der Brandung wilder Wogen
ist die große Stadt bewegt.

Welch Gedränge, welch Gebrause
nirgends Stille, nirgends Ruh,
nirgends Schatten, kein Zuhause.
Ach, es schnürt die Brust mir zu.

Angstvoll forsch ich hin und wieder
keine Seele, die mich kennt.
Kalt durchschauert’s meine Glieder.
Keins, das meinen Namen nennt.

Bin verlassen im Gewühle
dieser Öde ringsumher,
wie der Bach aus Waldeskühle,
der verrinnt im wilden Meer.

In ihren Erinnerungen sind die Wälder tief und die Wiesen mit leuchtenden Blumen übersät, Kornfelder wogen, Kastanien rauschen und die klare, fischreiche Emscher erzählt gurgelnd von Wasserhexen und anderen Sagengestalten … Wirklich wahr oder nur geträumt, wer weiß das schon? Bei Hedwig Kiesekamp erstrahlt die Vergangenheit in einem goldenen Licht.

Hedwig Kiesekamp – die Straße kennt man, doch nur wenige wissen, wer sich hinter dem Namen verbirgt. Dabei nennen Literaturexperten sie in einem Atemzug mit schriftstellerischen Größen wie Annette von Droste-Hülshoff. Denn die gebürtige Henrichenburgerin (1844–1919) war nicht nur eine begnadete Sängerin, sondern – schon zu Lebzeiten – auch eine überaus angesehene Heimatdichterin.

Am 21. Juli 1844 wurde Hedwig Carolina Theodora Maria Huberta Philomene auf Haus Henrichenburg geboren. Als eines von sieben Kindern des Gutspächters Hermann Bracht wuchs sie behütet inmitten der ländlichen Idylle auf. Schon als junges Mädchen liebte sie die Sagen und Mären des Emscherbruchs und übertraf ihre Mitschüler an Fantasie und künstlerischer Begabung. Doch die glückliche Jugendzeit nahm mit dem Tod des Vaters ein jähes Ende: Hedwig Bracht musste mit nur 15 Jahren ihr Dorf verlassen und besuchte für ein Jahr eine Klosterschule der Ursulinerinnen in Belgien, ehe sie nach Westfalen zurückkehrte. Hier vermählte sie sich 1864 mit dem Mühlenbesitzer und späteren Kammerpräsidenten Wilhelm Kiesekamp zu Münster.

Den Rest ihres Lebens sollte Hedwig Kiesekamp in der Domstadt verbringen, doch ihre rastlosen Gedanken stahlen sich immer wieder zurück zum Ort ihrer Kindheit. Ihre Erinnerungen brachte die junge Frau – zunächst für ihre eigenen Kinder – in Versform oder als Kurzgeschichten zu Papier. Als Autorin verfasste sie teils unter den Pseudonymen ›L. Rafael‹ und ›Helene Kordelia‹ Erzählungen, Lyrik, Dramen und Jugendliteratur. Geschildert werden das bäuerliche Leben, ausgelassene Feste, die Launen skurriler Dorfbewohner. Oft vermischt sich die Realität mit märchenhaften Motiven. In allen Dichtungen ist die Sehnsucht nach der Heimat allgegenwärtig.

Anerkannt war Hedwig Kiesekamp auch als Konzert- und Oratoriensängerin. Zeitgenossen lobten ihre Stimme als ›glockenklar‹ und ›seelenrein‹, bedeutende Komponisten wie Max Reger und Johannes Brahms schrieben Lieder für sie und zählten zu ihren Freunden. Darüber hinaus nutzte die ungewöhnliche Künstlerin ihren Einfluss und Reichtum, um selbst aufstrebende Talente zu fördern.

Die Liebe zu Henrichenburg begleitete Hedwig Kiesekamp ein Leben lang. Entsprechend schmerzhaft erlebte sie die industrielle Wandlung der Region bei späteren Besuchen des Elternhauses: Zechen waren abgetäuft, Kanäle gegraben, Straßen und Flüsse wie die Emscher begradigt worden. Die goldene Idylle des alten Dorfes, der Ort ihrer Sehnsucht existierte bald nur noch auf dem Papier.

Am 2. März 1919 starb Hedwig Kiesekamp in Münster. Ihr Wunsch, in Henrichenburg begraben zu werden, erfüllte sich nicht. An der Westmauer des Zentralfriedhofs in Münster erinnert ein Gedenkstein an die große Heimatdichterin, die es geschafft hat, eine (fast) vergessene Welt mit rauschenden Wäldern, gurgelnden Flüssen und Wassernixen lebendig zu erhalten.

In der Sommernacht
Sommernacht lag ausgebreitet
Über Fluren, Wald und Hain.
Sinnend saßen wir zusammen,
Tiefe Stille wob uns ein!

Sehnend trank ich deine Blicke,
Bis mein Sinn in dir ertrank,
Und mein Herz zum tiefen Grunde
Deines Herzens niedersank.

Facebook Logo  diese Seite auf Facebook teilen