Stadtmagazin Castrop-Rauxel: In der Stadt

Ein Dorf wird 750

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Das Haus Henrichenburg

Jubiläen sind immer ein schöner Anlass, sich mit Geschichte(n) zu befassen. Wer heutzutage durch das Dorf Henrichenburg schlendert, dem fallen die Spuren der Vergangenheit – abgesehen vielleicht von der alten Lambertuskirche – nicht auf den ersten Blick ins Auge. Die ehemalige Wasserburg, deren Überreste bei Bauarbeiten im März 1994 zutage traten, hat einer unauffälligen Heckenlandschaft Platz gemacht, und das herrschaftliche Haus Henrichenburg, bekannt als Geburtshaus der Dichterin Hedwig Kiesekamp, versteckt sich bescheiden hinter dichten Baumwipfeln. Doch wer die Ohren spitzt, der kann zwischen alten Mauern und raschelndem Blattwerk noch immer die raunenden Stimmen der Vorzeit vernehmen …

1263 gilt als Gründungsjahr des Dorfes, denn in diesem Jahr wurde die Henrichenburg erstmals urkundlich erwähnt. 1786 war sie baulich in so schlechter Verfassung, dass man sie abriss und im Baumhof neben dem Gemüsegarten ein neues Gebäude errichtete, das heutige ›Haus Henrichenburg‹. Der ausführende Baumeister Kleinhaus hatte sich vertraglich verpflichtet, Material des Schlosses für den Neubau zu verwenden. So wurde der Hofplatz mit ›historischem‹ Schutt ausgefüllt. Die Gartenmauer, die das neue Gutshaus von der Landstraße abschirmte, fertigte man zur Hälfte aus alten Sand- und Ziegelsteinen. Und im Glockentürmchen auf dem Dachfirst baumelte lange die ehemalige Feuerglocke der Ritterburg.

Gutsbesitzerin war seit 1776 die Fürstin-Franziska-Christine-Stiftung zu Essen-Steele. Sie ließ das Haus Henrichenburg von verschiedenen Pächtern bewirtschaften. Der angesehenste unter ihnen war Hermann Bracht, der das Gut seit 1833 mit seiner Familie bewohnte und sich als überzeugter Demokrat gegen die Vorrechte des Adels und für die Unabhängigkeit der Bauern einsetzte. Jeden Sonntag sollen sich die Dorfbewohner unter den Linden des Kirchplatzes versammelt und seinen Erzählungen von der großen Welt gelauscht haben. Doch erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die feudalen Bindungen der Bauern und Kötter an den Gutsherrn aufgelöst.

Eine Geschichtenerzählerin war auch Brachts Tochter, Hedwig Kiesekamp, die 1844 das Licht der Welt erblickte. Aus ihren Beschreibungen erfahren wir, wie das Rittergut im 19. Jahrhundert ausgesehen hat: Unter uralten rauschenden Kastanien lag es nahe dem Flussufer, umgeben von einem großen Garten. Hier wurden Kohl und Kartoffeln, Erbsen und Bohnen angebaut. Es gab einen Wirtschaftshof und einen Hühnerhof mit Perlhühnern und Tauben, Pfauen, Truthähnen, Enten und Gänsen sowie einen Bienenstock. Am Platz des ehemaligen Schlosses befanden sich noch der alte Schafstall und eine mit blühenden Goldginsterblumen übersäte Weide. Außerdem gehörten Wiesen, Kornfelder, eine Mühle und ein prächtiger Hochwald zum Rittergut.

Die Märchen, die man sich damals am knisternden Kamin erzählte, waren ebenso bunt wie die Landschaft rund um das Haus Henrichenburg. Sie handelten von einem bösen Geist, der in den dunklen Gängen der Burg sein Unwesen getrieben habe, ehe er schließlich im Keller eingemauert worden sei. Auch von einem Silberschatz auf dem alten Schlossgelände und einer Wasserhexe im Kolk, einer tiefen Stelle im Flussbett, wurde den staunenden Kindern berichtet.

Mit dem Einzug der Industrie veränderte sich das Leben im Dorf nachhaltig. Der letzte Pächter verließ das Haus im Jahr 1986, die Ländereien wurden zur Bebauung freigegeben. Das unbewohnte Gebäude litt unter Diebstählen, Verwüstungen und Witterungseinflüssen. So glich es einer Ruine, als die Stiftung es 1990 an Walter Volz verkaufte, der es von Grund auf renovieren und altengerecht umgestalten ließ. Heute dient das denkmalgeschützte Haus an der Freiheitstraße als Mehrfamilienhaus. Mit den alten Mauern haben auch die Geschichten aus verwunschener Ritterzeit die Jahrhunderte überdauert.

750 Jahre Henrichenburg
Im Sommer wird das Dorf Henrichenburg stolze 750 Jahre alt. Grund für eine richtig große Party! Eingebunden ist die Jubiläumsfeier in das Schützenfest des Allgemeinen Bürger-Schützen-Vereins (ABSV) vom 20. bis 22. Juli. Am Sonntag präsentieren sich die lokalen Vereine und Institutionen von 11 bis 15 Uhr auf der Festwiese an der Lambertstraße. Um 16 Uhr beginnt dann der große Umzug durch den Ortskern. Weiter geht es am Abend mit dem Schützenball im Festzelt.

Vorschaubild: Gemälde von Henrichenburg; Quelle Stadtarchiv

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