Stadtmagazin Castrop-Rauxel: In der Stadt

Herbstliches Ickern

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Von Eichhörnchen, Backsteinen und der Emscher

Husch! Schnell wie der Wind saust das Eichhörnchen über den Weg, klettert behände den Baum hoch und verschwindet im rotgold schimmernden Laub. Da, schon wieder eins! Es ist Herbst, Erntezeit für den kleinen possierlichen Nager, der sich allmählich sputen muss, um rechtzeitig sein Vorratslager für den Winter zu füllen. Kastanien, Eicheln, Bucheckern aber auch Tannenzapfen und Haselnüsse sind derzeit im Übermaß zu finden. Dies verspricht in der kalten Jahreszeit einen abwechslungsreichen Speiseplan.

Was für ein schöner Beginn unseres Spaziergangs durch Ickern! Strahlendblauer Himmel, Baumwipfel in leidenschaftlicher Farbenpracht, ab und zu das Rascheln herabfallender Blätter, ausnahmslos lächelnde Gesichter und – das gibt es doch nicht! – ein weiteres Eichhörnchen. Ob nun Zufall oder der Jahreszeit geschuldet: Nomen est Omen – so soll es wohl sein! Schließlich ist das Eichhörnchen Namensgeber des Ortes. Im Jahre 1220 war es, dass Ickern erstmalig in der Limburger Vogteirolle 1220 als ›Ichorne‹ (Eichhörnchen) erwähnt wurde. Und auch der älteste geschichtlich bekannte Ickerner, Wernerus von Ychorne, stammt aus dieser Zeit.

Heute sind von seinem Domizil, dem Wasserschloss Ickern am damaligen Nordufer der Emscher, kaum mehr Spuren zu finden. Ebenso hat die Emscher selbst ihr Bild vollends geändert. Vor Jahrhunderten noch ein natürlich mäanderndes Flüsschen mit sanften Windungen und Schleifen, war sie nicht zuletzt aufgrund ihres mangelnden Gefälles den Folgen der starken Industrialisierung kaum gewachsen und mutierte zur Kloake – im Volksmund durchaus liebevoll ›Köttelbecke‹ genannt. Die damit verbundene Seuchengefahr sowie mehrere zahlreiche Überschwemmungen führten dazu, dass sie ab Anfang des 20. Jahrhunderts mehrfach begradigt, umgelegt und kanalisiert wurde. Mittlerweile erinnert lediglich der Straßenname ›Uferstraße‹ an den alten Verlauf der ›Schwatten‹, die allerdings derzeit peu à peu renaturiert wird. Und das Haus Ickern? Allein ein verwitterter Torpfeiler steht für vergangene, prachtvolle Zeiten.

Weiter geht’s zu einem ebenfalls geschichtsträchtigen Ort. Wie viele tausend Knappen, Steiger und Hauer in rund sieben Jahrzehnten bis zur Zechenschließung im Jahr 1973 wohl das Torhaus zur Zeche Ickern I/II durchschritten haben? Ganz Ickern wurde von der damals blühenden Montanindustrie geprägt. Mittlerweile erhalten die Bergarbeitersiedlungen mit ihren kleinen Häusern und großen Gärten ein neues Gepräge. An- und Umbauten, Renovierung und Restauration geben vormals uniformen Straßenzügen neue, individuelle Gesichter. Und auch der Zecheneingang mit der dazugehörigen Kaue hat mit früheren Ansichten wenig gemein. Seit 1985 ist hier die griechische Gemeinde e.V. beheimatet und hat das Gebäude liebevoll zum Kulturzentrum um- und ausgebaut. Wo früher das ruhrgebietstypische Schwarz-Grau herrschte, strahlen heute leuchtend gelbe Sonnenblumen mit ›Radtourlern‹, die im Amphitheater eine kleine Pause eingelegt haben, um die Wette.

Nächster Stopp: die ›Kathedrale‹. Mit der St. Antoniuskirche verfügen die Ickerner über einen wahren architektonischen Schatz. Vor ziemlich genau 90 Jahren begannen die Bauarbeiten des außergewöhnlichen Anschauungsstücks für den sogenannten Backstein-Expressionismus. Das Besondere: Während die äußere Gliederung der klaren Formensprache der Industriekultur des beginnenden 20. Jahrhunderts entspricht, wird im Inneren auf rechte Winkel und gerade Linien völlig verzichtet. Seit 1996 steht die Parabelkirche, nebenbei bemerkt, unter Denkmalschutz. Noch etwas älter ist übrigens der zur Kirche gehörige Kirchenchor St. Antonius, der in diesem Jahre das hundertjährige Bestehen feiert. Moment mal: 90 Jahre Spatenstich, 100 Jahre Chor? Die Erklärung liegt wohl in der Tatsache begründet, dass bereits 1911 für die zugezogenen katholischen Bergarbeiter eine Notkirche errichtet wurde. Und so feiert der Kirchenchor mit Fug und Recht und Sang und Klang das stolze Jubiläum mit einem festlichen Chor- und Orchesterkonzert am 4. November.

Inzwischen steht die Sonne fast waagerecht und taucht den nördlichsten Zipfel Castrop-Rauxels noch einmal in ihr gleißendes Licht. Eichhörnchen haben wir jetzt schon länger keine mehr gesichtet. Mal schauen, morgen soll es noch einmal richtig schön werden – bis dann!

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