Stadtmagazin Castrop-Rauxel: Gesundheit und Wellness

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Vom Leprosenhaus zur modernen Medizin

Der schnelle Griff zur Kopfschmerztablette, das vertrauliche Gespräch mit dem Arzt unseres Vertrauens, ein Bett in einem Krankenhaus oder – im Notfall – die schnelle Hilfe durch den Rettungsdienst: All diese Dinge sind heute für uns selbstverständlich. Das war natürlich nicht immer so. Wir wollten wissen: Wie sah die medizinische Versorgung in Castrop-Rauxel früher aus? Aufschluss gaben das Stadtarchiv und ein Gespräch mit einer ehemaligen Apothekenhelferin.

Lepra –Geißel Gottes
Der beste Weg, im Mittelalter zu überleben, war schlicht und einfach, nicht krank zu werden. Denn eine Schulmedizin im herkömmlichen Sinne existierte damals noch nicht. Neben Kräutern und Tinkturen wurden Zaubersprüche und Beschwörungen, Gebete und Wallfahrten, Aderlass und Blutegelkuren zur Heilung verschiedenster Gebrechen angewandt. Hospitäler gab es zu jener Zeit zwar schon, sie waren aber nicht auf die Behandlung von Kranken spezialisiert, sondern boten ursprünglich den Armen und den Pilgern Unterschlupf. In Folge der Lepraseuche siedelten sich darüber hinaus entlang des Hellwegs viele sogenannte Leprosenhäuser an. Das erste Castroper Krankenhaus war ein solches Leprosenhaus. Es wurde vor über 500 Jahren durch Heinrich und Edgar von Düngelen, den Herren zu Bladenhorst, vor den Toren der Stadt errichtet. Darauf verweist z. B. die alte Flurbezeichnung ›Am Siechenhaus‹. Die Einrichtung befand sich von 1478 bis 1750 westlich des Schlaans an der Bladenhorster Straße und verfügte über einen Viehstall, ein Feld und einen Garten zur Selbstversorgung. Das Gelände zu verlassen, war strengstens verboten. Was die Bewohner besaßen, wurde nach ihrem Tod an die Krankengemeinschaft vererbt.

»Wird nun ein Einheimischer krank, d. h. aussätzig, so erhält er vor allen anderen eine Heimstatt im Haus. Was der Betreffende an Gut hat, muss er mitbringen, wenigstens ein Bett mit Zubehör, einen Kasten, einen Stuhl, einen Topf, wie einen Kessel.«
Quelle Dr. Horst Abée ›Das älteste Castroper Krankenhaus: das ehemalige Leprosenhaus‹, Kultur und Heimat Nr. 3

Pfarrer von St. Lambertus gründet erste Pflegeeinrichtung für kranke Bergleute
Der Bergbau lockte in den 1860er-Jahren Scharen von Arbeitern nach Castrop, darunter viele alleinstehende junge Männer, die im Falle eines Arbeitsunfalls oder einer schweren Erkrankung nicht durch ihre Familie abgesichert waren. In dieser Situation betraute der damalige Pfarrer von St. Lambertus eine Gemeinschaft von Ordensschwestern, die Franziskanerinnen von Salzkotten, mit der Pflege der Kranken. 1868 wurde das katholische Rochus-Hospital im Herzen der Stadt eröffnet. Von einer modernen Klinik konnte damals allerdings noch keine Rede sein, es handelte sich eher um eine Pflegeeinrichtung. Nur in besonderen Notfällen wurde ein niedergelassener Arzt aus dem Ort herbeigerufen.

Röntgenapparat musste auf Erin aufgeladen werden
Der Bevölkerungszuwachs und die sich unter Tage häufenden Arbeitsunfälle führten bald zu einer Überbelegung des Rochus-Hospitals. Da zudem auch die Zahl der evangelischen Bewohner Castrops stark gestiegen war, veranstaltete die evangelische Gemeinde zu Pfingsten 1890 einen Spendenaufruf, der 33.700 DM einbrachte. Im Jahr 1892 wurde das neue evangelische Krankenhaus am Kriegerdenkmal eingeweiht. Ähnlich wie bei den katholischen Nachbarn war die medizinische Versorgung zunächst eher spartanisch. Bis zu 31 Kranke wurden von ein bis zwei Diakonissen gepflegt. Bei Bedarf schickte man nach dem Arzt, der parallel Patienten am Rochus-Hospital betreute. Ein mit Akkumulatoren betriebener Röntgenapparat sei regelmäßig auf der Zeche Erin aufgeladen worden, das berichtete der ehemalige Chefarzt Dr. Heinrich Krah in einer Chronik zum 100-jährigen Jubiläum des Evangelischen Krankenhauses. Als die Klinik 1921 endlich an das Stromnetz angeschlossen wurde, dürfte dies einer kleinen Sensation gleichgekommen sein!

