Stadtmagazin Castrop-Rauxel: In der Stadt

Dingen – alte Gerichtsstätte in malerischer Landschaft

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Am Horizont ragen die grauen Schlote des Kraftwerks in den kalten Novemberhimmel, und man hört das leise Rauschen der Autobahn – zwei Kleinigkeiten, die uns kurz daran erinnern, dass wir uns nicht irgendwo auf dem schönen Ländle befinden, sondern mitten im Ruhrgebiet. Doch ein paar Schritte weiter ist dieser Eindruck auch schon wieder verflogen. Weiden, Waldstücke und kahle Felder dominieren die Landschaft, in deren Herzen eine kleine Siedlung aus vielen schicken Neubauten und dem ein oder anderen Fachwerkhaus der winterlichen Kälte trotzt. Und über allem thront das Schloss Dorloh mit dem dazugehörigen Hof – ein Bild wie von einer kitschigen Ansichtskarte stibitzt! Mit der historischen Realität des Stadtteils hat diese idyllische Vorstellung allerdings wenig zu tun. Denn hier, auf einer Anhöhe mit weitem Ausblick über das Emscherland, fanden bis zum Ende des Mittelalters wichtige Zusammenkünfte statt, wurde Politik gemacht und Recht gesprochen.

Dingen – erstmals erwähnt wird dieser Ortsname in den beiden Limburger Vogtrollen von 1220. Er leitet sich ab vom altdeutschen Wort ›dingen‹, welches so viel wie ›vor Gericht verhandeln‹ bedeutet. Als ›Ding‹ oder ›Thing‹ wurde nach altem germanischen Recht eine Gerichtsstätte bzw. eine Volks- oder Gerichtsversammlung bezeichnet. Alle freien Männer eines Stammes waren zur Teilnahme an solchen Versammlungen verpflichtet. Die Treffpunkte mussten daher zentral liegen und gut zu finden sein. Man bevorzugte Hügel, Grabhügel oder Plätze mit markanten Landmarken wie Steinen oder Bäumen (hier sollen insbesondere die Linde oder Eiche sehr beliebt gewesen sein). Neben Gerichtsverhandlungen fanden auch politische Beratungen und kultische Spiele auf dem Thingplatz statt. Frauen und Kinder, Fremde und Sklaven waren übrigens nicht zugelassen.

Dingen war aufgrund seiner exponierten Lage als Thingplatz prädestiniert. Es handelte sich um eine kleine, aber bedeutende Bauerschaft, die sich rund um den alten Dingerhof (1447 urkundlich erwähnt) angesiedelt hatte und zum Gericht und Kirchspiel Mengede gehörte. 1828 gab es hier nur 93 Bewohner in 13 Häusern. Die bäuerliche Struktur wurde über das gesamte 19. Jahrhundert hindurch bewahrt. Erst mit dem Abteufen des Schachtes III der Zeche Graf Schwerin 1903 bis 1905 und später während des Zweiten Weltkrieges durch die Anlage des Schachtes IV kam es zu einer kleinen ›Bevölkerungsexplosion‹. Grund war u. a. die 1923 angelegte Ostrandsiedlung, in der erwerbslose Bergleute eine Bleibe fanden. Dennoch blieb Dingen lange von den Nachbargemeinden abhängig. Die Leute besuchten zunächst die Kirche in Mengede oder Bodelschwingh, 1958 entstand die Kirchengemeinde Dingen/Oestrich mit einem Gemeindezentrum auf Dortmunder Stadt- gebiet. Schulkinder wurden bis 1908 nach Bodelschwingh, dann nach Oestrich und ab der Eingemeindung 1926 auch nach Schwerin geschickt. Inzwischen zählt Dingen aufgrund seiner ruhigen Lage und der guten Verkehrsanbindung zu den gefragten Wohngegenden. Die grüne Landschaft und einige erhalten gebliebene Höfe erinnern noch immer an die alten Zeiten.

Thing
Die ältesten Belege des Wortes finden sich auf Altarsteinen entlang des Hadrianswalls. Dort wird der germanische Gott Tyr – dem übrigens auch unser Dienstag gewidmet ist – als Beschützer des Things verehrt. Im deutschen Wortschatz taucht der Begriff ›Thing‹ in verschiedenen Wörtern wieder auf, zum Beispiel in dinglich, Bedingung, unabdingbar, dingfest oder sich verdingen. In nördlichen Staaten ist das Wort sogar in seiner ursprünglichen Bedeutung erhalten geblieben: So heißt das dänische Parlament Folketing, das isländische Althing und das norwegische Storting.

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