Stadtmagazin Castrop-Rauxel: In der Stadt

Erinnerungen an die ›Dorfstraße‹

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Ein Geschäft reiht sich ans nächste, der Marktplatz ist voller Menschen und an seiner Seite schiebt sich ein nie enden wollender Strom aus PKWs, Lastern, Rollern und Fahrradfahrern über das graue Pflaster: Die Ickerner Straße ist die zentrale Lebensader ihres Stadtteil. Doch erinnern sich die Bewohner noch gerne an ihr ›schönes kleines Dorf‹.

Noch Anfang des 20. Jahrhunderts prägten hübsche kleine Fachwerkhäuser, ausladende Bäume, grüne Hecken und Gärten das beschauliche Bild entlang der alten Dorfstraße, die erst ab 1926 Ickerner Straße hieß. Nach einem Erlass des Großen Kurfürsten war nämlich jeder Landwirt beim Neubau eines Bauernhauses zur Pflanzung von sechs Eichen und sechs Obstbäumen verpflichtet. Dies geschah sehr zur Freude der Kinder, die die reifen Pflaumen, Birnen und Äpfel im Sommer gern plünderten. Jenseits des gemütlichen Ortskerns erstreckte sich Ackerland. So konnte man das Vieh auf den Weiden sehen und die Bauern mit ihren schweren Heu- und Erntewagen bei der Arbeit beobachten.

Die alte Dorfstraße war als einzige im Ort nicht mit schwarzer Asche, sondern mit richtigen Pflastersteinen gedeckt, da hier seit 1907 die Straßenbahnlinie entlangrollte. Automobile bekam man dagegen kaum je zu Gesicht. Milch-, Bäcker-, Metzger-, Gemüse- und Bierwagen, ja sogar Krankenwagen waren mit Pferden bespannt. Aus diesem Grund hatte man vor dem Gemeindehaus am Fuße der Dorfstraße eine eiserne Krippe aufgestellt. Die müden Tiere konnten sich am Hafer laben, während sich ihre Kutscher in der Gastwirtschaft vergnügten. Ein vertrauter Anblick war der des Kartoffelhändlers Wilhelm Mittelberg, der an Werktagen mit Pferd und Wagen durch die Gemeinde zog und unter dem lautstarken Ruf ›Kartoffeln, Kartoffeln‹ seine Ware feilbot. Hoch zu Ross saßen auch die mit Schleppsäbeln bewaffneten Ortsgendarmen, denen insbesondere die Ickerner Jugend großen Respekt entgegenbrachte: Erzählungen zur Folge hätte kein junger Mann unter 16 Jahren auf der Straße zu rauchen gewagt und auch verliebte Paare suchten sich zum Küssen lieber ein verschwiegenes Fleckchen.
Durch die Abteufung der Zechen und den Zustrom der Arbeiter wurde Ickern immer größer und lebendiger. In räumlicher Nähe zu den Bergarbeiterquartieren, die ab 1907 an der Heine- und Ruprechtstraße entstanden waren, siedelten sich erste Ladengeschäfte, Gastwirtschaften und Trinkhallen entlang der Dorfstraße an. Innerhalb kürzester Zeit wurde der alte Dorfkern zum pulsierenden Geschäftsviertel. 1921 öffnete eine Filiale des großen Kaufhauses Bohe in Höhe der heutigen Hausnummer 43 seine Pforten. Neben Pfeifen aus der Mengeder Drechslerei von Wilhelm Bohe, genannt ›Piepen-Willm‹ konnten die Kunden hier Tabak-, Kurz-, Schreib- und Lederwaren erstehen. Die Gasthäuser waren in jenen Jahren insbesondere an den Zahltagen gerammelt voll. 1953 wurde an der Ickerner Straße / Ecke Heinestraße das große City-Kino eingeweiht. Der repräsentative, im Herzen des Ortes gelegene Bau sollte den Wandel Ickerns vom Dorf zum modernen Stadtteil symbolisieren.

Historische Quellen: Stadtarchiv Castrop-Rauxel

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