Krieg: Umzug in Zechenstollen angedacht
Der Zweite Weltkrieg brachte den Aufschwung der modernen Medizin in Castrop zum Erliegen. Die Stadt und ihre beiden Hospitäler litten unter den Bombenattacken. Bereits bei Kriegsausbruch hatte man Schutzmauern in das Evangelische Krankenhaus einbauen lassen. Die schwerkranken Patienten wurden fortan im Erdgeschoss untergebracht, damit sie bei einem Luftalarm schnell in den Keller gebracht werden konnten. 1945 erhielt die Klinik das Angebot, in den Stollen der Zeche Victor 3/4 umzuziehen, zu einer Durchführung kam es aber nicht mehr, weil die Amerikaner Castrop besetzten. Bis 1949 wurde das Krankenhaus dann mühevoll wieder aufgebaut. Der moderne Komplex am Grutholz öffnete 1975 seine Pforten.

›Ordensritter‹ führt älteste Apotheke
Inzwischen gibt es Apotheken wie Sand am Meer. Doch als der Bochumer Apotheker Wilhelm Döring zwischen 1807 und 1809 die erste Apotheke der Stadt in einem Fachwerkhaus am Castroper Markt einrichtete, dürfte das Unternehmen viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben. 1868 erwarb Friedrich Grote den Betrieb für 19.000 Taler. Grote, ein angesehener Bürger und Weltenbummler – er soll in seinem Leben mehrmals das heilige Land besucht und mit der Würde eines Ritters des Ordens vom Heiligen Grabe ausgezeichnet worden sein – baute das florierende Geschäft weiter aus: Jahrelang brachte er nach dem Inhaber des Sägewerkes die zweithöchste Gewerbesteuersumme im Amt Castrop auf. Das alte Fachwerkhaus in der Nähe des heutigen Reiterbrunnens genügte ihm daher schon bald nicht mehr und so errichtete er 1873 an der Wittener Straße den Neubau, welcher an der Hausnummer 32 noch heute als Alte Apotheke besteht.

Arzneimittel wurden am Pillenbrett hergestellt
Eine andere historische Apotheke ist die Löwen-Apotheke in Rauxel. Sie befindet sich heute am Berliner Platz, an den ursprünglichen Standort erinnert noch die alte Fassade an der Wartburgstraße. Wir trafen Maria Kramer, die hier ab 1967 im Alter von gerade einmal 15 Jahren zur Apothekenhelferin ausgebildet wurde. »Anders als heute haben wir die Medizin noch selbst ›abgefasst‹: Das fing mit dem ›Pillendrehen‹ an. Zäpfchen wurden u. a. aus Kakaobutter hergestellt. Die Substanz wurde in eine Zäpfchenform gegossen. War die Masse fest, wurde diese Form ähnlich wie ein Waffeleisen geöffnet und die fertigen Zäpfchen konnten entnommen werden.« Tees wie Kamille, Salbei, Pfefferminze füllte die Auszubildende in kleine Tütchen ab. »Am schlimmsten fand ich das Abfüllen von Baldrian-Tropfen. Der Gestank war kaum auszuhalten. Lakritz habe ich dagegen gerne abgefüllt und so manche Salmiakpastille ist in meinem Mund verschwunden.« Konnte ein Patient seine Medizin nicht gleich mitnehmen, da die Arznei erst hergestellt oder bestellt werden musste, wurden die Einkäufe ausgeliefert – nicht mit dem Auto, sondern immer schön zu Fuß. Zum Kundenstamm gehörten in den 60ern noch viele Staublungenkranke. »Diese Patienten bekamen fast alles auf Rezept, bis hin zum Hustenbonbon – heute undenkbar, da nicht verschreibungspflichtige Medikamente nicht mehr verordnet werden dürfen.«

Historische Quellen und Fotos: Stadtarchiv

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